Spring oder stirb
Sechs Pferde tänzelten unruhig auf der Kölner Galopprennbahn am Start des Hürdenrennens über 3300 Meter. Die Reiter wirkten noch aufgeregter als die Pferde. Sie schrien sich und die Tiere an. Endlich schrillte die Startglocke.
Nach 200 Metern, am ersten Sprung, wälzten sich vier Pferde und ihre Reiter am Boden. Der führende Hengst Gotenkönig hatte die Hürde umgerissen. Die Verfolger stolperten und stürzten. Drei Jockeis brüllten sich an, der vierte hielt sich die Schulter, sie war gebrochen.
Die übriggebliebenen zwei Pferde galoppierten unter Pfiffen und Gelächter der 6000 Zuschauer weiter. 1000 Meter vor dem Ziel versuchte Jockei G. O'Brien auf Tantivy den führenden My Elvis anzugreifen. Prompt verhaspelte sich auch Tantivy und verlor den Jockei.
Vom Rest hatten inzwischen zwei Reiter ihre Pferde wieder eingefangen und waren nachgeritten. Aber sie kamen zu spät ans Ziel; nur vier Minuten nach dem Sieger läßt die Rennordnung zu.
»So schön Hindernisrennen auch sein können«, kritisierte das Fachblatt »Sport-Welt«, aber »was in dieser Saison Woche für Woche geboten wurde, war schon blamabel«. Die Turffunktionäre in Köln trösteten die Gefallenen, daß wenigstens die Pferde heilgeblieben waren.
Einen Tag später in Hannover ließen auf der Jagdbahn drei Pferde ihr Leben. »Das Rennen wurde zum Abgesang für einen der Senioren des deutschen Turfs«, meldete die »Sport-Welt«, »für den unverwüstlichen Apache.« 15 Jahre alt war der doch Verwüstliche, als der Tod ihn ereilte. Am vorletzten Sprung des 3750 Meter langen Jagdrennens mit 30 Hindernissen knickte der erschöpfte Apache ein und brach sich ein Vorderbein. Der Tierarzt schläferte den Wallach ein.
Noch einmal setzte der Bahnveterinär an diesem Sonntag die Todesspritze an. Im Federgeist-Hürdenrennen brach sich der Hengst Purpur bei einem Sturz ebenfalls ein Vorderbein. Im gleichen Rennen rissen bei dem Wallach Captain Mac an zwei Beinen die Sehnen. Auch er wurde eingeschläfert.
Insgesamt büßten 1982 bei Hindernisrennen mehr als 40 Pferde ihr Leben ein. Nahezu 100 stehen verletzt in den Rennställen. Da kaum verkäuflich, droht auch ihnen die Tötung. Letzter Gewinn: 1,40 Mark pro Kilo vom Schlachter.
»Es gibt nicht mehr genug gute Reiter«, meint der Dortmunder Trainer Reiner Werning, dessen Pferd Stolzer Berber in Hannover gewonnen hatte. »Sie üben zuwenig, und vor lauter Angst behindern sie beim Sprung die Pferde mehr, als ihnen Hilfen zu geben.« Die meisten Hindernisreiter in Deutschland sind Stallburschen oder Freizeitreiter, die für 100 Mark einen Jagdritt übernehmen in der Hoffnung, heil über die Runden zu kommen.
Oft allerdings treten auch die Pferde wenig geübt zu Hindernisrennen an. Viele verweigern den Sprung, brechen zur Seite weg oder verharren trotz harter Peitschenschläge lieber auf der Stelle. Folge: 50 oder 100 Mark Bußgeld für den Trainer wegen »ungenügender Vorbereitung«.
Als »es noch in Deutschland die Kavallerie gab«, erklärt der Turffunktionär Helmuth von der Groeben, »besaßen wir auch noch gute Rennreiter in Regimentsstärke.« Tatsächlich bildeten damals Rennpferdetrainer wie Otto von Mitzlaff ihre Reiter nach der HDv 12 (Heeresdienstvorschrift) aus. Ins Rennen gingen nur Jockeis mit festem Sitz, die es vor allem verstanden, beim Sprung durch das Mitgehen des eigenen Körpers die Pferde zu entlasten.
»Heute sehe ich häufig, wie Reiter sich oft nicht drei Minuten konzentrieren können«, urteilt Sven von Mitzlaff, wie der Vater ein erfolgreicher Galopptrainer. »Es wird geredet, geschimpft, mit den Armen herumgefuchtelt, und die Pferde gehen wie die Droschkengäule.«
Inzwischen büßte der Hindernissport auf deutschen Plätzen seine Spitzenstellung ein. So wie es in der schnellsten Automobilklasse Formel 1 in Deutschland an guten Autos und vor allem erstklassigen Fahrern fehlt, vermissen die Turffreunde gute Pferde und Reiter.
So stagnierte auch die Zahl der Wetteinsätze in den letzten drei Jahren bei Hindernisrennen spürbar. Während in jedem durchschnittlichen Flachrennen (ohne Hindernisse) etwa 50 000 Mark an Wettgeld eingezahlt werden, riskieren die Wetter bei Rennen über Sprünge noch nicht soviel. Der Dortmunder Rennverein ersetzte 1981 seine Jagdbahn, die als beste in der Bundesrepublik galt, durch eine Sandbahn, auf der nur noch abends unter Flutlicht Flachrennen ausgetragen werden.
»Leider kommen oft Pferde auf die Hindernisbahn, die entweder zu langsam, zu schwach oder gar krank sind«, rügt Trainer Harro Remmert aus Neuß. Die Reiter prägen sich häufig nicht einmal den Kurs des Jagdrennens ein und schlagen, in Führung liegend, die falsche Richtung ein wie Paul Bocskai am 14. Februar in Frankfurt. Er erhielt zwei Wochen Reitverbot.
Völlig verloren Reiter und Rennrichter die Übersicht beim Gänseblümchen-Jagdrennen am 3. März in Neuß, wo von 15 Startern nur sechs ins Ziel kamen. Ein Pferd mußte getötet werden. Krankenwagen und Sanitäter suchten noch lange nach dem Rennen nach Verletzten. Mehrmals zitierten die Rennrichter beteiligte S.229 Trainer und Jockeis zum Rapport. Resultat: keine Strafe.
Bei den regelmäßigen Verhören patzender Reiter und sorgloser Trainer erklärte einmal der Münchner Trainer Wolfgang Figge auf die Frage, warum sein Reiter den vom Publikum stark gewetteten Dom Alberic vorzeitig angehalten habe, freimütig, daß das Pferd nach einer Sehnenverletzung nur aus Testgründen an den Start gegangen sei. »Dom Alberic hatte vorher wenig gearbeitet«, gestand Trainer Figge. »Außerdem ist der Boden härter gewesen, als ich gedacht hatte.« Die Rennleitung gab sich zufrieden.
Doch am 17. Oktober in Krefeld verloren die Rennrichter die Geduld. Der Amateurreiter Rolf Gaßmann, Bundeswehrmajor in Warendorf, für den ein Jagdrennen »wie Krieg« ist, zwang die Stute Gesolei vor dem letzten Hindernis zu neuem Anlauf, nachdem sie zuerst entkräftet den Sprung verweigert hatte. Gesolei sprang und verletzte sich so schwer, daß sie getötet werden mußte. Die Rennleitung zeigte Gaßmann beim verbandseigenen Ordnungsausschuß an. Bis zur Verhandlung erhielt der Major Reitverbot.