Spur in den Osten - DER SPIEGEL
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LEICHTATHLETIK Spur in den Osten

War die dopingverseuchte Zahnpasta ein perfider Anschlag, oder versucht Dieter Baumann trickreich den Verdacht von sich abzuwenden? Am Samstag will der Verband entscheiden. Die Kripo ermittelt weiter - ein Hinweis führt zu einem Funktionär aus der Ex-DDR.
• aus DER SPIEGEL 3/2000
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Die Wahrheit ist Dieter Baumann 100 000 Mark wert. Aber nicht mal für das Geld gibt es zur Zeit Wahrheit zu kaufen.

Genau zehn Angebote gingen am vergangenen Donnerstag per Telefon bei der Tübinger Polizei ein. Tags zuvor hatte der unter Dopingverdacht stehende Läufer die sechsstellige Belohnung für die Aufklärung in seinem Fall ausgesetzt.

Aber am Ende waren neun von zehn Gesprächen doch wieder nur »allgemeines Blabla«, wie ein Ermittler enttäuscht zusammenzählt; ob der zehnte Anrufer wirklich weiterhilft, steht in den Sternen.

Das Ergebnis ist symptomatisch für den Stand im spektakulärsten Krimi des deutschen Sports: Jeden Tag neue anonyme Hinweise, aber nach sechs Wochen noch kein erfolgversprechender Ermittlungsansatz, wer dem zweimal positiv getesteten Olympiasieger von 1992 mit einem Schuss Nor-Androstendion in der Zahnpasta die Zukunft vergiftet haben könnte.

Ob es ein perfider Anschlag war oder die besonders trickreiche Vernebelungsaktion eines Dopingsünders - mit jedem Tag, der ohne Klärung der Affäre verstreicht, wird der Schaden größer: In der vergangenen Woche ließ der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) dem Kölner Doping-Analytiker Wilhelm Schänzer den Auftrag entziehen, in dessen Labor Trainingsproben seiner Athleten zu untersuchen - Schänzer hatte sich nach DLV-Ansicht zu sehr um eine Entlastung Baumanns bemüht.

Für Baumann selbst, ob als Sportler oder Anti-Doping-Vorkämpfer jahrelang die weiße Hoffnung des Langstreckenlaufs, droht eine weitere schwarze Stunde am Samstag: Dann könnte das DLV-Präsidium seinem Rechtsausschuss eine Zweijahressperre empfehlen - das Ende der Karriere.

Ob die Tübinger Ermittler ihn noch vor einer Sperre bewahren können, erscheint immer fraglicher: »Wir stochern im Nebel, die Aussichten sind nicht groß«, gibt der Leitende Oberstaatsanwalt Hans Ellinger zu. »Alles Mist«, flucht ein anderer Fahnder, »so viele Experten, die rumschwätzen, aber nichts Konkretes.« Eine Sondergruppe von Beamten der Tübinger Landespolizeidirektion kümmert sich intensiv um Baumanns Anzeige, wenngleich sie eigentlich größere Kaliber gewöhnt ist. Ellinger: »Für Baumann ist das zwar eine menschliche Katastrophe, strafrechtlich gesehen aber eher ein Randgebiet.«

Noch immer finden die Fahnder mehr Fragen als Antworten. Und wie der Stoff in die Kunststofftube kam, in welcher Menge, ob als Pulver oder schon angemischt, dazu dauern die Untersuchungen des Landeskriminalamts in Stuttgart an. Mehrere Gutachten hat die Staatsanwaltschaft in Auftrag gegeben, darunter auch bei den Dopinglabors in Köln und Kreischa.

Doch selbst wenn geklärt ist, wie die Zahncreme kontaminiert wurde, braucht die Kripo zur Überführung immer noch ein Geständnis, einen Beweis oder einen genetischen Fingerabdruck auf der Tube. Auch danach wird gesucht.

Verlassen konnten sich die Ermittler bisher nur darauf, dass die Zahl der losen Fäden in ihren Händen immer größer wird: So will Baumann die Zahnpasta, eine Elmex sensitive, schon 1998 gekauft haben; die aufgedruckte Chargennummer beweist aber, dass die beschlagnahmte Tube erst im Frühjahr 1999 produziert wurde. Daraus schließt Baumann, dass der Täter das Corpus delicti ausgetauscht haben muss, wahrscheinlich im Trainingslager in St. Moritz im Juli. Beweise dafür hat niemand.

Neue Nahrung für die Theorie eines Anschlags gibt es trotzdem. Sie führt in den Dunstkreis alter DDR-Doping-Kader. Die Staatsanwaltschaft geht Hinweisen aus einem anonymen Brief nach, in dem ein früherer DDR-Trainer als Drahtzieher der Aktion belastet wird. Dabei soll es sich um einen Funktionär handeln, der seit der Wende eine hochrangige Position im deutschen Sport einnimmt.

Dass die Manipulation der Zahnpasta auf dem Know-how der untergegangenen DDR basiert, scheint nicht aus der Luft gegriffen. Anfang der achtziger Jahre forschten Wissenschaftler in Leipzig und Berlin nach neuen Wirkstoffen und neuen Darreichungsformen. Sie kamen etwa auf Androstendion, ein Hormon, das dem Nor-Androstendion sehr ähnlich ist. Und sie fanden heraus, dass die Hormon-Applikation über Nasen- und Mundschleimhaut etwa mit »Buccaltabletten«, also im Mund zergehenden Pillen, möglich ist.

Das Basiswissen für die Verabreichung über Zahncreme und die notwendigen Experimente über die Nachweisbarkeit im Urin waren somit vorhanden. Nach der Wende reichte Rüdiger Häcker, letzter Ärztlicher Direktor des Leipziger Forschungszentrums FKS, seine Funde zum Patent in Europa und in den USA ein.

Die biochemischen Hintergründe, die notwendig sind, um eine Zahnpastatube so zu manipulieren, gehören andererseits zu den entlastenden Indizien, die gegen einen Betrüger Baumann sprechen. Der gelernte Fotolaborant oder seine Hintermänner hätten über Detailkenntnisse verfügen müssen, die nicht einmal den Mitarbeitern des Kölner Dopinglabors bis zu ihren Recherchen geläufig waren.

Der Tuben-Manipulator musste wissen,

* dass Mundschleimhaut und Zahnfleisch Dopingsubstanzen aufnehmen können;

* dass zur Vermischung von Zahncreme und Nor-Androstendion zwei Lösungsmittel besonders geeignet sind: Methanol oder Äthanol;

* wie hoch, vor allem, die Dosis sein muss, um nach Gebrauch von zwei Zentimeter Zahnpasta und zweiminütigem Putzen einen realistischen, nicht zu hohen Dopingwert zu erzeugen.

Doch weil alle kriminaltechnischen Ermittlungen bis Ende der Woche nicht weit genug gediehen waren, steckt das DLV-Präsidium in einer Zwickmühle: Empfiehlt es eine zweijährige Sperre, drohen dem Verband Haftungsansprüche. Baumanns Anwalt Michael Lehner kündigt an, in einem solchen Fall Schadensersatzklage einzureichen. Hebt der DLV die Suspendierung auf, beschwört er einen Aufstand seiner Ostverbände herauf, denen Medienliebling Baumann immer ein Dorn im Auge war.

Im Fall einer Sperr-Empfehlung würde das Verfahren im Rechtsausschuss des DLV fortgesetzt. In der Beantwortung der Frage, ob er den in den Bestimmungen geforderten »hinreichenden Tatverdacht« erfüllt sieht, hat dieses Gremium weit reichenden Spielraum. Es kann die Glaubwürdigkeit des Athleten, Gutachten, Sachverständige und Indizien würdigen. Es kann aber auch die positive Dopingprobe als einzig relevantes Faktum ansehen: Baumann würde dann gesperrt.

In diese Richtung hat der aktuelle Ausschuss bisher stets entschieden - und er wird wohl auch im Fall Baumann so handeln, schon deshalb, weil die Sportverbände nichts mehr fürchten, als dass durch eine unkonventionelle Entscheidung das gesamte Anti-Dopingsystem des deutschen Sports in Frage gestellt wird.

Die Angst des DLV, dass sein Kontrollsystem zusammenbricht, wenn Baumann freigesprochen wird, hat bizarre Folgen. Sie gipfeln etwa in dem Vorwurf, Biochemiker Schänzer habe gegen das Gebot der Neutralität verstoßen. In der ebenfalls über Schänzers Verhalten entrüsteten »Frankfurter Allgemeinen«, einer Art Sprachrohr des DLV-Präsidenten, posaunte Helmut Digel sogar: »Ich bin der Meinung, dass das IOC endlich eine Untersuchung gegen Schänzer einleiten muss.«

Mit seiner Bestrafungsaktion gegen Schänzer offenbart Sportsoziologe Digel ein eigenartiges Verständnis der Freiheit von Wissenschaft und Forschung. Hätte Schänzer, einer der weltweit renommiertesten Doping-Analytiker, nicht weiter forschen sollen, obwohl er überzeugt war, dass Baumann nicht manipuliert hatte? Und warum hätte sich gerade er als profunder Kenner der Dopingszene einen Maulkorb verpassen sollen?

Vor allem scheint Digel zu vergessen, dass er am Anfang der Affäre Baumann bereit war zu helfen. Sowohl Schänzer als auch Baumann-Anwalt Lehner berichten, dass es der Verbandschef gewesen ist, der bei einer DLV-Anhörung den Auftrag erteilt hat, die Nor-Androstendion-Quelle zu recherchieren.

Baumann muss dieser Tage zusehen, wie sich immer mehr einstige Weggefährten wie Digel von ihm abwenden. Seine Einlassungen werden zunehmend radikaler ("Man erwartet offenbar einen Opfergang"), und auch seine ursprüngliche Strategie hat er verworfen. Wollte er anfangs nichts davon wissen, mit rein juristischen Argumenten vom Dopingverdacht freizu- kommen, so denkt er nun anders: »Wenn der DLV sagt, wir gehen auf die Tube und einen Anschlag nicht ein, wir sperren dich. Dann will ich geklärt haben, inwieweit dieser Nandrolon-Fund überhaupt relevant ist.«

Auf internationaler Ebene oder vor einem ordentlichen Gericht dürfte er bei einer erneuten Überprüfung sogar gute Chancen haben. Die angeblichen Nandrolon-Sünder Olympiasieger Linford Christie und Europameister Doug Walker (beide Großbritannien) sowie die ehemalige Weltmeisterin Merlene Ottey (Jamaika) wurden kürzlich von ihren nationalen Verbänden freigesprochen.

Das hat es auch nach vermuteten Anschlägen schon mehrfach gegeben. Die positiv getestete Sprinterin Susanthika Jayasinghe aus Sri Lanka, Vizeweltmeisterin 1997 in Athen, konnte glaubhaft machen, dass ein verschmähter Liebhaber sie mit einem positiven Dopingtest bloßstellen wollte. Ein Moskauer Gericht glaubte Hürdensprint-Weltmeisterin Ludmilla Naroschilenko, dass ihr früherer Mann und Trainer ohne ihr Wissen Dopingmittel ins Essen gemischt habe. Heute ist sie unter dem Namen Engquist für Schweden erfolgreich.

Dass sich Baumann in diese Liste zwielichtiger Fälle einreihen muss, beschäftigt ihn Tag und Nacht. In den beiden vergangenen Wochen trainierte er an der Algarve. Dort ist er zwar beinahe so intensiv gelaufen wie in normalen Zeiten. Doch der Effekt war bescheiden. »Ich schlafe nachts noch immer kaum«, sagt er, »und das drückt die Leistung.«

Und wenn die Familie zu Hause in Tübingen Gäste empfängt, bittet Baumann sie, an jenem Ende des Esstisches Platz zu nehmen, das der Küche zugewandt ist. So sei man von der gegenüberliegenden Straßenseite nicht zu erkennen. »Ich weiß«, sagt Ehefrau Isabelle Baumann, »man wird mit der Zeit ein wenig paranoid.« JÜRGEN DAHLKAMP, UDO LUDWIG

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