Frauenfußball-WM: Englands Bardsley patzt, Mexiko jubelt
Stolper-Start gegen Mexiko Englands ewiger Schwachpunkt
Als die peruanische Schiedsrichterin Silvia Reyes die dreiminütige Nachspielzeit etwas vorzeitig beendete, senkte Karen Bardsley den Kopf. Die Torhüterin der englischen Frauen-Nationalmannschaft wirkte todunglücklich. Auch die Aufmunterung der Kolleginnen konnte die englische Nummer eins nicht trösten. Denn dass der Geheimfavorit England, immerhin als Vize-Europameister in dieses Turnier gegangen, nur mit einem 1:1 (1:1) gegen Mexiko startete, lag an einem altbekannten Problem. Und das betrifft den Torwart.
Nachdem Fara Williams mit einem sehenswerten Kopfball den Favoriten in Führung gebracht hatte (21. Minute), glich die Mexikanerin Monica Ocampo mit einem Schuss aus 30 Metern aus (33.). Ein Volltreffer, der allerdings zeigte, dass England offenbar ein geschlechterübergreifendes Torhüterproblem hat. Die 1,81 Meter große Bardsley sah jedenfalls gar nicht gut aus und flog unbeholfen unter dem Ball hindurch. "Ich muss mir das alles noch mal genau ansehen, aber sie kann solch einen Ball sicher halten, auch wenn er geflattert ist", sagte ihre Trainerin Hope Powell.
"Solche Fehler habe ich allerdings auch im Männerfußball schon gesehen." Vor allem auf der Insel. Erinnerungen an ihre männlichen Pendants wie David Seaman oder David James wurden bei dieser Szene unweigerlich wach. "Ich habe das nie so trainiert", sagte die zur Spielerin des Tages gekürte 24-jährige Ocampo, "da war eine Menge Glück dabei." Und englisches Unglück zwischen den Pfosten.
Der Patzer der 26-jährigen Bardsley die ansonsten bei den Sky Blue FC in New York als verlässliche Torhüterin in der US-Profiliga WPS gilt, war aber nicht der einzige englische Mangel. "Wir sind nach der Führung zu selbstsicher gewesen", gab Powell an. Die größte Enttäuschung war dabei die völlig untergetauchte Kelly Smith, die im Vorfeld als vermeintlicher WM-Star gehandelt worden war. Lauf- und zweikampfschwach, merkwürdig gehemmt und seltsam fahrig wirkte die Stürmerin. Powell wälzte die Schuld aber nicht allein auf die 32-Jährige ab.
"Sie hat hart gearbeitet, aber es war nicht ihr Tag. Sie kann nicht immer brillieren." Aus Powells Sicht war vielmehr die Hitze für den lauen Kick verantwortlich. "Es war hier zuletzt noch nie so warm wie heute. Meine Spielerinnen waren müde, sie sind alle enttäuscht", sagte die 44-Jährige, um dann fast resignierend anzufügen: "Wir hätten dieses Spiel besser gewinnen sollen."
Sollte Deutschland im Viertelfinale auf England treffen - was nach Konstellation in beiden Gruppen derzeit durchaus möglich ist - müsste sich der WM-Gastgeber kaum fürchten. Zumal die deutschen Fußballerinnen bereits das EM-Endspiel 2009 gegen England 6:2 gewonnen hatten.
Mexikos Trainer Leonardo Cuellar sprach indes "von einem großen Tag", weil er seine seit über einem Jahrzehnt währende Pionierarbeit an diesem Sommerabend gekrönt sah: "Wir haben der Welt gezeigt, dass wir wettbewerbsfähig sind." Um aber wirklich Geschichte zu schreiben, benötigt sein Team eine bessere Führungsfigur, als es Maribel Domínguez, genannt "Marigoal", an diesem Tag war.
Die 32-Jährige ist eigentlich seine Schlüsselspielerin, "unsere wichtigste Persönlichkeit", wie Cuellar sagt. Aber gegen England gelang ihr kaum etwas. Bezeichnend, dass sie wegen Krämpfen vorzeitig ausgewechselt werden musste. "Sie ist viel gerannt, ohne Erfolg, aber im nächsten Spiel wird sie wieder da sein", so Cuellar.
Der 59-Jährige war hinterher immerhin so ehrlich, den wirklich bemerkenswerten Fakt dieser Begegnung noch ungefragt herauszustreichen. "Ich muss allen Fans für diese Unterstützung danken." Es war bewundernswert, wie sich bei Schlusspfiff auf den Rängen nahezu alle Zuschauern rührten. Sie applaudierten für eine fade Begegnung, die bewies, dass nicht überall Fortschritte des Frauenfußballs zu bewundern sind.