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DOPING Supermarkt des Grauens

Das IOC zeigt sich alarmiert: Rasante Fortschritte in der Biotechnologie machen Gen-Doping immer wahrscheinlicher.
• aus DER SPIEGEL 48/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Experiment geriet für die Probanden zu einem lebensgefährdenden Unterfangen. Elf Wochen nachdem US-Forscher zwei Pavianen ein blut- bildendes Gen gespritzt hatten, drohten die Adern der Affen zu verklumpen - das Blut war fast so dickflüssig wie Ketchup geworden.

Nur hektisch angeordnete Aderlässe verhinderten, dass die geschundenen Kreaturen in einem Labor im kalifornischen Emeryville verendeten.

Der Hämatokritwert, der den Anteil der roten Blutkörperchen bezeichnet, hatte sich bei dem Versuch beinahe verdoppelt und war grotesk auf 75 hochgeschnellt.

Immerhin: Die Studie verfolgte ein hehres Ziel. Schließlich wollten die Wissenschaftler herausfinden, ob sich das Blutbildungshormon Erythropoietin (Epo), das sich bei Mensch wie Tier aus der Niere speist, auch durch Einbringen fremden Erbgutes aktivieren lässt. Denn allein in Deutschland gibt es 45 000 Dialyse-Patienten, die unter Blutarmut leiden, nicht genügend körpereigenes Epo produzieren und sich bis zu dreimal wöchentlich einen Ersatzstoff spritzen müssen. Jährliche Kosten: knapp 450 Millionen Mark.

Der Wissensdrang der Forscher indes wirkt nicht nur segensreich. Denn an den Gen-Präparaten, die noch im Entwicklungsstadium sind, werden alsbald auch Spitzensportler heftiges Interesse zeigen - und mit den Innovationen aus der Biotechnologie eine neue Dopingära einleiten.

Ein Alptraum, der das Internationale Olympische Komitee (IOC) aufgeschreckt hat. Bei einem Treffen in Amsterdam an diesem Samstag lassen sich die Funktionäre von renommierten Gen-Forschern die Worst-Case-Versionen schildern. So ist für den Leipziger Gerichtsmediziner Klaus Müller der erste Gen-gedopte Athlet nur noch eine Frage der Zeit. »Wir stellen uns darauf ein wie ein Hausbesitzer«, sagt der Leiter des Dopinglabors in Kreischa, »der einen Einbruch erwartet.«

Die düstere Prognose ist begründet. Denn die Athleten geraten verstärkt unter Druck. Die herkömmliche Art des Epo-Missbrauchs nämlich, der regelmäßige Griff zur Spritze, wird immer riskanter.

So will das IOC im Februar bei den Winterspielen in Salt Lake City den Hämatokritwert aller Athleten erfassen und mit kombinierten Blut- und Urintests auf die Einnahme von Erythropoietin testen - Epo-Sünder wie der italienische Radheld Marco Pantani, bei dem Ärzte 1995 nach einem Sturz durch Zufall einen Hämatokritwert von bedrohlichen 60,1 feststellten, würden mit heutigen Analysemethoden sicher auffliegen.

Die rasante Entwicklung der Gen-Forschung könnte die Dopingjäger nun schwer zurückwerfen. Denn wenn Sportler einmal ihr Erbgut manipuliert haben, erledigt den Rest der Körper - der Dopingnachweis ist nur indirekt und mit großem Aufwand möglich.

Wie im Supermarkt, so das Horrorszenario, ordern willige Athleten demnächst, was Forscher zum Wohle der Menschheit so alles ersinnen: das Gen für die Ausdauer, das Gen für die Schnelligkeit, das Gen für das Reaktionsvermögen. Rund 30 für den Sport relevante Erbanlagen glauben Wissenschaftler bereits erkannt zu haben.

Welche Vorteile genetisch optimierte Körper im Sport bringen, zeigt sich immer dann, wenn die Natur ihre Launen auslebt. So war etwa der finnische Skilangläufer Eero Mäntyranta, in den sechziger Jahren dreimal Olympiasieger, in der Lage, 50 Prozent mehr Sauerstoff als ein gewöhnlicher Mensch in seinem Blut aufzunehmen - begünstigt durch eine Gen-Veränderung, die sich in seiner Familie belegen ließ.

Als Mutant erwies sich den verdutzten Forschern auch die kalifornische Bodybuilding-Ikone Ken »Flex« Wheeler, der in diesem Jahr zurückgetreten ist. Sein beinahe berstender Körper bildet erheblich weniger Myostatin als üblich - ein Eiweiß, das unkontrolliertes Wachstum der Muskulatur verhindert.

Mancher Sportler mag Kraftprotz Wheeler um seinen Gen-Defekt beneiden. Wissenschaftler warnen jedoch schon jetzt vor einem medizinisch unbegründeten Applizieren von Erbgut. »Das Zeug ist dermaßen wirkungsvoll und gefährlich«, sagt Bengt Saltin, führendes Mitglied der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, »dass wir die Sportler unbedingt vor sich selbst schützen müssen.«

Am wahrscheinlichsten ist für die Forscher der Siegeszug des Epo-Gens. Denn im Unterschied zum Einbringen von fremdem Erbgut in bestimmte Muskelpartien, die nur lokal beeinflusst werden können, verheißt die künstlich in Gang gesetzte Blutbildung wundersame Effekte. »Sie wirkt auf den ganzen Organismus«, sagt Epo-Forscher Saltin, »so etwas gab es noch nie.«

Tierversuche zeugen zudem von der erstaunlichen Langlebigkeit des Stoffs. Während Gen-Tests mit Muskelzellen bisher meist daran scheiterten, dass die injizierten Erbanlagen spätestens nach ein paar Wochen ihre Wirkung verloren, produzierte das Epo-Gen endlos rote Blutkörperchen.

»Die Affen wurden ein halbes Jahr lang beobachtet«, konstatiert der Däne Saltin, »und die Hämatokritwerte nahmen einfach nicht ab.« ANSGAR MERTIN

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