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SPRINGREITEN Täglich Bücklinge

Springreiter Gerd Wiltfang ist Welt- und Europameister. Trotzdem hält der deutsche Turnier-Adel Distanz.
• aus DER SPIEGEL 37/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn der Meister reitet, mokieren sich in der Ehrenloge die hohen Herrschaften. »Na, diesmal hat er wenigstens die Peitsche nicht in der Kabine liegengelassen«, sagte in Aachen ein Vorstandmitglied der Deutschen Reiterei. »Daß er aber auch nach jedem Sprung seine Kappe korrigieren muß«, bemäkelte ein anderer. »Das sieht ja aus wie beim Pfandleiher.«

Wo auch der Bäckergeselle Gerd Wiltfang, 35, in den Sattel steigt, die vornehmen Spitzen des bundesdeutschen Turniersports sind nicht glücklich mit ihrem Weltmeister und Europachampion. Sogar die Reiterkameraden ergötzen sich hinter seinem Rücken. Wiltfangs Entdecker und Ausbilder Alwin Schockemöhle verriet einmal Journalisten: »Der Gerd hat leider kein gutes Benehmen.«

Einmal ermittelte der Verband sogar wegen Tierquälerei gegen ihn. »Alles Quatsch«, wehrte sich Wiltfang. Tatsächlich legten ihm Augenzeugen die Behandlung überanstrengter Sehnen an Pferdebeinen, das sogenannte »Pliestern«, als Schinderei aus. In Wirklichkeit tat es Wiltfangs Pferden gut.

Die Nörgelei hatte Methode. In dieser Woche beginnen in München die Europameisterschaften der Turnierreiter. Im Springreiten verteidigt Wiltfang den Titel. Viele im eigenen Verband sähen lieber einen anderen Deutschen als Meister.

Einer unter Deutschlands Reitern hielt stets zu Wiltfang: Weltcupsieger Hugo Simon, der, obwohl in der Pfalz ansässig, seit Jahren für Österreich reitet. »Wenn du bei den Deutschen nicht täglich 20 Bücklinge vor den Funktionären und ihrem Anhang machst«, meinte Simon, »bist du weg vom Fenster.«

Die Abneigung der Reit-Oberen gegen ihren Doppelmeister besteht schon länger als ein Jahrzehnt. Damals ritt Wiltfang die 40 Pferde des Bauunternehmers Josef Kun für ein Monatsgehalt von 8000 Mark.

»Nur wenn ich vom Pferd falle, ist mir die Teilnahme an der Europameisterschaft zu nehmen«, frohlockte Nachwuchsreiter Wiltfang 1973, noch bevor die Funktionäre ihn nominiert hatten. Er hatte sich zu früh gefreut.

Ausgerechnet beim Qualifikations-Springen für die Europameisterschaft weigerte sich Wiltfangs Pferd »Askan« dreimal, ein Hindernis zu überspringen; damit schied der Reiter reglementgemäß aus. Zudem hatten Gerichtsvollzieher alle Pferde des bankrotten Bauunternehmers Kun gepfändet. Die Ehefrau des Schimmelreiters Wiltfang klagte: »Das ganze Hin und Her hat Askan die Nerven kaputtgemacht.«

Aber auch um die häusliche Ruhe der Wiltfangs war es bald geschehen. Zuerst spannte Reiterkamerad Hendrik Snoek dem Olympiasieger und Wiltfang-Ausbilder Alwin Schockemöhle die Frau aus. Der wieder suchte Trost bei der Frau seines Schützlings. Gerd Wiltfang, inzwischen Besitzer eines großen Bauernhofes bei Bremen, ritt von morgens bis abends seine Pferde. »Von den Gewinnpreisen kann ich nicht leben«, erklärte er seine Unrast. »Ich muß alljährlich auch ein paar gut eingesprungene Pferde verkaufen.«

Zu spät fiel ihm der Zerfall seiner eigenen Familie auf. Seine Frau verließ ihn, die Scheidung kostete ihn 750 000 Mark.

Nun mäkelten die Verbandsbosse an der mäßigen Reitform ihres Weltmeisters herum. »So gehört er nicht in die Nationalequipe«, warnte Reiterpräsident Dieter Graf Landsberg-Velen. Nur Freund Simon hielt weiter zu Wiltfang: »Nur noch einer ist besser als ich, mein Freund Gerd.«

Tatsächlich schien es im Frühjahr 1981, als ritte der Weltmeister wieder erfolgreicher. In Aachen gewann er das Spring-Championat. Er stellte fest: »Mit mir geht es wieder aufwärts.« »Bild« wußte den Grund: »Der Weltmeister ist wieder verliebt.«

Wiltfangs Entdecker Alwin Schockemöhle hatte jedoch einen neuen Musterschüler ausgebildet: den Holländer Franke Sloothaak. Wiltfang spürte die neue Konkurrenz und wertete sie sogleich ab: »Sloothaak ist zwar ein guter Reiter, aber ihm fehlt Routine.« Die bundesdeutschen Rittmeister jedoch dachten anders. Sloothaak rückte auf Anhieb in den Nationalkader ein.

Bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin frohlockten die Funktionäre sichtlich. Weltmeister Wiltfang, mit Sloothaak vor dem Finale gemeinsam an der Spitze liegend, verritt sich und fiel auf den vierten Platz zurück. Sloothaak wurde Meister.

Doch Wiltfangs Situation hat sich entscheidend verbessert. Alwin Schockemöhle, der Sloothaak-Förderer, trat zurück. Der neue Bundestrainer Hermann Schridde erklärte: »Ausgerechnet im eigenen Land können wir schließlich den eigenen Europameister nicht zum Ersatzreiter machen.«

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