Australian-Open-Finale gegen Jannik Sinner: Für Alexander Zverev reicht es einfach nicht - DER SPIEGEL
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Niederlage bei den Australian Open Für Zverev reicht es einfach nicht

Drittes Grand-Slam-Finale, dritte Enttäuschung: Am unaufhaltsamen Jannik Sinner scheiterte Alexander Zverev kurz vor seinem großen Ziel. Nach dem Match fand er deutliche Worte – und wurde mit Misshandlungsvorwürfen konfrontiert.
Alexander Zverev nach der Niederlage gegen Jannik Sinner: »Du bist einfach zu gut«
Alexander Zverev nach der Niederlage gegen Jannik Sinner: »Du bist einfach zu gut«

Alexander Zverev nach der Niederlage gegen Jannik Sinner: »Du bist einfach zu gut«

Foto: Graham Denholm / Getty Images

Der große Unterschied zwischen eins und zwei: Alexander Zverev hat das alles schon mal erlebt. Zweimal sogar. Und trotzdem ist diesmal etwas anders. Bei den US Open 2020 war er zwei Punkte von seinem ersten Grand-Slam-Titel entfernt, als ihm die Nerven versagten. Vier Jahre später stand er bei den French Open erneut vor der Erfüllung seines Lebenstraums, der Krönung seiner Karriere. Doch Zverev war körperlich nicht in der Lage, das Finale trotz 2:1-Satzführung für sich zu entscheiden. Bei den diesjährigen Australian Open präsentierte sich Zverev so fit wie wahrscheinlich noch nie  in seiner Karriere. Er zeigte im Endspiel kein schlechtes Tennis. Aber der Unterschied zwischen Zverev, der Nummer zwei der Welt, und Jannik Sinner, dem Weltranglistenersten, war zu groß.

Das Ergebnis: »Du bist mit Abstand der beste Spieler der Welt«, sagte Zverev bei der Siegerehrung. »Ich dachte, ich könnte heute konkurrenzfähiger sein, aber du bist einfach zu gut.« In seinem dritten Grand-Slam-Finale musste sich Zverev 3:6, 6:7 (4:7), 3:6 gegen Titelverteidiger Sinner geschlagen geben. »Ich bin einfach nicht gut genug«, sagte Zverev. Für Sinner, der auf der ATP-Tour zuletzt im September verlor, ist es der dritte Grand-Slam-Turniertitel seiner Karriere.

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Der erste Satz: Um eine Chance gegen Sinner zu haben, so die Prognose vieler Experten, müsse Zverev das Spiel zu einer Frage der Fitness machen. Doch zu Beginn kam Zverev bei Aufschlag Sinner kaum an den Ball. Erst nachdem Zverev beim Stand von 2:2 zwei Breakbälle abgewehrt hatte, machte Zverev, was man gegen den aktuell besten Grundlinienspieler der Welt machen muss: Nicht nur mitspielen, sondern aktiv das Risiko suchen. Mit Vorhand (132 km/h) und Rückhand (125 km/h) spielte der Deutsche durchschnittlich sieben Kilometer pro Stunde schneller als bisher im Turnier. Auch auf seinen ersten Aufschlag konnte sich Zverev verlassen, vor allem in Drucksituationen. Aber Sinner schien Zverevs Spiel zu lesen. Beim Service, bei den Stopps, bei den Passierbällen – Sinner machte sich oft schon auf den Weg in die richtige Ecke, während Zverev noch ausholte. Den sechsten Breakball nutzte Sinner schließlich. Zverev schüttelte den Kopf, winkte ab – und verschwand in der Kabine, nachdem Sinner den ersten Satz beendete, wie er ihn begonnen hatte: mit einem Ass.

Es wackelt: Die Vorhand neigt bei Zverev am ehesten dazu, sich in den entscheidenden Momenten zu verabschieden. Aber als sich im zweiten Satz die gequälten Blicke in Richtung »Coaching Box« häuften, war es nicht nur die Vorhand, die Zverev Sorge bereiten musste. Elf unerzwungene Fehler machte Zverev mit seiner sonst so verlässlichen Rückhand. Hatte er im ersten Satz noch herausragende 81 Prozent seiner ersten Aufschläge ins Feld gebracht, waren es im zweiten Durchgang zwischenzeitlich weniger als 60 Prozent. Dazu wurde Zverevs zweiter Aufschlag langsamer; Sinner, der beste Returnspieler seit Novak Djokovic, gleichzeitig aggressiver.

Sinners Swagger: Bei 5:5 im zweiten Satz streifte ein Aufschlag von Zverev die Netzkante. Sinner ließ den Ball auf sich zuspringen und returnierte ihn dann zwischen seinen Beinen hindurch. Ein Raunen ging durchs Publikum, der Return wäre gut und für Zverev wohl unerreichbar gewesen. Sinner hat nicht die Eleganz eines Roger Federer oder Rafael Nadals Naturgewalt. Aber im Finale zeigte Sinner eine Ruhe und ein Selbstbewusstsein, die unterstrichen, was aus dem 23-Jährigen geworden ist, seitdem er 2024 in Melbourne seinen ersten Grand-Slam-Turniertitel gewann: ein Dominator. »Hat eine neue Tennisära begonnen?«, fragte der SPIEGEL damals . Zumindest auf Hartcourt ist die Antwort ein klares Ja.

Der Tiebreak: Mitte des zweiten Satzes tauschte Sinners Team dann bange Blicke aus, die nichts mit dem Spielstand zu tun haben konnten. Ihr Schützling hatte sich an den hinteren linken Oberschenkel gefasst. Die Stelle, die ihm schon im Halbfinale Probleme bereitet hatte, die der Italiener später als »Krämpfe« abtat. Sinners Oberschenkel und Zverevs Wackler hielten die beiden nicht davon ab, in der entscheidenden Phase des zweiten Satzes den besten Ballwechsel der Partie zu spielen: 21 Schläge lang trieben sich die beiden über das Feld. Wie so oft in den langen Ballwechseln behielt Sinner die Oberhand. Im Tiebreak hatte er dann Glück, als eine Vorhand über die Netzkante ins Feld stolperte. Wenige Minuten später war eine Sinner-Vorhand erneut unerreichbar für Zverev – diesmal ganz ohne Mithilfe des Netzes.

Alexander Zverev: Manchmal ratlos in der Rod-Laver-Arena

Alexander Zverev: Manchmal ratlos in der Rod-Laver-Arena

Foto: Clive Brunskill / Getty Images

Die Statistik des Spiels: Wenn Sinners erster Aufschlag ins Feld kam, gewann er 84 Prozent der Punkte. Eine unglaubliche Quote. Er schlug 32 Winner und machte nur 27 unerzwungene Fehler, Zverev 45. Sinners Dominanz drückte sich aber vor allem auf Zverevs Seite der Statistik aus: Keinen einzigen Breakball erspielte sich der Deutsche im gesamten Spiel.

Der dritte Satz: 4:2 im dritten Durchgang, 40:40 – Sinner hatte beim Aufschlag kleine Schwächen gezeigt, Zverev war nur einen Punkt von seinem ersten Breakball entfernt. »Ich wollte gerade fragen: Zeigt Sinner erstmals Nerven?«, sagte Eurosport-Experte Boris Becker, nachdem Sinner die Antwort in Form eines 207 Kilometer pro Stunde schnellen Asses geliefert hatte. »Wenn du für einen Grand-Slam-Sieg servierst, wirst du nervös. Dann wird der Arm steif«, prophezeite Becker ganz im Sinne der Eurosport-Tennisübertragung, die Zverev auf manchmal fast unangenehme Art und Weise wohlgesonnen ist. In seinem letzten Aufschlagspiel schlug Sinner ein Ass, bereitete beim Matchball den Punktgewinn mit einem Stopp vor, den man nicht mit steifem Arm spielen kann.

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Zverev, die Tragik und die Vorwürfe: Eigentlich war Zverev Teil der Generation, die prädestiniert schien, die »Big Three« abzulösen. Doch Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic hörten so lange nicht auf zu gewinnen, bis mit Sinner und Carlos Alcaraz die nächsten zwei Ausnahmespieler auftauchten. Sinner hat sich bereits eine Aura der Unbesiegbarkeit erspielt. Bei Alcaraz mag man sich nicht ausmalen, was passiert, wenn er zur Konstanz findet. In den nächsten eineinhalb Jahren, sagte Becker vor dem Turnier, müsse Zverev einen Grand-Slam-Titel holen. Nun ist Zverev abermals gescheitert.

Jannik Sinner gegen Alexander Zverev: »Wenn du für einen Grand-Slam-Sieg servierst, wirst du nervös«

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Foto: Cameron Spencer / Getty Images

Das Zeug zum tragischen Helden hat Zverev dennoch nur bedingt. Manche Tennisfans zeigen sich in den sozialen Medien erleichtert, wenn Zverev verliert. Die Antipathie geht wohl auf sein angebliches Verhalten außerhalb des Platzes zurück: Zwei Ex-Partnerinnen hatten ihm vorgeworfen, sie misshandelt zu haben. Als Zverev in der Rod-Laver-Arena seine Trophäe überreicht bekam, schrie eine Frau dazwischen. Reporter vor Ort twitterten, dass es sich dabei um den Satz: »Australia believes Olya and Brenda« handelte, zu Deutsch: Australien glaubt Olga und Brenda – gemeint sind Zverevs Ex-Freundinnen, die die Vorwürfe erhoben hatten. Mehr zur außergerichtlichen Einigung im Juni erfahren Sie hier .

Jannik Sinner mit der Trophäe: Spannend wird es für ihn erst im April

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Foto: Cameron Spencer / Getty Images

Hate the Sin, Love the Sinner: Zweimal wurde Sinner im März 2024 positiv getestet . Das anabole Steroid Clostebol sei über die Hände seines Physiotherapeuten in seinen Körper gelangt, so Sinners Begründung. Weil er in den Augen der International Tennis Integrity Agency weder vorsätzlich noch nachlässig gehandelt hatte, entging er einer Sperre. Die Weltantidopingagentur sieht das anders, legte beim Internationalen Sportgerichtshof Cas Berufung ein und fordert eine Sperre von ein bis zwei Jahren. Mitte April findet die Anhörung statt. Rund einen Monat später beginnen die French Open.