Teure Tritte - DER SPIEGEL
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US-Football Teure Tritte

Europas Fußballer stürmen den US-Markt. Immer mehr Footballklubs engagieren Europäer wegen ihrer ausgefeilten Schußtechnik.
• aus DER SPIEGEL 10/1972
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Die 60 000 Zuschauer im Stadion von Cincinnati starrten auf den Spieler Nummer 16. Mit wuchtigen Schritten lief er an und trat den eiförmigen Lederball so präzise, daß er aus 50 Meter Entfernung genau mittlings zwischen den Malstangen am Ende des Football-Feldes hindurch schwebte.

Das Publikum jubelte -- Sieg und Punkte für Cincinnati. Erstmals hatte der Außenseiter die Endrunde der US-Meisterschaft erreicht. Auf Schultern trugen Mannschaftskameraden ihre Nummer 16 vom Platz.

»Dat war wieder so ein Dingens mit Schmackes!«, schrie Horst Mühlmann, 32, in echtem Ruhrgebiet-Platt in die Menge. Und von dort schallte es in deutscher Mundart zurück: »Horscht, du bischt der Größte.« Viele Einwohner Cincinnatis sind deutschstämmig. Die »San Diego Union« schrieb auf der ersten Seite: »Horst Mühlmann ist der beste Import aus Germany seit Bier und Elke Sommer.«

Vor sechs Jahren hatte Mühlmann noch im Tor des Fußball-Bundesligaklubs Schalke 04 gestanden. Jahresverdienst: gut 25 000 Mark. Vom August 1972 an werden ihm die Cincinnati Bengals für halb soviel Zeit das Dreifache zahlen: 20 000 Dollar. Denn Mühlmann nutzt eine Konjunktur, die im US-Football für europäische Kicker angebrochen ist. Zielsichere Treter gab es bisher im American Football, anders als im europäischen Fußball, kaum.

»In spätestens drei Jahren gibt es in unseren Klubs keine Amerikaner mehr«, mutmaßt Football -Manager Roh Kap. »denn die Europäer treten die Bälle mit einer ausgefeilteren Technik.« Tatsächlich befördern US-Athleten bei Straf- und Freikicks das Lederei wie eh und je mit der Stiefelspitze (Fußballjargon: Pike) weiter. Diese Un-Technik läßt zielsichere Schüsse nicht so zu wie etwa mit der Oberseite (Fachjargon: Vollspann) oder dem Innen- und Außenrist des Fußes.

In fast jeder US-Spitzenmannschaft (Stärke: 40 Mann) wirken Europäer als sogenannte »place-kickers« mit. Sie treten während des Spiels (Dauer: 60 Minuten) meist nur drei- bis viermal auf, immer wenn ein Zielschuß aus 15 oder 30 oder gar 50 Metern zu treten ist.

Die Restzeit. wenn gerannt und gerauft werden muß, verbringen sie auf der Bank. Denn Regeln und Taktik des mehr dem Rugby als dem Fußball ähnelnden Kampfsports, den auch der frühere US-Präsident John F. Kennedy betrieben hatte, kapieren sie kaum. Auch die 147 möglichen Spielzüge brauchen sie nicht zu üben.

»Während wir uns prügeln, hocken sie auf der Bank und schauen zu«, schimpfte Footballstar Alex Karras von den Detroit Lions. »Gibt es ein »field goal' kommen sie für Sekunden aufs Feld, treten und fangen an zu schreien.« Karras hat nur einen Trost: Spielmacher wie er und der New Yorker Playboy Joe Namath scheffeln anders als Mühlmann pro Saison mindestens 700 000 Mark.

Doch oft profitierten auch Stars wie Karras und Namath in entscheidenden Phasen von der Treffsicherheit der Europäer. So verwandelte der Norweger Jan Stenerud in fünf Jahren für die Kansas City Chiefs von 206 Versuchen 140. Von 86 Schüssen aus 30 Metern wuchtete er 74 ins Ziel.

Einmal allerdings versagte er: 31 Sekunden vor dem Spielende gegen die Miami Dolphins bugsierte er den ovalen Ball aus 30 Meter Distanz um wenige Zentimeter neben die linke Malstange. Damit verpaßte seine Mannschaft das Endspiel.

Aber auch die Miami Dolphins verdankten den Einzug ins Finale einem Scharfschützen: Der Armenier Garo Yepremian hatte bei einem 35-Meter-Zielschuß mehr Glück und traf. Seine Equipe zog ins Finale gegen die Dallas Cowboys ein, bei denen ebenfalls ein Europäer mitwirkt: der Österreicher Toni Fritsch, 26. Ihn hatte Roh Kap im Auftrag des Klubeigners Lamar Hunt, der auch die größte Tennis-Profitruppe der Welt unterhält, auf einer seiner ständigen Europareisen entdeckt.

Anders als den Dauerspielern bleibt den Scharfschützen das stundenlange Hanteltraining erspart, mit dem sich die Allround-Athleten für die harten Zwei- und Mehrkämpfe auf dem Feld stählen. Allein 1970 gab es auf Fußball-Feldern in den USA 29 Tote. Schon die Klubnamen verbreiten Furcht und Gottvertrauen: »Colts« und »Cowboys«, »Bären« und »Löwen«, »Wikinger« und »Giganten«. aber auch »Heilige« und »Kardinäle«.

Dennoch findet Familienvater Mühlmann aus Gelsenkirchen den Job erträglicher als in der Fußball-Bundesliga. »in diesem Sport ist Geschicklichkeit wichtig, Kondition dagegen nur Nebensache.«

In der spielfreien Jahreshälfte arbeitet er daheim als Fliesenleger und spielt in Schalkes Altherrenmannschaft Fußball. Eine Hälfte seiner US-Einkünfte legt er in den USA an, die andere in deutschen Immobilien.

»Ich würde nicht einmal mit Franz Beckenbauer tauschen«, vergleicht er sich mit dem Größtverdiener unter den bundesdeutschen Fußballspielern. Inzwischen spekulieren auch im Bundesliga-Skandal gesperrte Kicker wie Manfred Manglitz und Max Lorenz mit Gastspielen und Gagen im US-Football.

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