Trimm dich - DER SPIEGEL
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FREIZEIT /WERBUNG Trimm dich

• aus DER SPIEGEL 42/1969
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein dicker Daumen -- hochgereckt -- soll zum Symbol bundesdeutscher Körperertüchtigung werden.

Von Bundesdeutschlands Bürgern verfolgen 61 Prozent sportliche Ereignisse -- mehr, als an Politik Interessiert sind (47 Prozent). Aber selbst kickt, turnt, rennt oder schwimmt nur jeder achte regelmäßig.

Das soll endlich, anders werden. Am letzten Sonnabend präsentierte die Agentur »Werbeting 2000« ihre im Auftrag des Deutschen Sportbundes (DSB) entwickelte Aktion »Trimm dich durch Sport«.

In Fernsehspots und Zeitungsanzeigen, von Litfaßsäulen und Streichholzschachteln wird die Bundesbürger bald ein optimistisches Männchen mit hochgerecktem Daumen zu gesundheitsfördernden Anstrengungen auffordern -- mindestens vier Jahre hindurch. Als Schirmherrn möchte der DSB den Bundespräsidenten und Freizeit-Schwimmer Heinemann gewinnen.

Die Sportbund-Planer wollen den vorolympischen Aufwind vor den Münchner Spielen 1972 dazu nutzen, den Jedermann-Sport als Vorbeugung gegen Bewegungsmangel-Leiden zu verbreiten. Ein Drittel der deutschen Männer und 40 Prozent der Frauen setzten beispielsweise durchschnittlich sieben Pfund Übergewicht an -- ein kollektives Fettpolster, das 3000 Güterwagen füllen würde. Jeder zweite Berufstätige scheidet krankheitshalber vorzeitig aus dem Arbeitsleben.

Der finnische Professor Karvonen ermittelte, daß Menschen, die regelmäßig Sport getrieben haben, im Schnitt sieben Jahre älter geworden sind als körperlich Untätige. Der DSB entwickelte deshalb neben dem Leistungssport einen »Zweiten Weg« für Gesundheitsaportler. Immerhin 23 Prozent, mithin elf Millionen Bundesbürger, strapazieren Herz und Kreislauf seither wenigstens gelegentlich.

Andere Länder wandelten das deutsche Modell ab. Aber sie warben aufwendig für den Gesundheitssport: Norwegen mit 350 000 Mark pro Jahr, Japan für zwei Millionen Mark, die USA für 52 Millionen Mark. Sprecher der amerikanischen Fitness-Bewegung ist der Astronaut James A. Lovell. In der DDR führte Parteichef Ulbricht das Schlagwort ein: »Jedermann an jedem Ort -- jede Woche mehrmals Sport.«

Auch in der Bundesrepublik hält der DSB (organisierte Mitglieder: 9,5 Millionen) das Sportbedürfnis für größer als das Angebot. Deshalb beauftragte er Im Februar die Agentur Werbeting 2000 (Hauptkunden: Continental, Gerling-Konzern), eine Kampagne für den Freizeitsport zu entwickeln.

Angeregt von der norwegischen »Trim«-Musteraktion, übernahmen die Sportwerber das bislang für das Scheren von Hunden und Ausbalancieren von Schiffen gebräuchliche Wort. »Trimmen« reizte bei einem Test 56 Prozent der Befragten zu positiven Äußerungen. Der Psychologe Dr. Herbert Flögel wertete Trimmen in Verbindung mit dem Sport als »unerwartet und ungewöhnlich«.

In der ersten Phase soll das Daumen-Männchen und eine Erkennungsmelodie die Sportwilligen aufmerken lassen. Anschließend füttern die Werber sie mit Tips ("Kick mal wieder") und Anregungen ("Versuch's mal mit Wasserski"), wo und wie sie bestimmte Sportarten privat ausüben könnten.

Beispielsweise wird Neckermanns Reiseprospekt auf Sportgelegenheiten in Urlaubsorten hinweisen. Coca-Cola beklebt 5000 Auslieferungswagen mit dem Sport-Slogan und plant Trimm-Tips in zehn Millionen Auflage. Die Badeanzug-Firma Porolastic finanziert 300 000 Schwimm-Fibeln. Weltrekordler Hans Faßnacht lehrt den richtigen Kraulschlag. Besonders eifrige Freizeit-Athleten soll eine Nadel belohnen -- die »Trimm-Spirale«.

Jede Einzel-Aktion finanzieren Mäzene. Der DSB überweist nur den professionellen Werbern ein Monatshonorar (weniger als 10 000 Mark). 23 000 Mark schoß das Werbe-Unternehmen allein an Personalkosten vor.

»Im Juli hing noch alles in der Luft«, schilderte Agenturchef Willi Weiberg. »Es gehörte viel Sportsgeist dazu, die Sache durchzuziehen.«

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