Unter Null - DER SPIEGEL
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Unter Null

Die meisten Bundesligen in kleineren Sportarten wären ohne Zuschüsse, auch aus Steuergeldern, am Ende -- großenteils aus eigener Schuld.
• aus DER SPIEGEL 4/1977
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nur drei Klubs wollen noch in der Bundesliga mitmachen. Durch Rundruf versuchten die Funktionäre, ihre Paradeliga wenigstens auf sechs Mannschaften zu vergrößern -- vergebens.

Der Aufsteiger winkte ab, beim Absteiger-Klub holten sie sich einen Korb; Staffeln aus Polen, England und der (SSR schlugen eine Bundesliga-Einladung aus.

So sieht es in der Box-Bundesliga vor der Saison 1977 aus.

Anders als beim großen Bruder Fußball beschert der Abstieg den Box-Bundesligaklubs Erleichterung, droht ihnen beim Aufstieg der wirtschaftliche Ruin. Als »gute Gesundschrumpfung« stellte Heinz Birkle, der Sportwart des Deutschen Amateurboxverbandes (DABV), die Bundesliga-Unlust hin. Schon 1975 war die höchste bundesdeutsche Boxer-Klasse von acht auf sechs Staffeln zusammengeschlagen worden.

Aber nicht nur die Box-Bosse schlitterten durch die Gründung einer Bundesliga in unüberschaubare wirtschaftliche Abenteuer. Ob im Volley- oder Basketball, ob bei Hockey- oder Judo-Klubs, Ringer- oder Gewichtheber-Vereinen -- kaum eine Bundesliga-Mannschaft kann aus Zuschauer- und Werbeeinnahmen oder gar aus Mitglieder-Beiträgen die Bundesliga-Lasten bestreiten.

Fast alle werden durch Mäzene, finanzkräftige Firmen oder Steuergelder aus Gemeindekassen auf der Bundesliga-Bühne gehalten. Was für Hamburg und München das Schauspielhaus und die Oper, sind für die Donaueschinger ihre Gewichtheber, die Schifferstädter ihre Ringer. Durch sie sind sie wer, wenigstens am Wochenende im Fernsehen und in der Presse.

Als die Kicker ihre Glanzliga gründeten und 1963 das Millionengeschäft mit dem Fußball begann, steckte der Goldrausch andere an. Außerdem erwachte ihr Ehrgeiz: Nach dem Muster des Fußballs wollten auch Boxer, Eishockey- und Handballspieler sportlich zurück in die Weltklasse und wirtschaftlich in das große Geschäft.

Eine Bundesliga, so lockten vor allem die von internationalen Erfolgen abhängigen Bundestrainer, zieht die Konzentration aller Könner und Talente in wenigen Mannschaften nach sich. Die erfolgreichsten Athleten und Mannschaften können durch ständige Konkurrenz gegen die Besten ihres Faches Höchstleistungen und Weltniveau in ihrer Sportart erreichen.

Die wirtschaftlichen Belastungen berechnete kaum ein Verband oder ein Verein realistisch voraus. Zudem folgten viele Funktionäre den Fußball-Bundesliga-Klubs auch in verheerendes Mißmanagement. Statt mögliche Gewinne zu erwirtschaften, rutschten sogar die Bundesligen in den -- außer dem Fußball -- beliebtesten und einnahmeträchtigsten Sportarten wie Eishockey und Handball unter Null.

Im Eishockey schaukelten die Klubs Ablöse-Forderungen für Bundesliga-Stars auf 600 000 Mark für den Landshuter Nationalstürmer Erich Kühnhackl hoch, Summen, wie sie sonst nur im Fußball vorkommen.

Nun geriet Kühnhackls neuer Klub, der Kölner EC, in Schwierigkeiten. 2 182 309,71 Mark Verbindlichkeiten zwangen die Kölner, ihren Fans für die letzten Heimspiele jeweils vier Mark zusätzlich abzuverlangen. Ein Stehplatz kostet 14 Mark, mehr als hei Schlagerspielen der Fußball-Bundesliga.

Außerdem soll die Stadt Köln die Hallenmiete auf 150 000 Mark halbieren. »Will die Stadt den einzigen Kölner Sportverein, der derzeit optimale Leistungen bringt«, beschwor ein Leserbrief im »Kölner Stadtanzeiger«, »sang und klanglos eingehen lassen?«

Dabei zehren die Bundesligaklubs von einem Eishockey-Boom: In der vergangenen Saison stiegen die Zuschauerzahlen auf 859 000, in dieser Spielzeit werden sie voraussichtlich auf mehr als eine Million klettern. Dennoch kann sich Rudolf Gandorfer, Vorsitzender des EV Landshut, »nicht vorstellen, daß einer Gewinn macht«.

Weil die Klubs sich gegenseitig Stars abwarben und 1976 die Rekord-Transfersumme von fast zwei Millionen Mark ausgaben, verdarben sie auch die Preise: Nationalspieler kassieren neben fünfstelligen Handgeldern schon 5000 Mark monatlich, ziehen in Gratis-Wohnungen, kutschieren in Dienstwagen und bekleiden einträgliche Scheinstellungen. »Was da an Ablöse und Handgeldern gezahlt wird«, so Gandorfer, »läßt sich nie und nimmer erwirtschaften.«

Bei der Düsseldorfer EG forderte das Finanzamt für unversteuerte Zuwendungen fast eine Million Mark Nachzahlung. Andere Vereine erwarten die Rechnung vom Fiskus noch. Oft schießen die Gemeinden zu: Der Deutsche Meister Berliner SC darf die Eishalle gratis nutzen und erhält Reisezuschüsse. Die Berliner Eissport KG besoldete die meisten Spieler. Von 1977 an soll es auch im Eishockey -- wie im Fußball -- legal bezahlte Lizenzspieler geben.

Auch die Handball-Bundesligaklubs könnten ohne kommunale Hilfe nicht bestehen. Der Dorfverein TuS Hofweier erhielt etwa eine 3,5 Millionen Mark teure Halle für 2500 Zuschauer. Das Fassungsvermögen der meist kleineren Hallen begrenzte den Zuschauer-Schnitt bei Bundesliga-Spielen auf 1650, die durchschnittlichen Jahreseinnahmen auf 100 000 Mark in neun Heimspielen. Aber nur jeder dritte Klub erreichte den kostendeckenden Mittelwert.

»Die sportliche Vernunft hat einen großen Sieg errungen«, jubelte der jugoslawische Handball-Bundestrainer Vlado Stenzel, als der DHB beschloß, 1977 die Nord- und Südgruppe der Bundesliga in eine einzige Liga mit 14 Mannschaften zusammenzulegen. »Das führt zu unserem Ruin«, warnte Emil Graf von der Bundesliga-Arbeitsgemeinschaft. 10 von 20 Bundesliga-Vereinen, die meisten aus dem Süden, widersetzten sich der Konzentration.

Denn die Kosten verdoppeln sich etwa durch weitere Reise und zusätzliche Übernachtungs- und Aufenthalts-Spesen. Außerdem erhöhie der DHB die Verbandsabgaben pro Spiel von 10 auf 15 Prozent. Aus den Eintrittsgeldern können die Klubs keine Handgelder bis zu 40 000 Mark für Nationalspieler und Spielprämien bezahlen.

Sogar in der Tischtennis-Bundesliga kosten Stars schon bis zu 40 000 Mark. Soviel soll Bundesliga-Aufsteiger TTC Grünweiß Bad Hamm für den Nationalspieler Bernt Jansen angelegt haben.

Aber Tischtennis-Klubs dürfen wenigstens legal zahlen. Sie unterscheiden nicht zwischen Profis und Amateuren. Im Alter von 16 und 17 Jahren gaben Hans Joachim Nolten und Ralf Wosik die Schule auf und wurden hei Borussia Düsseldorf die jüngsten Profis. Die Tischtennis-Firma Jola zahlt ihnen als Werbeentgelt die Wohnungsmiete und 500 Mark monatlich auf fünf Jahre.

Auf Zuschüsse sind die Klubs allerdings angewiesen. Denn sämtliche Bundesligaspiele der Saison 1975/76 wurden nur von 20 745 Zuschauern besucht. Beim Münchner TSV Milbertshofen zahlten nur 660 Gäste Eintritt. Als der fünfmalige Vizemeister Meidericher TTC (Zuschauerschnitt: 90) aus der Bundesliga ausschied, lief ihm die Mannschaft zu zahlungsfähigeren Vereinen fort. Der Klub klagt nun von seinem ehemaligen Star Peter Engel ein Darlehen von 5500 Mark ein.

Am tiefsten geriet jedoch die Boxbranche in die Krise. Offen warben die Klubs sich ihre Stars für Handgelder bis zu 10 000 Mark ab. Wo sich keine qualifizierten deutschen Kämpfer fanden, engagierten die Vereine Türken und Tunesier, Jugoslawen und Afrikaner. Der niedersächsische Sammelverein BSV Hannover heuerte zudem die schlagkräftigsten Boxer der britischen Rheinarmee an.

Die weitaus stärksten Staffeln bauten die drei finanziell am besten ausgerüsteten Klubs auf: Bayer Leverkusen, Ringfrei Mülheim und die »Boxsportliche Vereinigung Niedersachsen«, die für Jägermeister-Kräuterlikör wirbt.

Alle anderen fielen sportlich zurück. Selten konnten sie vollständige Staffeln mit elf Boxern in neun Gewichtsklassen (zwei werden doppelt besetzt) melden. Drei Boxer pro Mannschaft dürfen nach Bundesliga-Regeln fehlen. Oft fielen deshalb fünf bis sechs Kämpfe aus.

Ein Bundesliga-Kampf fand überhaupt nicht statt, weil Gelsenkirchen-Erle gegen Leverkusen vier Kämpfer zuwenig in den Ring brachte. Sobald Vereine ihre finanziellen Versprechungen nicht einhielten, meldeten sich Boxer kampfunfähig. Die Zuschauer fühlten sich betrogen und blieben fast ganz aus.

Mit 50 000 Mark Schulden zog sich 1975 der Velberter BC aus der Bundesliga zurück. 80 000 Mark Schulden drückten Essen-Steele. 60 000 Mark schoß die Stadt als Darlehen zu, aber die Essener Fremdenlegion brachte weitere 40 000 Mark Verbindlichkeiten mit sich. Auch Essen schied aus.

Als Aufsteiger qualifizierte sich der Boxring Berlin. »Ich kann unseren jungen Leuten nicht zumuten, von Fightern, die wie im Ostblock trainieren, zusammengeschlagen zu werden«, winkte Trainer Gerhard Dieter ab.

Sogar DABV-Präsident Günter van Bel fand die Entscheidung »gut für die jungen Berliner Nachwuchskämpfer«. Seine erst 1971 eingeführte Bundesliga hofft er »trotz aller Kinderkrankheiten« durch die Krise zu steuern: »Das ist ein Filter.«

Kaum ein Amateur wandert jedoch ins Lager der offen bezahlten Profis ab. Der Hamburger Veranstalter Wilfried Schulz weiß, warum: »Bei uns verdienen doch die Amateure schon mehr als die Profis.«

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