Interview mit Dirk Nowitzki "Sehe mich als großes Kind"
SPIEGEL ONLINE:
Herr Nowitzki, erstmals seit elf Jahren haben die Dallas Mavericks wieder die Play-offs erreicht. Was rechnen Sie sich jetzt aus?
Dirk Nowitzki: Es ist schwer zu sagen, wie weit wir kommen werden. Unser Ziel vor Saisonbeginn war die Qualifikation für die Play-offs. So gesehen haben wir bereits eine großartige Serie gespielt.
SPIEGEL ONLINE: NBA-Experten schätzen die Mavericks hoch ein. Wie groß ist der Anteil des neuen Teambesitzers Marc Cuban, der den Club vor gut einem Jahr übernahm, dass Dallas soviel besser geworden ist?
Nowitzki: Cuban hat alles umgedreht, seit er in Dallas ist. Es hat sich alles verändert. Es sind neue gute Spieler gekommen, wir werden bekocht. Er will unbedingt, dass Dallas wieder erfolgreich ist. Auch in der Administration und in der Organisation haben wir neue, bessere Mitarbeiter. Er ist ein Fan der Mannschaft, er würde alles für uns tun.
SPIEGEL ONLINE: Cuban wird von Seiten der NBA oft kritisiert, etwa weil er für die Mannschaft ein Flugzeug samt Fitnessstudio gekauft und die Umkleidekabine mit DVD-Playern ausstaffiert hat.
Nowitzki: Ich kann die Kritik nicht nachvollziehen. Er will die NBA verbessern. Damit kommen einige Leute nicht klar. Er ist sehr innovativ und positiv eingestellt. Sicher, der Rest der Liga hat keinen Koch, hat keine Playstation, hat kein Riesenflugzeug. Aber das ist sein Weg, er will alles dafür tun, damit wir uns wohlfühlen. Er denkt: Wenn wir uns wohlfühlen, spielen wir auch am besten.
SPIEGEL ONLINE: Das Kalkül ist ja bislang auch ganz gut aufgegangen. Insbesondere Sie gelten als einer der Aufsteiger der Saison. Als Sie nach Dallas gekommen sind, kannte Sie keiner. Jetzt sind Sie ein Star. Wie kommen Sie mit dem Druck zurecht?
Nowitzki: Der Druck anfangs war schon riesig, ich bin hoch gedraftet worden. Weil die Mannschaft nicht so gut war, hat jeder von mir erwartet, dass mit mir ein Riesenruck durch das Team geht. Der Druck ist immer noch da, aber ich komme damit zurecht.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Trainer Don Nelson hat an Ihnen festgehalten, obwohl Sie in der ersten Saison nicht besonders gut gespielt haben. Ist das nicht ungewöhnlich für die NBA, in der sonst eine gnadenlose Auslese herrscht?
Nowitzki: Der Trainer war und ist superwichtig für mich. Immer wenn es nicht so läuft, sucht er das Gespräch mit mir. Es gab Zeiten, in denen ich gar nicht gespielt habe, das war bitter, weil ich das aus Deutschland so nicht kannte. Aber Don Nelson hat das alles mit mir besprochen, das hat mir geholfen. Er hat mir vertraut, und er vertraut mir immer noch. Und das gibt mir Selbstvertrauen.
SPIEGEL ONLINE: Macht sich das auch in Ihrem Verhältnis zu den Mannschaftskollegen bemerkbar?
Nowitzki: Ich bin von Natur aus ein schüchterner Mensch, trete jetzt aber viel selbstsicherer auf als früher. Anfangs war ich in der Umkleidekabine sehr ruhig, jetzt nicht mehr. Ich mache auch mal hier und da ein Witzchen.
SPIEGEL ONLINE: Darf man den überhaupt schüchtern sein, wenn man in der NBA spielt?
Nowitzki: Die NBA ist eine Liga der Egozentriker. Aber ich glaube, man geht nicht unter in der Liga, wenn man kein Egozentriker ist. Basketball ist eine Mannschaftssportart. Da gibt es verschiedene Persönlichkeiten, aber entscheidend ist, dass diese Persönlichkeiten miteinander harmonieren. Wir haben welche in der Mannschaft, die sind eher aggressiv, ich bin nun mal etwas zurückhaltender - die Mischung ist ganz gut.
SPIEGEL ONLINE: Sie leben jetzt seit dreieinhalb Jahren in Dallas. Vor jedem NBA-Spiel wird die amerikanische Nationalhymne gesungen. Sind Sie schon amerikanisiert?
Nowitzki: Nein, nicht wirklich. Wenn ich die US-Hymne höre, empfinde ich gar nichts. Das gehört einfach dazu, das kennt man gar nicht anders. Klar fühle ich mich jetzt wohler in Dallas als anfangs, ich habe mich eingelebt. Zu Beginn war alles hier neu für mich. Ich bin aber sehr gut aufgenommen worden. Den American way of life habe ich allerdings bislang nicht kennen gelernt. Ich lebe im Flugzeug, dem Hotel oder der Basketball-Arena.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben einmal gesagt, es sei schwer, wegen der vielen Reisen Freunde außerhalb des Basketballs zu finden. An Bewunderern dürfte kein Mangel herrschen.
Nowitzki: In meinem ersten Jahr hat man mich in Dallas kaum erkannt, jetzt gehe ich in New York über die Straße, und man spricht mich an. Es macht mir schon noch Spaß, Autogramme und Interviews zu geben. Wenn es nicht allzu aufdringlich ist, kann das sogar sehr witzig sein. Manchmal möchte ich allerdings lieber alleine sein, aber man lernt damit umzugehen.
SPIEGEL ONLINE: Wie weit geht die Heldenverehrung?
Nowitzki: Manche betrachten mich als Idol. Ich sehe mich zwar nicht so richtig als ein Idol, aber es gibt einfach Kinder, für die bin ich eins. Ich sehe mich selbst noch als ziemlich großes Kind und bin noch in der Lernphase.