Ausnahmezustand: Super Bowl hinter Gittern - DER SPIEGEL
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Ausnahmezustand Super Bowl hinter Gittern

Chaos und strenge Sicherheitsvorkehrungen. Was widersprüchlich klingt, wird beim Super-Bowl-Finale zwischen den St. Louis Rams und den New England Patriots am kommenden Sonntag Realität.
Von Dirk Switalla
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

New Orleans - Selbst Paul Tagliabue, allmächtiger Chef der National Football League (NFL), darf sich am kommenden Sonntag zum Super-Bowl-Finale zwischen den St. Louis Rams und den New England Patriots nicht mit der bei diesen Anlässen üblichen Luxus-Limousine ins Stadion fahren lassen. "Paul Tagliabue wird zum Superdome laufen", sagt Jim Steeg, und fast ein bisschen drohend fährt der Tagliabue-Sprecher fort: "Und wenn der Commissioner laufen muss, dann laufen alle."

Grund für das unfreiwillige Fitness-Programm des mächtigsten Football-Funktionärs und aller Super-Bowl-Zuschauer sind die Terroranschläge vom 11. September 2001. Noch nie wurde Sicherheit beim bedeutendsten Ereignis des US-Sports größer geschrieben als dieser Tage in New Orleans: Rund um den riesigen Louisiana Superdome, der von außen wie ein gefrorener Champignon aussieht, wurden 2,50 Meter hohe Maschendrahtzäune gezogen. Zusätzlich errichtete Straßensperren aus Beton sollen verhindern, dass Fahrzeuge in Richtung Stadion abbiegen. Und für den Fall, dass irgendjemand die Barrieren doch durchbrechen sollte, werden die auf dem Dach der Arena postierte Scharfschützen sich seiner annehmen.

Die Macht der Sportmanager aus der Park Avenue

"Die Sicherheit der Veranstaltung genießt höchste Priorität", erläutert Milton Ahlerich. Seit 1996 ist Ahlerich Security-Chef der NFL, zuvor arbeitete er 25 Jahre lang für das FBI. Die 36. Auflage des Super Bowl ist seine bisher wichtigste Aufgabe. Denn bevor es überhaupt zum Kick-off zwischen den favorisierten Rams und den Außenseitern aus New England kommen konnte, waren zahlreiche Hürden zu überwinden.

Nach den Anschlägen des 11. September hatte die NFL, wie andere große Sportligen auch, einen ganzen Spieltag abgesagt. Da man sich in der Folge jedoch dafür entschied, eine volle Saison austragen zu lassen, bedeutete dies automatisch auch eine Verlegung des ursprünglich für den 27. Januar geplanten Super Bowl um eine Woche. Für ihr nationales Meeting allerdings hatte die lobbystarke Vereinigung der US-Autoverkäufer den 3. Februar bereits fest gebucht; inklusive sämtlicher Infrastruktur wie Kongresszentrum oder Hotelbetten. Da am 1. Februar traditionell der Startschuss für den Mardi Gras, den ausschweifenden Karneval New Orleans' mit jährlich etwa drei Millionen Besuchern fällt, wurde ernsthaft erwogen, das Endspiel in eine andere Stadt zu verlegen.

Dass das nicht passierte, beweist die Macht der Sportmanager aus der Park Avenue. Allerdings, zahlten Tagliabue und Kollegen einen hohen Preis: Umgerechnet rund acht Millionen Euro bekam die Autohändlervereinigung für ihren Verzicht gezahlt, außerdem noch wertvolle Werbezeiten während NFL-Live-Übertragungen im Wert von 5,5 Millionen Euro. Elf Veranstalter des Mardi Gras wurden jeweils mit vergleichsweise bescheidenen 6000 Euro abgefunden und verlegten daraufhin ihre Umzüge.

Auch Tagliabue muss ein Opfer bringen

Wie viel die Liga einer Truck-Show und kleineren Eishockeyclubs überwies, ist nicht bekannt. Aber allein die Verlegung eines Konzerts von Popgröße Janet Jackson dürfte einiges gekostet haben. Und wie zu vermuten steht, haben auch einige Busunternehmen einen ordentlichen Schnitt gemacht. Neue Gefährte mussten herbeigeschafft werden, weil die meisten in Salt Lake City längst auf ihren Einsatz bei den Olympischen Winterspielen warten.

Neben den millionenschweren Sonderzahlungen musste Paul Tagliabue ein großes persönliches Opfer bringen: Seine am Vorabend des Super Bowl stattfindende, prestigeträchtige wie für gewöhnlich rauschende "Commissioner Party" wurde ersatzlos gestrichen. Die Autohändler konnten das Kongresszentrum nicht schnell genug räumen.

Trotz all der gewaltigen logistischen Anstrengungen, sagt Milton Ahlerich, habe man die Lage im Griff. "Die Stadt New Orleans ist erfahren im Umgang mit Großveranstaltungen. Sicher ist es außergewöhnlich, den Super Bowl mitten im Karneval stattfinden zu lassen. Ich bin mir aber sicher, dass beide Veranstaltungen erfolgreich und sicher über die Bühne gehen."

4000 Beamte im Einsatz

Wenn die Spieler aus St. Louis und New England es überhaupt ins Stadion schaffen. Denn nicht nur Zuschauer, Pressevertreter und Prominente werden vor dem Spiel gründlich abgetastet, auch die Spieler müssen sich im Teamhotel noch vor der Abfahrt einem Security-Check unterziehen. "Falls ein Spieler derzeit mit dem Gesetz in Konflikt steht, sollte er sich vorher mit dem Secret Service absprechen", warnt Ahlerich, "sonst lässt man ihn womöglich nicht ins Stadion."

Auf Anordnung von Präsident George W. Bush wurde der Super Bowl, wie übrigens auch die Olympischen Winterspiele in Salt Lake City, zu einem so genannten National Special Security Event erklärt. "Wir setzen etwa 4000 Personen ein. Mitarbeiter des Secret Service, der Nationalgarde und des Militärs sind vor Ort, der Luftraum über New Orleans wird am Sonntagvormittag gesperrt. Nur Militärmaschinen dürfen patrouillieren. Zusätzlich mischen sich Agenten in Zivil unters Publikum", erläutert Jim Mackin, ein Sprecher des Secret Service. Auch vom Mitbringen elektronischer Geräte wie Handys oder Pagern rät Mackin ab: "Das verlängert die Wartezeiten beim Einlass ins Stadion nur unnötig."

"Am Spieltag ist der Louisiana Superdome das sicherste Gebäude der Welt", glaubt Milton Ahlerich. Das Finale selbst hat für Ahlerich kaum eine Bedeutung. "Mir ist egal, wer gewinnt. Ich bin nur froh, wenn das alles hier vorbei ist."

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