Baseball Jäger der Ikonen
Es ist ein Ritual. Wenn es Frühling wird in Las Vegas, nimmt Jeff Urlaub, packt seine Kleinfamilie ins Auto und fährt mehr als 2.300 Meilen nach Florida. Dort wohnt seine Schwiegermutter, aber die ist nicht der Grund für die alljährliche Reise des Amerikaners. Jeff ist leidenschaftlicher Autogrammjäger, und im sonnigen Südosten versammelt sich die Hälfte aller Clubs der Major League Baseball (MLB). Und nie hat es Jeff so einfach wie im Frühling, an deren millionenschwere Stars heran zu kommen.
Seit Ende Februar lief auch im diesen Jahr das "Spring-Training" in Florida oder im ähnlich sonnensicheren Arizona. In dem mehrwöchigen Trainingslager wurden die Kader der Clubs endgültig zusammengestellt und gezielt vorbereitet auf die neue Saison, die am Sonntag mit dem Spiel des Titelverteidigers Chicago White Sox gegen die Cleveland Indians beginnt. Ungefähr 1.700 etablierte Profis, talentierte Nachwuchsspieler und altgediente Veteranen, die auf einen letzten Zahltag hoffen, waren eingeladen. Der Konkurrenzdruck ist enorm, denn in den Kadern der 30 Clubs ist nur Platz für etwa 750.
Trotzdem ist die Stimmung entspannt, die Vorbereitung auf die kommenden fünf Monate und 162 Spiele pro Club (ohne Playoffs) verläuft in fast Zen-artiger Gelassenheit. Bälle werden geworfen und gefangen, ab und an wird mal ein Schläger geschwungen, selten wird gerannt, dafür viel geplaudert und gescherzt. Als Zuschauer kann man den Eindruck gewinnen, Sinn und Ziel des Spring Training ist es vor allem, den Spielern eine Gelegenheit zu geben, sich besser kennen zu lernen, und den Fans, ihren Idolen näher zu sein, als das während der Saison möglich wäre.
Und diese Gelegenheit wird von vielen Fans wahrgenommen, von sehr vielen sogar. Im vergangenen Jahr durften die Clubs nahezu 75 Millionen Fans begrüßen. "Ich glaube", sagt MLB-Chef Bud Selig zufrieden, "unser Sport war noch nie so populär." Daran wird wohl auch der neueste Skandal nichts ändern: Ein eben erschienenes Buch enthüllt in allen Details die angeblichen Doping-Praktiken eines der größten Superstars der MLB-Geschichte: Barry Bonds von den San Francisco Giants.
Verbotene Aufputschmittel
Die Folge sind die strengsten Anti-Doping-Regeln im amerikanischen Sport: Erstsünder werden 50 Tage, Wiederholungstäter 100 Tage gesperrt, beim dritten Mal ist die Karriere beendet. Erstmals sind auch die bislang so beliebten Aufputschmittel verboten. Bonds aber, weil noch nie positiv getestet, schickt sich an, sollte sein von 20 Jahren Profibaseball geschundener Körper das noch mitmachen, in diesem Jahr die Ikone Babe Ruth in der Liste der besten Homerun-Hitter zu überholen. Eine Aussicht, die ob der jüngsten Enthüllungen nicht nur konservativen Beobachtern Magenschmerzen verursacht.
Trotzdem ist Barry Bonds in Lakeland an diesem sonnigen Morgen kein Thema. Hier bereiten sich die Detroit Tigers auf die Saison vor. Eine Saison, die aller Wahrscheinlichkeit ebenso mittelmäßig verlaufen wird wie die vergangene. Jeff ist das egal: Er ist nicht in aller Frühe hierher gekommen, weil er ein Fan der Tigers wäre, sondern weil in ihren Reihen einige vielversprechende Talente stehen. Sollte einer von ihnen einmal berühmt werden, würde auch die Unterschrift etwas wert sein. Also wartet er mit zwei Dutzend anderen geduldig am Spielereingang. Nur eine niedrige Mauer trennt ihn von den Objekten seiner Begierde. Die Spieler parken ihre Autos, kommen mit der Sporttasche unter dem Arm über den Parkplatz und laufen den Autogrammjägern quasi in die Arme.
Das sei nicht überall so, erzählt Jeff. Tatsächlich gebe es kaum noch Clubs, bei denen es einfach sei. Die Atlanta Braves sind großartig, sagt Jeff, die meisten von denen unterschreiben gerne. Die Spieler der New York Mets dagegen seien zu arrogant. Ihre sportlichen Großtaten interessieren Jeff dabei nur am Rande, die Sammelleidenschaft ist längst zu einer Obsession geworden. Meine ersten Autogramme habe ich als Kind gesammelt, erzählt der 46-Jährige, und vor ungefähr 20 Jahren hat es mich wieder gepackt. In einer Tasche trägt er stets Bälle und Schläger bei sich, um sie von den Spielern signieren zu lassen: Zuhause habe ich mehr als 200 unterschriebene Bälle. Im Internet werden solche Memorabilia zum Teil zu horrenden Preisen gehandelt, aber er verkaufe nicht, er sammle nur, beteuert Jeff und wirft einen leicht abschätzigen Blick in Richtung seiner Mitstreiter.
Lesen Sie morgen im zweiten Teil, wie sich der größte Sportclub der Welt auf seine Saison vorbereitet und warum der Besitzer seinen Fans den Titel verspricht.