Basketball: Der lahme Riese - DER SPIEGEL
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Basketball Der lahme Riese

Sun Ming Ming ist der weltgrößte Basketballer. Trotzdem spielt er im Mutterland dieser Sportart nur eine kleine Rolle. Dass es der hüftsteife Chinese jemals in die NBA schaffen wird, ist unwahrscheinlich. Dafür könnte der 2,35-Meter-Mann in Hollywood Karriere machen.
Von Marcel Amruschkewitz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nur ein paar Millimeter mehr und Sun Ming Ming wäre der größte lebende Mensch der Welt. Nur ein paar Zentimeter weniger und der 23-Jährige wäre vermutlich ein passabler Basketballer mit NBA-Format. Denn für seine Größe hat der Chinese ein erstaunlich gutes Ballgefühl. Doch der 2,35-Meter-Mann hat eben auch große Probleme, seine Extremitäten zu koordinieren.

Anfang 2005 kam Sun aus der nordchinesischen Provinz Heilongjang in die USA. Sein Ziel: die NBA. Allein seine Größe muss bei den Scouts hohe Erwartungen geweckt haben. Ein Spieler, der fast aus dem Stand dunken kann, der Schüsse blockt, ohne hochspringen zu müssen, der Rebounds einsammelt wie andere Leute Kirschen. Sun fand einen Manager, der ihm seinen Weg in den Profi-Basketball ebnen sollte. Doch bei aller Größe, Charles Bonsignore erkannte schnell, dass sein Schützling noch viel Arbeit vor sich hatte. Er verordnete ihm Sonderschichten im Kraftraum. Außerdem sollte Sun an seiner Athletik arbeiten, schneller werden, explosiver.

Aber je näher der Tag des Drafts, der Spielerwahl in der NBA, rückte, desto müder fühlte sich der Chinese. Immer früher machte er im Training schlapp. Den Scouts blieb die miserable körperliche Verfassung des 168-Kilogramm-Mannes nicht verborgen. Kein Club war bereit, einen Platz in seinem Kader für einen augenscheinlich lahmen, konditionsschwachen Riesen zu opfern.

Dass Suns Schwäche, wie auch seine Größe, auf einen Gehirntumor zurückzuführen war, wusste zu diesem Zeitpunkt niemand. Das Geschwür drückte auf Suns Hirnanhangdrüse, die produzierte massenhaft Wachstumshormone. Mit 16 Jahren war Sun bereits zwei Meter groß, der Tumor ließ ihn weiter wachsen. Doch je größer die Wucherung wurde, desto matter fühlte sich Sun - und desto weniger konnte er trainieren.

Nach zwei Operationen kehrte Sun im April 2006 auf den Court zurück, nach wie vor mit dem Ziel, in der besten Liga der Welt zu spielen. Bei Vorstadtclubs in unterklassigen Ligen wollte er sich für die NBA empfehlen. Die Bosse dieser Teams nahmen Sun gern in ihre Kader auf - vor allem aber als Zirkusattraktion, um die Ticketverkäufe anzukurbeln. Sportlich konnte er weder den Dodge City Legends in der United States Basketball League (USBL) noch den Maryland Nighthawks in der American Basketball Association (ABA) helfen.

Immerhin schaffte es Sun im März diesen Jahres als Mitglied der größten Basketball-Startformation ins Guiness Buch der Rekorde. Mit ihm auf dem Platz stand auch Gheoghe Muresan. Zusammen mit Manute Bol (2,31 Meter) ist der Rumäne der größte NBA-Akteur der Geschichte. Muresan hat bewiesen, dass es Spieler über 2,30 Meter in der NBA schaffen können. 1995/1996 wurde der Rumäne mit 14,5 Punkten für Washington zum Most Improved Player (Aufsteiger der Saison) gewählt. Wegen einer chronischen Verletzung musste er wenig später allerdings zurücktreten.

Sun Ming Ming konnte bis heute nicht beweisen, dass er das Zeug zum NBA-Profi hat. Auch bei seinem aktuellen Team, den Grand Rapids Flight in der International Basketball League (IBL), spielt der Riese sportlich eine kleine Rolle. Er macht knapp zehn Punkte im Schnitt, die Flight krebsen im Tabellenkeller ihrer Conference herum.

Wenn Sun auf dem Platz steht, wirkt es immer noch so, als habe er seinen Körper nicht im Griff. Er bewegt sich unendlich langsam. Nicht selten steht er auf der falschen Seite des Feldes. Das Tempo seiner Kollegen überfordert ihn. Neben seiner fehlenden Geschwindigkeit mangelt es ihm vor allem an Durchsetzungsvermögen. Unter dem Korb lässt er sich von Gegenspielern wegschieben, die zwei Köpfe kleiner und zig Kilogramm leichter sind als er.

Bei Rebounds hat Sun Mühe, rechtzeitig seine Arme hoch zu bringen, bevor ihm der Ball auf den Kopf fällt. Seine Verteidigung beschränkt sich darauf, die Arme wie ein Fluglotse über dem Kopf hin und her zu schwenken. Gegnerische Schützen müssen nur auf eine Lücke warten. In der Offense hat Sun vor allem ein gutes Händchen aus der Distanz zu bieten. Doch das ist bei einem Center nur die Hälfte wert, wenn ihm unter dem Korb die Durchschlagskraft fehlt.

Zumindest die US-TV-Anstalten haben Sun für sich entdeckt. In Talkshows ist er ein gern gesehener Gast, eine Dokumentation ("Anatomy of a Giant") wurde schon über ihn gedreht. Falls es mit der NBA-Karriere nichts wird, schafft es der Chinese vielleicht nach Hollywood. Eine erste kleine Rolle als Bösewicht in dem Action-Streifen "Rush Hour 3" hat er bereits sicher.