Dallas Mavericks Ein Desaster liegt in der Luft
Die Fachwelt ahnte Böses, nachdem die Dallas Mavericks in der letzten Spielzeit bereits in der ersten Playoff-Runde ausgeschieden waren. Deshalb veröffentlichte die Online-Ausgabe des renommierten US-Magazins "Sports Illustrated" einen offenen Brief an Cuban, den exzentrischen Clubbesitzer der Mavericks. "Zum Wohl der NBA und zum Wohl der Fans, lassen Sie diese Mavs nicht auseinanderbrechen", appellierte das Magazin, "denn es macht einfach Spaß, diesem Team zuzugucken."
Doch die flehenden Worte sind unerhört geblieben. Cuban steht der Sinn nicht mehr nach Schöngeist und Ästhetik. Dass seine Mannschaft in der vergangenen Saison mit durchschnittlich 105,2 erzielten Punkten pro Partie das beste Offensivteam der Liga war und die Anhänger attraktiven Tempobasketballs jubeln ließ, ist dem Chef schnuppe. Der New-Economy-Milliardär fordert, dass seine üppigen Investitionen endlich sportliche Rendite abwerfen. Es zählt nur noch eines, der Titel.
Deshalb schickte Cuban in der Sommerpause nicht weniger als neun Spieler in die Wüste. Beinahe hätte es sogar Nowitzki erwischt - und das obwohl der 26-Jährige in Dallas als so genannter Franchise Player gilt, also als Spieler, um den herum das Team formiert wird. Der Topscorer der Mavericks stand dennoch als Tauschmasse zur Disposition, als Cuban darüber sinnierte, den bei den Los Angeles Lakers unglücklichen Starcenter Shaquille O'Neal nach Texas zu locken. Der Hüne entschied sich aber für die Miami Heat. Nowitzki durfte bleiben, sein Arbeitsplatz scheint wieder sicher.
Alles andere als sicher ist, wohin es die runderneuerten Mavericks treibt, wenn sie heute Abend in der heimischen American Airlines Arena gegen Sacramento die neue Saison eröffnen. "Mit so vielen neuen Leuten wird es mit Sicherheit nicht einfach", gibt sich Nowitzki auffällig zurückhaltend. Auch Coach Don Nelson ist vorsichtig: "Wir werden uns wohl vor allem zu Beginn der Saison die Zehen stoßen." Cuban hingegen schlägt einen anderen Ton an: "Das ist die erste Saison, in der ich wirklich richtig aufgeregt bin." Der Chef muss den Optimisten mimen, schließlich beschäftigt er das zweitteuerste Personal der Liga. Zusammengerechnet zahlt Cuban seinen Schützlingen in diesem Jahr satte 88 Millionen Dollar Gehalt.
Nicht mehr auf der Gehaltsliste steht Steve Nash. Und das ist der tiefste Personaleinschnitt. Der innovative und bei den Zuschauern überaus beliebte Aufbauspieler bildete zusammen mit Nowitzki und Michael Finley in den letzten sechs Jahren jene Troika, die Dallas grundsanierte und aus einem bemitleideten Kellerkind einen Titelaspiranten machte. "The Big Three" wurden die drei ehrfürchtig genannt. Der Vertrag von Nash lief im Sommer ab. Cuban versäumte es jedoch, rechtzeitig konstruktive Vertragsverhandlungen zu führen. Die Phoenix Suns nutzten die Gunst der Stunde und griffen zu.
"Nachdem wir in den Playoffs so kläglich gescheitert sind, habe ich mir schon gedacht, dass ein Einschnitt kommt", kommentiert Nowitzki den Belegschaftswechsel, "aber ich hätte nicht gedacht, dass es einen von uns Dreien erwischt." Mit Nash hat der Würzburger nicht nur seinen besten Freund im Team verloren, sondern auch seinen kongenialen Partner. Nash schuf mit seinen Blöcken und präzisen Pässen die notwendigen Freiräume für Nowitzki. "Das wird eine Umstellung", gibt dieser unumwunden zu, "Steve Nash machte viele Dinge einfacher für mich."
Ob ausgerechnet Jason Terry geeignet ist, den uneigennützigen Nash zu ersetzen, bleibt abzuwarten. Terry gab im letzten Jahr bei der grauen Maus Atlanta Hawks den Alleinunterhalter. "Dem ist aber schon klar, dass er nicht so spielen kann wie in Atlanta", zeigt Nowitzki dem Neuzugang von vornherein die Grenzen auf, "er wird bei uns als Aufbauspieler keine 20 Dinger draufhauen, das geht einfach nicht."
Draufhauen soll ein anderer. Mit Eric Dampier hat Dallas endlich einen Center gefunden, der im Aufeinandertreffen mit den großen schweren Jungs der Liga wie O'Neal oder Tim Duncan physisch dagegenhalten kann. Dampier sei "der beste Center", den er je bei den Mavericks trainiert habe, freut sich Coach Nelson. Der Gelobte griff im Dress der Golden State Warriors in der vergangenen Saison im Schnitt zwölf Rebounds pro Spiel ab und landetet in dieser Statistik ligaweit auf dem vierten Platz. Dampier soll einen Stilwechsel bewirken und das große Manko der Mavericks beseitigen: die grottenschlechte Verteidigung. "Wir sind traditioneller geworden", sagt der Trainer. Soll heißen: Oberstes Ziel ist es, den eigenen Korb besser zu schützen. Nelson will auf keinen Fall, dass seine Truppe noch einmal die zweitschlechteste Defense der Liga stellt.
Die Verpflichtung von Dampier scheint ein Glücksgriff zu sein. Doch Kritiker halten dem 2,11-Meter-Mann vor, er habe in der vergangenen Saison nur deshalb so aufgetrumpft, weil es um einen neuen Vertrag ging. Mit dem neuen Sechs-Jahres-Kontrakt über 60 Millionen Dollar in der Tasche werde "Damp" wieder in Selbstgefälligkeit verfallen und den Einsatz schleifen lassen, vermuten die Skeptiker. Dampiers Verhalten wird ebenso aufmerksam zu verfolgen sein wie das von Jerry Stackhouse. Der Neuerwerb aus Washington soll Antawn Jamison ersetzen, der in der letzten Saison zum besten Auswechselspieler der Liga gewählt wurde. Stackhouse ist es jedoch gewohnt, viel zu spielen und zu scoren. "Man muss schauen, wie er mit seiner Rolle zurechtkommt", sagt Nowitzki.
Hinter der Mavericks-Klasse 2004/05 stehen viele Fragezeichen. Das angesehene US-Fachblatt "Lindy's Pro Basketball" befindet: "Dieser Mannschaft wohnt die Gefahr eines Desasters inne." Diese Meinung kommt jedoch sehr fatalistisch daher, auch wenn sie durch die Ergebnisse in der Vorbereitung durchaus Nahrung erhält - Dallas gewann nur drei von acht Testspielen gegen die Ligakonkurrenz. Eines kann indes als sicher gelten: Auch das neue NBA-Jahr wird keine sportliche Rendite für Mark Cuban abwerfen. Denn Meister werden seine Dallas Mavericks trotz des Großputzes nicht.