Heat-Superstar Wade: "Ich bin noch nicht explodiert" - DER SPIEGEL
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Heat-Superstar Wade "Ich bin noch nicht explodiert"

Er ist einer der besten Basketball-Profis der Welt, aber Dwyane Wade spielt im schlechtesten Team der NBA. Was ist schief gelaufen bei Ex-Meister Miami? Und wie sieht der Neuanfang aus bei den Heat? Das Magazin "FIVE" hat den 26-Jährigen besucht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frage: Mister Wade, diese Saison scheint eine ganz besondere zu werden. Die Western Conference ist nach einigen Blockbuster-Trades so stark wie nie. Wie stark ist der Westen wirklich in diesem Jahr, jetzt da Pau Gasol, Jason Kidd und Shaquille O’Neal gewechselt sind?

Wade: Oh, der Westen. Mann, der ist wirklich hart. Aber darüber müssen wir uns im Osten bis zu den Finals (im Mai; die Red.) ja Gott sei Dank keine allzu großen Sorgen machen. Die Jungs da drüben müssen sich untereinander bekämpfen, um überhaupt in die Playoffs zu kommen. Es wird sehr interessant sein zu sehen, welches dieser großartigen Teams schwächelt, wer das Niveau hält und am Ende die Finals erreicht.

Frage: Seit dem Trade zwischen den Miami Heat und den Phoenix Suns, der Shawn Marion zu Ihnen nach Miami brachte und Shaquille O’Neal nach Arizona schickte, ist einige Zeit vergangen. Was bringt Shaq den Suns?

Wade: Es ist ja kein Geheimnis, dass Phoenix ein Fenster von zwei, drei Jahren hat, um die Meisterschaft zu gewinnen. Von daher ähnelt der Trade dem Deal, den wir damals für Shaq eingefädelt haben. Wir gaben 2004 Caron Butler sowie Lamar Odom ab und damit unsere Zukunft. Gleichzeitig holten wir weitere Veteranen, um sofort zu gewinnen, was wir dann ja auch geschafft haben. Shaquille ist für die Playoffs gemacht. Er gibt den Suns die Möglichkeit, langsamer und im Halbfeld zu spielen, denn Shaq ist noch immer eine dominante Erscheinung unter den Körben. Durch seine Präsenz am Brett wird Amaré Stoudemire auf seiner natürlichen Position als Power Forward um einiges effektiver sein. So kann Phoenix San Antonio oder Los Angeles anders angreifen als bisher.

Frage: Direkt nach dem Trade hatten die Suns allerdings Probleme. Wird Shaq auf Dauer das Tempo in Phoenix durchhalten?

Wade: Ach, Phoenix rennt gar nicht so viele Fastbreaks, wie alle immer denken. In dem Jahr, als Quentin Richardson und Joe Johnson noch da waren, sind sie mehr gelaufen. Heute gehen sie eigentlich nur noch in bestimmten Momenten volle Geschwindigkeit, wenn es in ihr System passt. Natürlich werden sie auch in den Playoffs versuchen, leichte Körbe zu erzielen, aber das Spiel wird dann langsamer, und mit Shaq können sie nun gezielt ins Halbfeld gehen. Wenn sie doch rennen, wird er eben aufholen müssen.

Frage: Als Shaq nach Miami kam, verhalf er dem Team und Ihnen persönlich zur Meisterschaft. Kann er das Gleiche für Steve Nash und die Suns leisten?

Wade: Ich weiß es nicht. Er hat es bis jetzt überall, wo er war, in die Finals geschafft. Eigentlich wird es auch überall von Shaq erwartet, dass er das Finale erreicht. Er kam nach Miami und half unserem Team, diese Hürde zu nehmen. Mir persönlich half er nicht unbedingt über eine Hürde, denn ich war ja noch so neu in der NBA. Wir haben einander geholfen, das zu bekommen, was wir unbedingt wollten. Jetzt wünsche ich ihm und Steve Nash alles Gute in Phoenix.

"Ich stehe nicht über dem Rest" - Wade über die Heat

Frage: Kommen wir zurück zur momentanen Situation der Heat. Sie werden zum ersten Mal in Ihrer NBA-Karriere nicht die Playoffs erreichen. Zwischenzeitlich haben Sie 15 Spiele in Folge verloren, insgesamt steht die Horrorbilanz bei 13 Siegen und 57 Niederlagen. Belastet Sie die enttäuschende Saison sehr, gerade wegen der Rolle als Superstar des Clubs?

Wade: Ich habe einiges an Last getragen. Und das wird auch von mir erwartet. Ich bin ein Gewinner, ich will die Last der Verantwortung schultern. Ich bin es nicht gewohnt, zu verlieren. In den letzten Wochen war es dann etwas leichter, weil ich jetzt weiß, wohin wir mit den Miami Heat steuern. Mir haben die Gespräche mit Coach Riley eine Menge gebracht. Ich, als Franchise-Spieler und Gesicht des Teams, weiß nun, wo wir hinwollen. Das wusste ich zu Beginn der Saison nicht. Mit dieser Richtung bin ich mehr als zufrieden. Jetzt bauen wir ein neues Team auf.

Frage: Und es besteht keine Gefahr, dass Sie wegen der Situation mal explodieren?

Wade: Du musst auf dich selbst aufpassen. Wenn du 15 Spiele in Folge verloren hast, dann willst du einfach explodieren. Ich bin noch nicht explodiert, ich rede auf mich selbst ein und verstehe, dass ich genauso meine Fehler mache wie alle anderen auch. Ich stehe nicht über dem Rest, ich bin nicht immun gegen die Dinge, die um mich herum in Miami geschehen. Wir müssen auf den kommenden Sommer blicken. Der wird sehr wichtig für die Miami Heat. Ich will nicht noch so eine enttäuschende Saison erleben, die Coaches wissen das.

Frage: Haben Sie sich in diesem Jahr gefragt, wie es eigentlich passieren konnte, dass Sie so schnell von der Meisterschaft in den Keller gestürzt sind?

Wade: Oh, die ganze Zeit. Mit dieser Frage wache ich jeden Morgen auf, und dann stelle ich sie mir abends, nachdem wir mal wieder verloren haben: "Wie konnte es so schnell dazu kommen?" Aber ich habe darauf keine Antwort, genauso wenig kann ich meine Zukunft vorhersagen.

Frage: Denken Sie denn noch viel an die Meistersaison?

Wade: Sicher. Wenn wir zum Beispiel in der Kabine NBA-TV laufen haben, und sie zeigen die Highlights der Finals - die Umkleide wird still. Udonis Haslem sagt, dass er jedes Mal einen Kloß im Hals hat, wenn er die Bilder sieht. Das war eine wahnsinnige Zeit – und gerade, wenn man da ist, wo wir jetzt stehen. Man versteht das alles nicht. Aber all das hat einen Grund, und hoffentlich hilft uns diese Erfahrung beim Gewinn einer weiteren Meisterschaft.

Frage: Gibt es eine Final-Erinnerung, die am meisten hervorsticht?

Wade: Das Zurückkommen. Wir lagen nach Spielen 0:2 gegen die Dallas Mavericks hinten und waren fünf Minuten vor Ende des dritten Spiels 15 Punkte im Rückstand. Wir hätten einfach sterben können, taten es aber nicht, weil wir bereit waren, alles für den Sieg zu tun. Dann gewannen wir vier Partien in Folge. Ich bin stolz auf alle, die damals in unserem Team standen.

Frage: Sie haben die neue Richtung der Heat erwähnt und dass Coach Riley Sie in seine Pläne eingeweiht habe. Wie groß ist denn das "Wiederaufbauprojekt Miami"?

Wade: Wir planen ja nicht, erst in zwei oder drei Jahren wieder oben zu sein. Wir wollen das über den Sommer schaffen. Natürlich ist es schwer, die richtigen Spieler zu finden, die man mir und Shawn zur Seite stellt. Es geht ja auch immer ums Geld. Haben wir genug Spielraum unter dem Salary Cap, um die richtigen Leute zu verpflichten? Aber mit Coach Riley haben wir den richtigen Mann für solche Entscheidungen. Er ist ja dafür bekannt, dass er große und effektive Deals einfädelt.

Frage: Haben Sie das Gefühl, dass – nach dem Trade und aufgrund der durchaus ansehnlichen Salary-Cap- und Draft-Situation der Heat – diese Seuchensaison nur ein Ausreißer nach unten war?

Wade: Ich denke, der Trade zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Mit Shawn Marion bekamen wir einen vierfachen All Star, der dieser Organisation in der Zukunft viel geben wird. Ich denke überhaupt nicht daran, Miami zu verlassen, nur weil es gerade einmal schlecht läuft. Im Gegenteil, ich schaue begeistert in die Zukunft der Miami Heat!

Wade über die NBA in Europa und seine MVP-Favoriten

Frage: Sie haben vor dem All-Star-Weekend im Februar gesagt, dass diese Tage in New Orleans eine Art Flucht für Sie sein würden. Wie meinten Sie das?

Wade: Es war sehr entspannend. Ich meine, ich war wieder All Star, gehörte zu den besten Spielern der Welt, die ich dort natürlich auch alle traf. Das wird nie langweilig, und ich werde diese Ehre nie als selbstverständlich ansehen. Ich genieße die Events des Wochenendes und die Tatsache, dass ich der normalen Saison für einige Tage entkommen kann.

Frage: Haben Ihre Jahrgangskollegen der Draft 2003, LeBron James oder Carmelo Anthony, Sie in New Orleans aufgemuntert?

Wade: Nein, gar nicht. Sie hatten schon ihre schlechten Jahre, ich habe bereits eine Meisterschaft gewonnen. LeBron schaute mich an und sagte: "Junge, du hast doch schon deine Championship!" (lacht) Da gibt es kein Mitleid in der NBA. Es kommt niemand nach Miami, um mir auf die Schulter zu klopfen. Ich bin Meister geworden. Wenn die Jungs ihren Ring bekommen, dann ist es unter Umständen anders. (lacht)

Frage: Da Sie gerade von der Meisterschaft sprechen: Wenn Sie sich in der Liga umschauen und Spieler wie Jason Kidd sehen, die noch immer dem Meisterschaftsring hinterher jagen - wird Ihnen da bewusst: "Hey, Moment, ich habe meinen schon"?

Wade: Ja, auf jeden Fall. Man versteht, dass man in einer perfekten, einer gesegneten Situation war. Ich bin in meinem dritten Jahr Meister geworden. Natürlich will man nicht von ganz oben nach ganz unten fallen, aber jetzt ist es aufregend, diesen Aufstieg noch einmal zu schaffen.

Frage: Wem gönnen Sie von allen älteren Spielern ohne Ring die Meisterschaft am ehesten?

Wade: Wahrscheinlich Jason Kidd, weil er einfach ein großartiger, selbstloser Spieler ist. Solchen Jungs wünscht man einfach den Erfolg.

Frage: Ligachef David Stern plant in absehbarer Zeit eine europäische NBA-Division mit fünf Teams. Was halten Sie von solchen Plänen?

Wade: Ich denke nicht, dass Kinder in den USA davon träumen, mal in Europa zu spielen, aber… (lacht) wenn man in der NBA spielen will und sich diese Möglichkeit bietet, dann muss man eben tun, was man tun muss.

Frage: Es gibt Überlegungen, im All-Star-Game nicht mehr Ost gegen West, sondern die USA gegen Internationale spielen zu lassen.

Wade: Das wäre großartig. Das würde Spaß machen und wäre ein sehr intensiv geführtes Spiel. Aber das machen wir ja auch schon diesen Sommer bei den Olympischen Spielen in Peking. (lacht)

Frage: Wer sind jetzt zum Saisonende Ihre Favoriten im Rennen um die Auszeichnung für den besten Spieler?

Wade: Puh, das ist eine schwere Frage. Ich würde sagen, dass drei Jungs gleichauf liegen: Chris Paul, Kobe Bryant und LeBron James. Ich könnte aber noch nicht einmal sagen, wer von denen meine Stimme bekommt. Denn LeBron und Chris sind meine Kumpels, und Kobe spielt eine wahnsinnige Saison.

Das Interview führte André Voigt

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