Kerry Collins Der aus der Gosse kam
New York - Die Geschichte beginnt irgendwo im US-Bundesstaat Pennsylvania, genauer gesagt im Städtchen Lebanon. 27.000 Einwohner,5000 davon finden sich jeden Freitag Abend in einem kleinen Stadion ein,um sich Football anzusehen: High-School-Football. Star des Teams ist übrigens ein kleiner Quarterback mit dem Namen Kerry Collins.
Nur, Kerrys Team verliert und verliert! Und die Leute werden ungeduldig in Lebanon,
Pennsylvania. Also ordnet der Headcoach ein besonders hartes Training an. Gegen Ende hetzt er den kleinen Kerry in eine Spielertraube, und Kerry, der Quarterback, bricht sich gleich doppelt den Knöchel. Kerrys Vater ist außer sich vor Wut, die Lebanon High School sieht seinen Sohn nie wieder.
Nur ein Ziel: die NFL
Warum? Weil Vater Collins mit dem kleinen Kerry in das fünfzig Kilometer entfernte Städtchen West Lawn umzieht, damit sein Sohn eine andere Schule (mit einem stärkeren Football-Team) besuchen kann. Ohne Kerrys Mutter und Kerrys Bruder Patrick, versteht sich. Die bleiben in Lebanon,während Vater Collins mit Kerry in einem kargen Ein-Zimmer-Apartmenthaust. Denn Kerry Collins hat Talent - und sein Vater kennt nur ein Ziel: Die National Football League.
Natürlich vermisst Kerry Collins seine Mutter. Auch später als Student auf dem Penn-State-College ist er einsam, dafür aber längst ein Superstar. Die Carolina Panthers holen ihn zu den Profis. Im zweiten Jahr führt er sie ins Finale der National Football Conference (NFC). Jetzt hat Kerry alles: Seinen Traumjob, unendlich viel Geld. Nur sein eigenes Leben und seine Familie (auch mit seinem ehrgeizigen Vater überwirft er sich) hat er dafür aufgegeben.
"Ich war immer nur der Quarterback"
"Ich dachte, das wäre es wert gewesen", sagt Collins. "Im Nachhinein war
es das nicht. Ich war immer nur der Quarterback. Den wirklichen Kerry
Collins kannte ich nur vom Hörensagen".
Beinahe logisch, dass einer wie Collins, der Quarterback, damit beginnt,
nach Kerry, dem Menschen zu suchen. Und dabei unweigerlich von einer
Katastrophe zur nächsten schlittert. Bald kennt man ihn als
Collins, den Rassisten: Am letzten Tag eines Trainingslagers der
Carolina Panthers kommt Collins angetrunken aus einer Bar zurück. Im
Scherz, wie er betont, erzählt er vor einigen farbigen Teamkollegen
Witze, in denen das Wort "Nigger" vorkommt. Es folgt eine wüste Keilerei. Als Collins sich zwei Wochen später in einem Freundschaftsspiel den Kiefer bricht, holt ihn keiner seiner Mitspieler aus dem Krankenhaus ab.
Collins, den Drückeberger: Vor einem Spiel bei den Dallas Cowboys nimmt sich Collins dann selbst "mit Motivationsproblemen" aus der Mannschaft - undenkbar in der Macho-Männerwelt der American Football. Sechs Tage später wird er gefeuert und für 100 Dollar zu den New Orleans Saints abgeschoben.
Collins, den Trinker: Im November 1998 verlässt Collins das Gefängnis in Mecklenburg im US-Bundesstaat North Carolina, in dem er wegen Trunkenheit am Steuer festgehalten worden war. Wie? Natürlich mit einer langen Zigarre im Mund und einem breiten Grinsen um die Lippen.
"Wie ein Haufen Dreck"
"Was für ein mieser Kerl", sagt Kerry Collins heute beim Betrachten der Bilder aus einer jungen aber dunklen Vergangenheit. "Ich sehe aus wie ein Haufen Dreck."
Was folgt, ist wieder einmal eine fristlose Entlassung. Am 24. Januar 1999 zwingt in die Liga in eine Klinik für Suchtkranke. Collins wehrt sich zunächst, nimmt dann jedoch am Programm teil. Seitdem ist Kerry Collins trocken.
Und tatsächlich geht seine NFL-Karriere weiter. Denn einer wie Kerry Collins wird immer gebraucht in der NFL, wo hochtalentierte, smarte Spielmacher mit starkem Wurfarm wie er immer seltener werden.
Aber ausgerechnet New York? Die Stadt, die niemals schläft? Schickt man etwa einen Spielsüchtigen nach Las Vegas, um dort ein neues Leben beginnen?
Höchst konservatives Laufspiel
Ja, weil von Collins in New York plötzlich nicht mehr erwartet wurde,Footballspiele im Alleingang zu gewinnen. Giants-Coach Jim Fassel setzt vielmehr auf höchst konservatives Laufspiel in einem System, in dem der Quarterback eigentlich nur dazu da ist, keine gravierenden Fehler zu begehen. Den Rest richtet dann eine knallharte Verteidigung.
Für einen endlich erwachsen gewordenen Kerry Collins ein Glücksfall. Er,der in 28 Jahren schon Fehler für mehr als zwei Leben begangen hatte,blüht auf. Nicht der Star sein zu müssen, nicht mehr ständig im Brennpunkt der Spielanalysen zu stehen, erlaubt es Collins, dem Quarterback wieder Kerry, der Mensch zu sein.
Nach Jahren geht er deshalb wieder auf seine Mutter zu. Erarbeitet sich ein freundschaftliches Verhältnis zu seinem Vater, mit dem er "manchmal über Monate hinweg kein Wort gesprochen" hatte. Und, er startete eine neue NFL-Karriere. Nach einem durchwachsenen ersten Jahr führte Collins die New York Giants in der Spielzeit 2000/2001 bis ins Super-Bowl-Halbfinale. Nicht spektakulär, sondern ruhig, abgeklärt und souverän.
Jetzt kommt es auf Collins an
Gegen die Minnesota Vikings wird jedoch selbst eine fast fehlerfreie
Leistung von Kerry Collins kaum zum Sieg reichen. Denn es ist kaum
wahrscheinlich, dass die Giants-Verteidigung gegen die hochexplosive
Offensive der Vikings um die Superstars Randy Moss und Cris Carter das
Spiel im Alleingang gewinnen kann. Im Duell mit Minnesota benötigen die
New York Giants aller Voraussicht nach selbst eine Menge eigener Punkte.
Und deshalb einen Kerry Collins, der diesmal eben nicht nur solide
spielt, sondern spektakulär. Collins weiß das. Und er weiß auch, dass es
Zeit ist, seinem Team etwas zurückzugeben.