Knicks-Forward Lee: Heilsbringer auf Zeit - DER SPIEGEL
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Knicks-Forward Lee Heilsbringer auf Zeit

Mit Herzblut und Einsatz hat sich David Lee zum Liebling der Fans in New York gemausert- und zum Stützpfeiler des Teams. Doch schon bald könnte der 25-Jährige für die Knicks zu teuer werden. Das Basketballmagazin "FIVE" stellt den Power Forward vor.
Von Jörg Bähren
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist schon ein paar Jahre her, dass die New York Knicks zur Elite der Liga zählten. Damals, als Spieler wie Patrick Ewing, Charles Oakley, John Starks, Derek Harper, Latrell Sprewell oder auch Larry Johnson landesweit für 48-minütige Angstzustände beim Gegner sorgten.

Knicks-Spieler Lee: Vielseitig in der Offensive

Knicks-Spieler Lee: Vielseitig in der Offensive

Foto: AP

Als sich die Mannen aus dem "Big Apple" epische Schlachten mit Millers Pacers, Jordans Bulls oder Mournings Heat lieferten. Als das World Trade Center noch stand und die ortsansässige Mannschaft dem vielzitierten Ruf New Yorks als Mekka des Basketballs noch gerecht wurde.

NBA-Ergebnisse

Tor. - Atlanta 110:118
Charlotte - Phil. 101:98
Miami - New Or. 87:93 n.V.
Oklah. - San An. 89:99
Memph. - Portl. 93:96
Chicag. - New Y. 110:103
Houston - Orlan. 93:83
Sacr. - LA Lak. 104:122
LA Clip. - Minn. 77:87

Diese glorreichen Zeiten sind längst vergangen, nur noch vage Erinnerungen übrig geblieben. Spätestens im Sommer 2010 soll die düstere Wolkendecke jedoch durchbrochen werden und der Messias (lies: LeBron James) das Parkett des Madison Square Garden im Knicks-Jersey betreten. Die Vorbereitungen auf die spektakuläre Free-Agent-Periode 2010 laufen im Front Office der Knicks auf Hochtouren. Manager Donnie Walsh hat sich vorgenommen, dem Club bis dahin finanzielle Freiräume zu schaffen, um bei der Jagd nach den Topstars erfolgreich mitmachen zu können. Doch trotzdem braucht das Team von Coach Mike D'Antoni auch kurzfristig eine Perspektive, es braucht Talent, es braucht eine positive Tendenz, um allen da draußen unmissverständlich zu zeigen: Hier passiert etwas!

Zur Schlüsselfigur wird immer mehr ein junger Mann, der gleichzeitig die größte Gefahr im Poker um Clevelands Wunderkind LeBron James darstellt. Wobei die Vorstellung eines Pick-and-Roll zwischen James und David Lee überaus reizvoll ist - aber eben auch kostspielig.

Eins links, eins rechts, einen fallen lassen

Der Power Forward erinnert sich noch gut an seinen ersten Gedanken, als er von der Verpflichtung D'Antonis als Headcoach der Knicks erfuhr. "Mir war klar, dass ich umgehend mit Konditionstraining würde anfangen müssen", sagt der 25-Jährige. "Ich weiß noch, dass ich nach den Spielen gegen Phoenix immer total ausgepumpt war. Und jetzt würden wir in Zukunft die anderen Teams auspumpen - aber nur in einem absolut fitten Zustand."

Zudem wusste Lee aus dem Sommer 2007 noch genau, wie Trainingseinheiten unter D'Antoni aussehen. Damals war er Teil einer Mannschaft, die dem Team USA als Sparrings-Partner gegenüberstand; D'Antoni war Co-Trainer der US-Auswahl. "Es war schon sehr interessant, einen Einblick in seine Arbeitsweise zu bekommen. Auch wenn die Nationalmannschaft natürlich nicht direkt mit Phoenix vergleichbar ist, ließen sich doch Rückschlüsse ziehen."

David Lee kommt im Knicks-System eine besondere Rolle zu. Ob auf dem Weg zum Korb oder per Wurf aus der Mitteldistanz - David Lee kann sich seine Waffen aussuchen. Mit rund 16 Punkten und fast einem Dutzend Rebounds pro Spiel liefert er Spitzenwerte - mehr als 55 Prozent Wurfquote reichen für die Top Ten der Liga. Der Sprungwurf fällt mittlerweile mit solcher Regelmäßigkeit, dass er nach erfolgreicher Wurftäuschung immer noch den von ihm bevorzugten Drive ans Brett anbringen kann.

Mit gebrochenem Arm auf ein neues Level

Für die Verteidigung ein Horror, denn der 2,06-Meter-Mann ist in der Zone meist nur durch ein Foul zu stoppen. "Es ist furchtbar. Machst du ihm die rechte Seite zu, schlägt er dich mit links. Machst du links dicht, geht er über rechts", weiß Atlantas Marvin Williams zu berichten.

Die Aggressivität hat System. Schon zu Highschool-Zeiten suchte Lee immer wieder den Weg durch die Zone. Musste er auch, denn früh in die Höhe geschossen, war seine angestammte Position stets in Brettnähe gewesen. An der Dreierlinie fand er sich nur wieder, wenn er als Trailer in die zweite Welle der Offensive stieß. Ohne nennenswerte Wurfqualitäten aus der Halbdistanz war sein Spiel vorhersehbar und eindimensional. Erst eine Verletzung brachte die Wende, in seinem Sophomore-Jahr brach sich der Linkshänder den Wurfarm. Sobald der Körper nicht bei der geringsten Erschütterung von Schmerzen durchzuckt wurde, stand Lee schon wieder in die Halle und trainierte notgedrungen die bis dahin schwache Rechte.

Hoffnungsträger mit Pausbacken

Aus der Not wurde eine Tugend. Fortan forcierte der Youngster das beidhändige Spiel. "Ich konnte mit einer Hand ja nicht mal richtig Videogames zocken", erinnert sich Lee heute. "Also habe ich den anderen Jungs beim Training zugeschaut und nebenbei ein paar Bälle geworfen. Anfangs nur aus Langeweile und von unten. Doch irgendwann waren auch Hakenwürfe aus der Mitteldistanz dabei - da hat mich der Ehrgeiz gepackt."

Endlich von der lästigen Arm-Manschette befreit, startete Lee im Team der St. Louis Chaminade Prep School durch. "Es war komisch, in den ersten richtigen Trainings und Spielen hatte ich immer noch Angst wegen meines Armes", berichtet er. "Also habe ich mehr aus Selbstschutz heraus einige Bewegungen mit rechts versucht - mit Erfolg. Ich bin vorerst viel auf Nummer sicher gegangen. Nur bei den Würfen aus der Distanz fühlte ich mich mit der linken Hand wohler."

Verteidiger Lee (l.): "Auf jeden Ball schmeißen"

Verteidiger Lee (l.): "Auf jeden Ball schmeißen"

Foto: Getty Images

Gepaart mit einem ordentlichen Timing bei den Rebounds und einer ganzen Reihe von Pump-Fakes sorgte Lee auch im Lowpost für Gefahr. Als Belohnung flatterte 2001 die Einladung zum "McDonald's All-American Game" ins Haus. Der Youngster traf dort auf Spieler wie Eddy Curry oder Tyson Chandler, die er vier Jahre später in der NBA wiedersehen würde. Das Treffen der Hochtalentierten auf dem Parkett ging an Lee jedoch weitestgehend vorbei. Erst beim Slam-Dunk-Contest drehte er auf und lies die vielgepriesene Konkurrenz um Überflieger James White hinter sich. "Damals konnte ich noch springen", sinniert der Forward über den Wettbewerb.

Es folgten vier Jahre am College bei den Florida Gators, wo er der Generation um die NCAA-Doppel-Champs Horford und Noah den Weg ebnete. Doch obwohl er in jeder seiner vier Spielzeiten bessere Stats vorzuweisen hatte, landete er auf den Listen der NBA-Scouts weit unten. Dabei waren seine Statistiken mit 13,6 Punkten und 9,0 Rebounds in der Saison 2004/05 durchaus bemerkenswert. Die Aussichten auf eine Draft-Platzierung in der ersten Runde schienen dennoch verschwindend gering. Mit dem letzten Pick der ersten Runde, an 30. Stelle, sicherten sich die Knicks die Dienste des Forwards.

Vom Heilsbringer zum Trade-Objekt

Nach einer Rookie-Saison mit den üblichen Startschwierigkeiten blühte Lee in der Saison 2006/07 auf. Zwar von der Bank kommend, aber immer topmotiviert, brachte er mit seinem unermüdlichen Einsatz am Brett genau das, was die Fans im Big Apple schon lange vermisst hatten: Herz. "Ich habe schon immer die Einstellung gehabt, dass man sich nach jedem Ball schmeißen muss, um ein Spiel zu gewinnen", sagte Lee.

Seitdem nun Mike D'Antoni im Garden das Zepter schwingt und das Selbstvertrauen in die Mannschaft zurückgekehrt ist, hat Lee seinen Marktwert kontinuierlich gesteigert. Seine starken Statistiken wecken Begehrlichkeiten anderer General Manager. D'Antoni und Donnie Walsh würden den weißen Burschen mit den Pausbacken gern behalten - und gleichzeitig 2010 um LeBron James mitbuhlen.

Doch den beiden Machern ist klar, dass Lee die gesamte Operation in Gefahr bringen könnte. Denn im Sommer wird der Forward Free Agent, ein begehrter Free Agent noch dazu. Im schlimmsten Fall werden die Knicks ihn (ohne wirklichen Gegenwert) an die Konkurrenz verlieren oder selbst ein hohes Angebot vorlegen müssen, was wiederum den finanziellen Spielraum mit Blick auf 2010 enorm einschränkt. Bis zur Trading Deadline tauchte sein Name dann auch immer wieder in den wildesten Tausch-Spekulationen auf.

Ein Deal mit Toronto stand zur Debatte, doch die Raptors schickten den alternden Jermaine O'Neal nach Miami. Dessen bis 2010 laufenden Vertrag hätte Walsh gern gehabt, ohne O'Neal wurde der Deal für die Knicks uninteressant. Ohne auslaufende Verträge ins Team zu holen, wäre Lee nur auf eine Weise zu haben gewesen: im Doppelpack mit Forward/Center Eddy Curry - der einen mit 9,7 Millionen dotierten, auslaufenden Vertrag besitzt. Doch der wenig pflegeleichte, übergewichtige Big Man fand keinen Abnehmer.

In New York hofft man nun auf eine Vertragsverlängerung zu moderaten Bedingungen oder einen Tausch gegen gleichwertigen Ersatz - und übt sich vorerst in Gelassenheit: "Ich habe keinen Druck", gab etwa Manager Walsh Mitte Februar zu Protokoll. "Entweder macht uns jemand ein ordentliches Angebot, oder David wird weiter hervorragenden Basketball für uns spielen."

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