Knicks-Legende Monroe Der schwarze Jesus
Philadelphia, Dezember 1944. Die rauen Straßen der Southside sind schneebedeckt. Dort, wo sonst die Seele des Streetball in Philly lebt, ist es ruhig. Verlassen liegen die Freiplätze der "City of Brotherly Love" da. Das Spiel ruht, und doch wird dem Basketball am 21. Dezember der Heiland geboren.
Nur weiß das damals noch niemand. Auch nicht Vernon Earl Monroe selbst, der an diesem Tag zur Welt kommt.
Es dauert 14 Jahre, bis Monroe seine Bestimmung entdeckt. Jahrelang hatte er sich nur für Football und Baseball interessiert. Doch mit nunmehr 1,93 Meter Körpergröße sprechen ihn immer wieder Highschooltrainer der Nachbarschaft an. Er solle es mit Basketball versuchen und seine Größe nicht verschwenden. Der Teenager lässt sich auf das neue Spiel ein und findet eine neue Liebe.
Bald ist Earl fast nur noch auf den Freiplätzen Philadelphias zu finden. Dort, wo die "Big Men" Connie Hawkins und Wilt Chamberlain regieren und wo es noch mit vollem Ellbogeneinsatz zur Sache geht. Auf den ersten Blick wirkt Monroe fehl am Platz. Er kann nicht springen wie Hawkins, ist keine physische Ausnahmeerscheinung wie Chamberlain. Seine dünnen Ärmchen und Beinchen erwecken eher Mitleid. Und doch kommen die Leute, um ihn zu sehen. Sie pilgern zu ihm und nennen ihn "Jesus". Ein Spitzname, dem die weitgehend weißen Pressevertreter der Stadt schnell das Adjektiv "black" voranstellen.
Denn Earl ist anders. Er punktet so virtuos und innovativ, dass sie ihn bald auch noch "Thomas Edison" taufen, weil er so viele Bewegungen erfindet. Earl Monroe ist kreativ, unberechenbar. Er ist Disco-Funk, als alle Welt noch den Beatles zujubelt. Oft dribbelt Monroe scheinbar aussichtslos und mit voller Geschwindigkeit in ein Knäuel Verteidiger. Nimmt Kontakt auf, dreht sich blitzschnell, springt ab. In der Luft zieht er den Ball von einer Seite zur anderen und wieder zurück. Er wirft mit dem Rücken zum Korb. Er wirft nach fünf, sechs Täuschungen.
"Selbst Gott kann ihn nicht schlagen"
In einer Zeit, in der Guards dazu bestimmt sind, vor allem den Ball zu verteilen, macht Monroe Punkte mit Stil. Während andere Aufbauspieler die Zone meiden wie radioaktives Sperrgebiet, sucht Earl die Herausforderung am Korb. "Die Jungs in Philly spielten einen sehr harten Stil", sagt er Jahre später. "Ich musste meinen Wurf so lange wie möglich verzögern, um nicht geblockt zu werden."
Doch weil er mit den Konventionen des Guard-Gewerbes bricht und für die Galerie spielt, gilt er bei gegnerischen Trainern als "Showboat" als Schönspieler. Bringen würde der es nie zu etwas. Zumal Monroe in der Highschool fast ausschließlich als Center spielen muss. Also bleiben die Angebote der großen Colleges aus. Wer will schon einen 1,93-Meter-Center und verkappten Harlem Globetrotter? Monroe steht vor der Wahl, an der so viele Streetball-Legenden scheitern. Auf den Freiplätzen Heldentaten vollbringen, ein bisschen Kohle machen und endlos von der NBA träumen? Oder den konventionellen Weg gehen und irgendwo studieren?
Monroes Irgendwo ist Winston-Salem State in North Carolina, wo ausschließlich Afroamerikaner studieren. Der Prophet kommt zum Berg. Am kleinen Provinzcollege der NCAA Division II findet er in Coach Clarence Gaines eine Vaterfigur und einen Trainer, der ihm vertraut. In vier Uni-Jahren steigert sich Monroe von 7,1 auf 41,5 Punkte pro Spiel. Die Zeitungen nennen ihn "The Pearl". Wichtiger als all diese Kunststücke ist indes die Division-II-Championship, die Winston-Salem in Monroes letzter Saison gewinnt.
Artistisches Flair
Aus dem Showboat wird ein Winner, und die NBA reißt sich plötzlich um den Schwarzen Jesus. Als einer der wenigen Streetball-Götter entkommt er dem Griff der Straße.
"Gib ihm einen Basketball, und Pearl macht wundervolle Dinge", jubelt Gene Shue, Coach der Baltimore Bullets, die Monroe 1967 an Nummer zwei draften. "Er mischt sein Basketballtalent mit einem einzigartigen artistischen Flair." Die Bullets, in der Saison zuvor mit 20 Siegen noch das schlechteste Team der Liga, gewinnen dank Monroes 24,3 Punkten im Schnitt 36 Partien und verpassen nur knapp die Playoffs. "Selbst Gott könnte Earl nicht im Eins-gegen-eins schlagen", erklärt sein Mitspieler Ray Scott.
Im Jahr darauf bildet Monroe zusammen mit Rookie Wes Unseld den Kern des besten Teams der NBA. Der bullige Center Unseld greift sich 18,2 Rebounds, wird Rookie des Jahres und Wertvollster Spieler der Regulären Saison. Monroe (25,8 Punkte) verwertet die Outlet-Pässe von Unseld im Fastbreak und vollbringt seine üblichen Wunder im Halbfeld. Die 57 Siege der Regular Season bedeuten in den Playoffs allerdings gar nichts. Die New York Knicks schlagen Baltimores Youngsters 4:0 in der ersten Runde. Es ist der Beginn einer der größten Rivalitäten der NBA-Geschichte.
In New York wird Monroe erst verschmäht, dann gefeiert
Auf der einen Seite stehen die "Young Guns" Monroe und Unseld, auf der anderen die erfahrenen Teamspieler der Knicks um Willis Reed, Dick Barnett, Bill Bradley. Und nirgends wird der Unterschied zwischen beiden Mannschaften so deutlich wie bei den Point Guards. Dem Spektakel Monroes steht auf Seiten der Knicks der coole Walt "Clyde" Frazier gegenüber. Frazier ist ein Defensivkünstler, ein Playmaker. Einer, der nur im Notfall selbst schießt. "Clyde und Pearl" die absoluten Gegensätze im Point-Guard-Universum. Sie sind Feuer und Eis. Disco und Jazz.
"Man muss ihn schon umhauen, um ihn zu stoppen. Pearl bringt seinen Körper perfekt zwischen den Verteidiger und den Ball, sodass du einfach nicht rankommst", keucht Frazier nach einer Playoffpartie 1970. "Und er spielt so verdammt relaxed, als würde er gar keinen Druck kennen." Die Knicks gewinnen trotzdem auch diese Serie, diesmal 4:3. Sie werden in einem epischen Finale gegen die Lakers um Chamberlain sogar Meister. Aber Frazier weiß, dass die Bullets, solange Earl Monroe dort spielt, gefährlich sind. "Gegen ihn zu verteidigen, das ist, als würde man sich einen Horrorfilm ansehen", gibt Frazier zu.
Ein Jahr später wird der Horror Wirklichkeit. 93:91 gewinnen die Bullets das siebte Spiel ausgerechnet im Madison Square Garden. Die Meisterschaft aus dem Vorjahr, die beste NBA-Bilanz sie ist verpufft. Black Jesus triumphiert, doch der Sieg ist teuer erkauft. Nach den hart umkämpften Conference Finals ziehen Monroe und Unseld verletzt ins Finale ein. Dort warten die Bucks mit Oscar Robertson und Lew Alcindor (später Kareem Abdul-Jabbar). Die Serie wird zum Desaster für Baltimore und endet 0-4. Kein Spiel ist wirklich knapp. Es ist Monroes letzter Playoffauftritt für die Bullets.
Im folgenden Sommer gibt es Probleme zwischen "The Pearl" und dem Management. Es geht um Geld. Das Verhältnis zwischen Star und Team ist ruiniert, als das Unglaubliche passiert. Die Bullets traden Monroe nach drei Saisonspielen für zwei Bankdrücker und Geld zu den verhassten Knicks. Frazier und Monroe im gleichen Backcourt. Feuer und Eis. Disco und Jazz. Passt das? "Nicht viele Spieler haben das Glück, in einem Team zu spielen, in dem sich alles um sie dreht", blickt Monroe zurück. "Doch genau das ließ ich damals in Baltimore zurück. Ich kam nach New York und wusste, dass ich nicht mehr die Nummer eins war. Die Knicks waren Clydes Team, und das habe ich von Anfang an akzeptiert."
Es dauert über eine halbe Saison, bis sich der Neue integriert hat. Sein Punkteschnitt sinkt auf für ihn miserable 11,9. In den Conference Finals trifft New York erneut auf Baltimore Monroe bekommt seine Rache. 4:2 gewinnen die Knicks. Pearl steht wieder im Endspiel. Und verliert abermals. Diesmal mit 1:4 gegen die Lakers.
Nobel-Guards in New York
Nun werden die Stimmen in den "Five Burroughs" immer lauter. Es sind die Puristen, die den Garden seit Jahrzehnten bevölkern. Sie haben nie an diesen "Black Jesus" geglaubt und Monroe als Wurzel des Übels ausgemacht. Es sind jene Jünger der "Ich passe, also bin ich"-Religion, die seine Entwicklung von Feuer zu Eis nicht erkennen. Nicht erkennen wollen.
Sie sehen nicht, dass sich dieser Earl Monroe entwickelt hat. "Ich bin jetzt ein anderer Spieler. Mit Walt Frazier im Backcourt bringe ich den Ball nicht mehr so oft nach vorn", erklärt Monroe. "Aber das ist okay. Denn obwohl wir ein großartiges Team sind, viel passen und gut verteidigen, geht es am Ende doch immer um das Eins-gegen-eins." Und auch Frazier ändert sich. Eis beginnt ein wenig Feuer zu fangen. 23,2 Punkte bringt er mit Monroe an seiner Seite Career High.
In der Saison 1972/73 passt dann endlich alles zusammen. Die Knicks sind eingespielt. Sie wissen jetzt, wie sie Monroe am besten einsetzen. Stockt die Offense, bekommt Pearl den Ball - und er verzaubert den Garden. Earl und Clyde bekommen sogar ihren eigenen Spitznamen: Sie sind der "Rolls Royce Backcourt".
Angetrieben von seinen Nobel-Guards, ist New York nicht zu stoppen. Erst fällt Baltimore 1:4, dann unterliegen die Celtics 3:4, obwohl sie die Regular Season mit 68 Siegen überragt hatten. Im Finale warten erneut die Lakers wieder mit Chamberlain und West. Beide Teams kennen sich in- und auswendig. Nur eine Partie wird mit mehr als fünf Punkten entschieden. Trotzdem: Nachdem L.A. die erste Begegnung gewinnt, blicken die Knicks nicht mehr zurück. 4:1 schlagen sie die "Lake Show", Monroe ist endlich NBA-Champion. Es ist der Höhepunkt seiner Karriere.
Die letzte Chance, er hat sie genutzt.
Das Meister-Team der Knicks bricht bald auseinander, und auch die Schmerzen in Monroes Gelenken werden von Jahr zu Jahr schlimmer. "Ich konnte noch ab und zu den Schalter umlegen", erinnert er sich. Aber diese Tage werden immer seltener. 1980 ist dann endgültig Schluss. Earl Monroe tritt ab. "Ich habe in New York gelernt, das Spiel zu analysieren. Clyde und ich haben im anderen das Beste zum Vorschein gebracht", sagt Monroe. "Er bekam etwas von meinem Feuer und ich etwas von seiner Coolness. Wir ergänzten uns perfekt. Wenn es nach mir geht, waren wir der beste Backcourt aller Zeiten."