NBA-Finale Hoffen auf den "echten" Nowitzki
Dallas - Dirk Nowitzki feierte gestern seinen 28. Geburtstag. Es dürfte ein äußerst trübseliges Fest gewesen sein. Einen Tag nach der dramatischen 100:101-Niederlage nach Verlängerung gegen die Miami Heat im fünften NBA-Finalspiel werden sich Nowitzki und seine Dallas Mavericks die Partie auf Video angeguckt haben, um sich auf das nächste Aufeinandertreffen heute Nacht vorzubereiten.
Die Filmstudie wird einmal mehr die alles entscheidende Frage aufgeworfen haben: Wie können die "Mavs" die Wirkungskreise von Dwyane Wade einschränken? Der Heat-Guard erzielt in diesen Finals durchschnittlich 34,4 Punkte und hat das Basketballfeld zu seiner persönlichen Spielwiese gemacht. Er ist der Gegenpol zu Nowitzki, der ausgerechnet jetzt seiner Form hinterherhechelt und dringend ein Erfolgserlebnis braucht. Die völlig gegenläufigen Leistungskurven der zwei Stars sind der Hauptgrund, warum Miami in der Best-of-seven-Serie nach anfänglichem 0:2-Rückstand das Kommando übernommen hat und nur noch einen Sieg zum ersten Titelgewinn der Vereinshistorie braucht.
"Dwyane ist momentan der Beste, mehr gibt es nicht zu sagen", bilanzierte Miamis Center Shaquille O'Neal nach Spiel fünf. Eine zutreffende Einschätzung. Nachdem Wade in der ersten Halbzeit noch eine zittrige Wurfhand hatte, begab er sich nach der Pause "in the zone" (in die Zone), wie man in der Fachsprache sagt. Dieser Ort beschreibt einen transzendentalen Zustand, in welchem dem "Eindringling" scheinbar alles leichtfüßig gelingt. Wade traf bei seiner 43-Punkte-Gala alle wichtigen Würfe, aus allen Lagen, darunter die beiden Freiwürfe 1,9 Sekunden vor dem Schluss. Er besiegte Dallas fast im Alleingang. Mavericks-Coach Avery Johnson setzte insgesamt fünf unterschiedliche Verteidiger auf Wade an, streckenweise wurde er von drei Gegenspielern zugleich gedeckt. Genützt hat alles nicht.
Die Vorstellung war auch insofern einzigartig, als dass Wade eine neue Finals-Bestmarke aufstellte: Er bekam insgesamt 25 Freiwurfversuche zugesprochen. Selbst Michael Jordan, der einst ein Meister darin war, Fouls zu provozieren und zu schinden, schaffte es bei seinen immerhin sechs Endspielteilnahmen nicht, so oft in einem Match an die Linie zu treten.
Den Mavericks ist der Rekord übel aufgestoßen, immerhin verbuchte Wade allein genau so viele Freiwürfe wie das gesamte Dallas-Team zusammen. Eine Verschwörungstheorie wittert Nowitzki trotz dieses krassen Missverhältnisses nicht. "Wade weiß offensichtlich, wie er zum Korb gelangen kann; er versteht es, den Körperkontakt zu suchen und bekommt viele Freiwürfe", kommentiert der deutsche Forward diplomatisch, "das macht er schon die gesamten Playoffs über. Man muss das anerkennen."
Weniger verständnisvoll geht Nowitzki mit seinen eigenen aktuellen Darbietungen um. "Ich muss einfach effektiver werden", sagt er. Das findet auch die "Sports Illustrated". "Dallas braucht den echten Nowitzki zurück", schreibt das US-Sportmagazin auf seiner Homepage. "Jenen Spieler, der in den Playoffs vorher im Schnitt 28,4 Punkte und zwölf Rebounds erzielte."
In den Finals ist diese Produktivität auf 21,6 und 10 gesunken. Auch die vorher so beeindruckende Trefferquote ist im Keller. Dass Nowitzki, eigentlich ein traumhaft sicherer Freiwerfer, zuletzt in Schlüsselsituationen auch bei den Einpunktewürfen Nerven zeigte, rundet das Gesamtbild ab.
"Ich werde halt viel gedoppelt", erklärt Nowitzki die Verteidigungsstrategie der Miami Heat, die ihn so sehr aus dem Spiel genommen hat. "Sie versuchen den Ball von mir wegzuhalten, einer steht immer vor mir, einer hinter mir", sagt er. Auch in den Runden zuvor wurde Nowitzki vom Gegner hauteng und am Rande des Legalen beschattet. Die Heat, allen voran Udonis Haslem und James Posey, haben die Klammerschraube nun aber noch einmal enger gedreht.
Wie sehr Nowitzki die sportliche Talfahrt nervt, wurde nach dem letzten Spiel deutlich. Nach der bitteren Niederlage drosch er erst den Ball in die Ränge, anschließend trat auf dem Weg zur Umkleidekabine ein Fahrradergometer um. Für den sonst so besonnenen Menschen ist das eine sehr harsche Reaktion.
"Wir würden uns freuen, wenn er wieder einen Durchbruch hat", merkt Trainer Johnson an. "Wenn wir aber von unseren anderen Spielern Konstanz bekommen, macht es uns nicht so viel aus, wie Dirks Form ist. Dann haben wir auch so die Chance zu gewinnen." Dieser Aussage möchte man wegen des tiefen Kaders, den Dallas besitzt, grundsätzlich zustimmen. Allein: Im letzten Spiel entlasteten mehrere Akteure, etwa Jason Terry (35 Punkte) oder Josh Howard (25), ihren kriselnden Star nach besten Kräften.
Zum Sieg reichte es dennoch nicht. Man sollte deswegen im Lager der Mavericks vielleicht eher auf das Gesetz dieser Finalserie hoffen. Bis jetzt wurde jedes Spiel von der gastgebenden Mannschaft gewonnen. Hält dieser Trend, wird Dallas doch noch Meister. Denn ab heute Nacht haben die Mavericks Heimrecht.