NBA-Finale: Tritt in den Hintern - DER SPIEGEL
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NBA-Finale Tritt in den Hintern

Cleveland steht erstmals im NBA-Finale und ist der krasse Außenseiter. Denn in San Antonio wartet das die vergangenen Jahre erfolgreichste Team der Liga auf die Cavaliers. Doch Cleveland hat ja noch LeBron James. Der Jungstar ist zurzeit blendend drauf.
Von Jan Hieronimi
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Konfetti von der Decke regnete und LeBron James die Meisterschaftstrophäe der Eastern Conference über seinen Kopf streckte, da schien sich endgültig jedes Klischee erfüllt zu haben, das sonst eher platten Sportfilmen vorbehalten ist: Der vermeintlich unschlagbare Gegner am Boden, wegen zahlreicher Unsportlichkeiten vollends in der Rolle des Schurken aufgegangen. Clevelands 4:2 in der Serie gegen die Detroit Pistons - das hatte auch sonst viel von Hollywood: James als strahlender Held, ein sympathischer Co-Star mit Rookie Daniel Gibson und der trotz Verletzung aufs Feld humpelnde Larry Hughes.

Ginge es nach den Cavaliers, dann wäre der triumphale Einzug in die am Donnerstag beginnende Endspielserie noch nicht das Happy End, sondern nur der Prolog für den ultimativen Erfolg: den Gewinn der Meisterschaft. "Wir sind noch lange nicht fertig", verkündete der 21-jährige James unmittelbar nach Spiel sechs. Nicht umsonst schwört sich sein Team seit Saisonbeginn vor jeder Begegnung mit dem Kampfruf "One, two, three – championship" ein.

Der Gegner im Duell um die NBA-Krone ist San Antonio. Wo die Finalteilnahme ganz Cleveland in einen kollektiven Siegesrausch stürzte, wurde der erneute Endrunden-Auftritt der Spurs daheim eher routiniert aufgenommen. In San Antonio ist man das Gewinnen schließlich gewöhnt. Seit die Texaner 1998 Star-Forward Tim Duncan verpflichteten, holte die Franchise in keiner Saison weniger als 53 Siege (bis auf die wegen des Spielerstreiks verkürzte Saison 1998/1999), erreichte jedes Jahr die Playoffs und errang drei Meisterschaften (1999, 2003 und 2005). Überhaupt verfehlte San Antonio erst fünf Mal in seiner Geschichte die Playoffs. Das "ESPN Magazine" zeichnete die Spurs mehrfach als besten Club im gesamten US-Sport aus.

Puristen schätzen die mörderische Präzision ihrer Verteidigung und den uneigennützigen Stil in der Offensive, doch der breiten Basketball-Öffentlichkeit sind die Spurs trotz – oder vielleicht gerade wegen – ihrer jahrelangen Brillanz herzlich egal. San Antonio wird respektiert, nicht geliebt. Unter den fünf Playoffserien mit den niedrigsten Einschaltquoten tauchen die Texaner drei Mal auf.

Nichts hätte NBA-Chef David Stern darum vermutlich mehr die Laune verhagelt als ein Aufeinandertreffen von Spurs und Pistons. Bereits 2005 standen die beiden Teams im Finale und spielten den Titel quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus. Das Duell Cavs versus Spurs, sozusagen neureiche Jungspunde fordern alten Adel, könnte hingegen der NBA neues Leben einhauchen. "Was hier geschehen ist, war sehr gut für die Liga, für Cleveland und für LeBron", analysierte NBA-Legende Michael Jordan nach dem Sieg der Cavaliers. Schließlich definiert und vermarktet sich die Liga über ihre Stars. Nun hat nach Miamis Dwyane Wade 2006 mit James ein weiterer Nachwuchsspieler den Durchbruch geschafft. Amerika liebt solche Geschichten.

"Unsere Fans haben es verdient", sagte James nach dem Finaleinzug, "es wurde ja auch Zeit, dass für Clevelands Sportmannschaften etwas richtig läuft." Seit die Footballer der Cleveland Browns 1964 den Superbowl gewannen, gab es für Sportfans in der früher wegen ihrer mangelnden Schönheit scherzhaft "Mistake by the lake" genannten Stadt am Eriesee keinen Titel mehr zu feiern.

Nur Anfang der Neunziger zählten die Cavaliers, die 2002/2003 lediglich 17 Spiele gewannen und in 37 Jahren 22 Mal die Playoffs verpassten, zum engeren Favoritenkreis. Sie scheiterten an Jordans Bulls. Die Finalteilnahme 2007 ist bereits der größte Erfolg der Clubgeschichte.

Erst die Ankunft des schon an der Highschool zum "Auserwählten" stilisierten James sorgte 2003 für neue Hoffnung in Cleveland. Zweieinhalb Jahre später erwarb der Milliardär Dan Gilbert die Cavaliers und baute sein neues Team nach dem Vorbild San Antonios um: Mit Danny Ferry und Mike Brown verpflichtete er zwei ehemalige Spurs als Manager und Coach. Heute wirken die Cavs mit ihrer klaren Ausrichtung auf harte Defense und der zentralen Bedeutung ihres Superstars für die Offense wie ein Spiegelbild des mehrfachen Meisters.

Oder eher wie eine schlechte Kopie? Vor dem Beginn der NBA Finals tippten bei einer Umfrage von ESPN über 53 Prozent der Teilnehmer auf ein 4:2 oder 4:1 für die Spurs. Zu schwach erscheinen die Nebendarsteller an James' Seite, zu leicht wurde ihnen mit Ausnahme der Pistons der Weg bis ins Finale gemacht: Erstundengegner Washington musste auf zwei Leistungsträger (Gilbert Arenas und Caron Butler) verzichten, Zweitrundengegner New Jersey schwächelte bereits die gesamte Saison.

San Antonio dagegen bezwang mit Denver (4:1), Phoenix (4:2) und Utah (4:1) souverän drei hochkarätige Teams. Und was den Vergleich der Cheftrainer angeht: Clevelands Mike Brown ließ sich noch während der Conference-Finals gegen Detroit telefonisch Tipps von seinem alten Mentor Gregg Popovich geben.

In Cleveland kennt die Euphorie trotzdem keine Grenzen. Immerhin konnte das Team unter Brown in den vergangenen beiden Spielzeiten drei von vier Begegnungen gegen San Antonio gewinnen. "Ich liebe Gregg Popovich", sagt Clevelands Manager Danny Ferry, "aber wir fahren nach San Antonio, um ihm den Hintern zu versohlen."

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