NBA-Halbzeitbilanz: Klassiker in Hollywood - DER SPIEGEL
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NBA-Halbzeitbilanz Klassiker in Hollywood

Der Lack war ab: Noch vor wenigen Monaten steckte die NBA in der Krise, ein Schiedsrichterskandal und durchwachsene Einschaltquoten trübten das Bild. Zur Saisonhalbzeit, pünktlich zum Allstar-Game am Wochenende, ist der alte Glanz zurück. Dank frischer Stars und einer alten Rivalität.
Von Jan Hieronimi
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er wollte lieber auf dem Mars spielen, als in Los Angeles zu bleiben. Im Sommer 2007 hatte Lakers-Superstar Kobe Bryant mit aller Vehemenz einen Wechsel gefordert, zu erfolglos war ihm der ehemalige Meisterclub geworden. Doch das Management seines Clubs blieb cool, vertraute auf die Professionalität Bryants. Der brachte wie erhofft trotz seiner Unzufriedenheit Leistung - und findet sich zur Saisonhalbzeit mit 35:17 Siegen auf Platz drei im Westen wieder.

Die gescholtenen Mitspieler straften ihn bisher Lügen, allen voran der junge Center Andrew Bynum (13,1 Punkte, 10,2 Rebounds im Schnitt bis zu seiner Knieverletzung Mitte Januar). Als General Manager Mitch Kupchak dann am 1. Februar mit Grizzlies-Forward Pau Gasol einen weiteren Star nach Hollywood holte, ohne dafür den Nukleus der Mannschaft anzutasten, jubilierte der bekehrte Bryant gar öffentlich: "Es gibt einen Gott, es gibt einen Gott!" Dank der Rückkehr seiner Lakers in den Kreis der Titelkandidaten darf auch die NBA sich freuen: über eine neue, alte Rivalität.

Denn ein Jahr nach der vielleicht einseitigsten Finalserie der Ligageschichte (San Antonio gewann gegen Cleveland 4:0) bahnt sich die Neuauflage eines Clubduells an, die weltweit Basketballfans in die Sofakissen zwingen dürfte: Boston gegen L.A., Celtics gegen Lakers, Ost gegen West - es könnte die nächste Runde im Duell der beiden erfolgreichsten Clubs der NBA-Historie werden. In den Achtzigern spielten die Legenden Larry Bird (Celtics) und Magic Johnson (Lakers) Jahr für Jahr um die Meisterschaft, bis sich Anfang der Neunziger mit dem schnurrbärtigen Wurfgott Bird aus "Beantown" auch die Titelchancen der Kelten verabschiedeten.

In Boston regierte seither das Mittelmaß, schlimmer noch: Vergangene Saison spielte im TD Banknorth Garden das zweitschlechteste Team der Liga (24:58). Nun jedoch sind die Celtics dank der Zugänge von Kevin Garnett und Ray Allen zum Titelfavoriten erstarkt, mit der besten Bilanz der NBA (41:9). Und auch in der Stadt der Engel steht dank Bryant, Bynum und Gasol ein Top-Team parat. "KG" gegen Kobe, Paul Pierce gegen Pau - es ist zwar noch ein weiter Weg ins Finale, doch in der Ligaspitze dürften sämtliche Daumen gedrückt werden für die Neuauflage des Klassikers.

Shaq wiederbelebt?

Apropos Klassiker: Gerade, als die Basketballwelt sich mit dem Gedanken anzufreunden begann, dass es das gewesen sein könnte für Center-Legende Shaquille O'Neal, da schenkte ihm ein Trade neues Leben: In Phoenix bekommt er neben erstklassiger Versorgung für die diversen körperlichen Gebrechen eine Chance auf Titel Nummer fünf nach den Meisterschaften mit den Lakers (2000 bis 2002) und mit den Miami Heat (2006).

Im Trikot der katastrophalen Heat hatte der Altstar oftmals unmotiviert und langsam gewirkt, der "Diesel" spielte bisher die schlechteste Saison seiner Karriere. Nun also ein letztes Hurra für einen der besten Center der NBA-Geschichte - und das ausgerechnet bei den für ihr so schnelles Spiel bekannten Suns. Doch der 2,13-Meter-Mann hat neben seiner puren Präsenz unter dem Korb eben etwas, das Schnelligkeit aufwiegen kann: seine immense Erfahrung.

Ex-Meister ganz unten

Diese Erfahrung fehlt nun den Heat. Miami, der NBA-Champion 2006, vergangene Saison immerhin noch in den Playoffs, verlor zuletzt satte 23 von 24 Spielen. Längst zog das Management die Reißleine: Shaq ist weg, der neue Mann an der Seite des weiterhin angeschlagenen Superstars Dwyane Wade heißt Shawn Marion. Der Neuaufbau hat begonnen. Immerhin.

Das ist jedenfalls mehr, als die New York Knicks vorweisen können. Nach 33 Siegen im vergangenen Jahr machte die Franchise einen Schritt zurück, die Playoff-Hoffnungen sind längst passé. Ex-Hoffnungsträger und Immernoch-Großverdiener Stephon Marbury verabschiedete sich ins Krankenlager und dürfte spätestens nach Saisonende Geschichte sein. Zugang Zach Randolph, in Portland noch der unumstrittene Star, mosert über seine fehlenden Spielanteile. Und trotz allem heißt der Trainer weiterhin Isiah Thomas. Der frühere Champion vom Big Apple (1970 und 1973) scheint ein hoffnungsloser Fall.

Neue Stars hat das Land

Ohne Stars geht nichts. Keine andere US-Liga definiert und verkauft sich derart über individuelle Brillanz wie die NBA. Umso besser, dass die aktuelle Saison gleich eine Vielzahl junger Hochbegabter mit der entsprechenden Mischung aus Talent und Strahlkraft an die Oberfläche spülte.

In New Orleans verdiente sich Aufbau Chris Paul den Titel "zweitbester Point Guard der Liga" (hinter Steve Nash aus Phoenix). Seine astronomisch guten 20,5 Punkte und 10,9 Assists brachten die als Außenseiter gestarteten Hornets auf Platz zwei im Westen, und Paul in die Diskussion um den Wertvollsten Spieler ("MVP") der NBA.

Auch Dwight Howards Name findet sich da: Der muskulöse Center dominierte die erste Saisonhälfte. Er selbst hat noch Luft nach oben, seine jungen Orlando Magic liegen jetzt bereits mit 33:21 Siegen auf Rang drei der Eastern Conference.

Eher ein Star auf den zweiten Blick ist dagegen Brandon Roy. Der unauffällige Guard führte das Jungkollektiv der Portland Trailblazers zu einer positiven Siegesbilanz (28:24). Roy ist eher Tim Duncan denn LeBron James: still, effektiv, grundsolide - und ebenso wie Paul und Howard im All Star Game am kommenden Wochenende vertreten.

Drei neue Gesichter im elitären Star-Club also, der schon vorher prall gefüllt war: Mit jungen Top-Spielern wie LeBron James (Cleveland) und Carmelo Anthony (Denver), mit den Etablierten wie Bryant, Garnett, Duncan, Allen Iverson (Denver), Steve Nash oder Dirk Nowitzki (Dallas). In Washington soll der lange verletzte Gilbert Arenas bald wieder auflaufen, in Houston berappeln sich Yao Ming und Tracy McGrady nach einer Schwächephase während der Saison.

Und weiterer Nachschub steht bereits vor der Tür: In den kommenden Saison 2008/09 wird in Portland der an erster Stelle gedraftete Greg Oden nach seinem Kreuzbandriss und einem Jahr im Kraftraum erstmals ins Geschehen eingreifen. Die Nummer zwei des Drafts, Kevin Durant, arbeitet in Seattle derweil schon seit Saisonbeginn an seinem Durchbruch.

Einen solchen NBA-Höhenflug hätte man vor ein paar Monaten noch nicht für möglich gehalten. Im August 2007 flog der wettsüchtige Schiedsrichter Tim Donaghy auf, der auf NBA-Spiele gesetzt hatte, vornehmlich auf die, die er selbst leitete. Um die Einschaltquoten stand es ähnlich schlecht wie um das Ansehen der Referee-Zunft. Doch die Zukunft sieht nun deutlich besser aus - und auch die Aussichten, dass das so bleibt.