NBA-Profi Gerald Wallace Glücklicher Verlierer
Dass er glücklich aussah, wäre übertrieben formuliert, aber unzufrieden wirkte Gerald "Big G" Wallace auch nicht. Soeben hatte der Forward mit seinen Bobcats bei den Nets verloren. Das 102:113 war zwar keine Klatsche, aber New Jerseys Kapitän Jason Kidd hatte ja auch nur halbe Fahrt befohlen. Der Sieg der Nets stand nie zur Debatte. Charlottes Coach Bernie Bickerstaff hatte sechs Spiele vor Ende der Saison auch den Bankdrückern früh ein paar Minuten geschenkt. Wallace selber hatte gut 26 Minuten gespielt. Seine Ausbeute von sechs Punkten und fünf Rebounds war mager.
Aber für ihn selbst sind die Statistiken sowieso nicht maßgebend, entscheidend ist allein sein Einsatz. Wer Geld bezahle, um Gerald Wallace zu sehen, könne sich darauf verlassen, dass der sich den Arsch aufreiße, sagt er oft. Das war auch an diesem Abend so gewesen. Dennoch hatte es für ihn und Charlotte eine Niederlage gegeben, die 55. der Saison und die 119. seit Gründung der Franchise 2004. Die vergangene Spielzeit schlossen die Bobcats wie Atlanta mit 26 Siegen und 56 Pleiten als drittschlechtester Club der Liga ab, nur New York (23/59) und Portland (21/61) waren noch erfolgloser.
"Wenn wir kommende Saison alle gesund sind und endlich lernen, als Team zusammenzuspielen, dann sind wir auf dem richtigen Weg", sagte Wallace, während er sich in der kargen Gästeumkleide der Nets anzog. Mit ihm und Emeka Okafor hatten die beiden Topscorer des Teams 2005/2006 verletzungsbedingt zusammen 83 Spiele verpasst - Wallace wegen eines gebrochenes Handgelenks und einer Knieverletzung, Okafor plagte sich mit einem lädierten Knöchel. Für ein ohnehin schwach besetztes Expansionteam im zweiten Jahr sei das nicht zu kompensieren. Dennoch könne ihm die bescheidene Situation im Keller der Liga nichts anhaben, fügte Wallace mit einem Schulterzucken hinzu. Da habe es in seiner Karriere bereits eine viel frustrierende Zeit gegeben.
Schwer zu glauben, wenn man bedenkt, dass Wallace 2000 als Highschool-Spieler des Jahres (durchschnittlich 28,7 Punkte und 13,8 Rebounds pro Spiel) hoch gelobt und dort sogar mit Michael Jordan verglichen wird. Die NBA will nach ihm greifen, Wallace aber fühlt sich nicht bereit. "Ich denke, dass ich ein, zwei Jahre am College brauche, um mich zu entwickeln", sagt er. Da er in der Nähe seiner Heimat bleiben möchte, entschließt er sich für die University of Alabama. Als er ein Jahr später nach Lobeshymnen der Collegewelt in den Draft geht und als 25. Pick von den Kings gezogen wird, sieht er die Welt rosa. "Ich denke, dass ich den Fans in Sacramento noch mehr Spektakuläres bringen kann", sagt er.
Mutig gesprochen, aber es kommt anders. Hinter Jungs wie Peja Stojakovic und Chris Webb gibt er den fürstlich bezahlten Handtuchwedler. Spektakuläres darf er nur 2002 zeigen, als er im Finale des Slam-Dunk-Contests gegen Jason Richardson verliert. Ansonsten sei seine Situation in Sacramento trotz der tiefen Playoff-Runs nur frustrierend gewesen. Ganz anders als nun in Charlotte. "Da gibt es nichts zu vergleichen", sagt Wallace. "Damals habe ich nicht gespielt. Hier trage ich etwas zum Erfolg des Teams bei. Das war cool damals, aber ich hatte keinen Anteil daran. Die anderen Jungs brachten uns in die Playoffs, nicht ich. Hier habe ich die Möglichkeit, unsere Franchise in einen Playoff-Anwärter zu verwandeln. Was würdest du vorziehen - zuschauen oder spielen?"
Die Antwort ist einfach. Deshalb freut er sich auch, als er 2004 beim Expansiondraft von den Bobcats geholt wird. "Wir wollen Spieler, die nach einer Möglicheit suchen, um zu zeigen, was sie können", sagt Bickerstaff damals. "Alle Spieler reden immer darüber, dass sie Einsatzzeit und eine gewichtige Rolle innerhalb des Teams wollen. Wir können beides garantieren." Worte, die das Herz von Wallace hüpfen lassen. Motiviert geht er zur Sache. Beim ersten Sieg der Bobcats liefert er neun Punkte, neun Rebounds und acht Steals.
Harter Einsatz, hässlicher Wurf
Obwohl er nur 2,01 Meter groß ist, geht der defensivstarke Forward gerne ans Brett. Jeder hat so einen Mitspieler im Team. Eigentlich ein Stück zu klein für das Spiel in der Zone, aber irgendwie wurschtelt er sich immer wieder durch. 2005/2006 läuft Wallace sogar drei Spiele als Center auf. Er ist ein Kraftspieler, der mit Finesse nicht viel am Hut hat, ein Vierer im Körper eines Dreiers, aber glücklich, solange er auf dem Court stehen darf. "Ich spiele da, wo mein Coach mich hinstellt", sagt er. "Wenn ich einen Center decken soll, decke ich eben einen Center. Und wenn seine Ansage ist, dass ich zukünftig als Aufbau das Spiel leiten soll, dann werde ich auch das tun."
Von seiner Athletik her erinnert er an Shawn Marion und auch bezüglich der Hässlichkeit des Wurfs. Der Rechtshänder zieht seinen Arm beim Schuss von links hinten über den Kopf. Sieht ein bisschen aus wie eine Krankheit, und seine Range ist auch begrenzt. "Ich arbeite nicht an meinem Dreier", sagt er. "Warum auch, die meiste Zeit spiele ich mit dem Rücken zum Korb." Auch in der Defense gibt er immer alles und hilft gut aus. Neben seinen durchschnittlich 15,2 Punkten und 7,5 Rebounds in dieser Saison fielen auch noch 2,5 Steals und 2,0 Blocks pro Partie ab.
Natürlich ist Gerald Wallace kein Star in dieser Liga. Aber durch seine Athletik und seine gute Arbeitsauffassung wird er immer einen Job finden. Und dass der knapp 24-Jährige sich noch entwickelt, zeigt die Tatsache, dass er dieses Jahr bei der Wahl zum Most Improved Player hinter Boris Diaw und Nenad Krstic Dritter wurde. Charlotte war schon 2005 die Vertragsverlängerung über drei Jahre 16 Millionen Dollar wert. "Ich möchte jeden Tag besser werden und zeigen, dass ich zu Recht in der NBA spiele", sagte er damals. Daran zweifelt mittlerweile wohl niemand mehr.