NBA-Rebounder Grabenkrieg unterm Ring
Rebounds sind eine merkwürdige Sache. Ihnen geht immer ein Misserfolg voraus. Jemand wirft, trifft nicht, fünf Mann blocken ihre Gegner aus, der Ball prallt vom Ring ab. Locker hochsteigen, Arme ausfahren, das Leder greifen, Outlet-Pass in den Schnellangriff. Nichts einfacher als das; besonders wenn ein Spieler groß und kräftig ist sowie über ein gewisses Maß an Sprungkraft verfügt. Sollte man meinen.
"Ich denke, dass das Rebounden am schwersten zu lehren ist", sagt George Karl, Coach der Denver Nuggets. "Du kannst über Box-Outs, Sternschritte und die richtige Position reden, so viel du willst. Am Ende des Tages ist Rebounden aber ein Instinkttalent, entweder du hast es, oder du hast es nicht." Karl steht mit dieser Meinung nicht alleine da. Nicht umsonst lautet ein gern zitiertes US-Basketball-Mantra: "Rebounders are born, not made."
Einer, der mit diesem Lehrsatz aufwuchs, ist Elgin Baylor (Karriere: 13,5 Rebounds pro Spiel), seines Zeichens Lakers-Legende und heute Manager der L.A. Clippers. "Rebounder wissen einfach, wo der Ball runterfällt. Es ist angeboren", erklärt er. "Nimm ein paar Kinder, die Basketball nicht kennen, und lass sie spielen. Einer wird sofort rebounden können." Es braucht also eine Art sechsten Sinn, um vorauszuahnen, wohin das Leder abprallt.
Doch neben der Eingebung ist Technik beim Ausblocken, ein gewisser masochistischer Hang zum blauen Fleck, vor allem aber unbedingter Wille erforderlich, wobei Letzterer einiges an körperlichen Defiziten auszugleichen vermag. Charles Barkley mit seinen "nur" 1,98 Metern führte die NBA 1986/87 in der Kategorie Rebounds an. In seinem Buch "Outrageous" verriet er, wie ihm dies gelang: "Rebounding ist wie ein Grabenkrieg, du kämpfst um jeden Meter. Ich habe dafür eine Technik. Sie heißt: 'Hol dir den verdammten Ball!'" Witzig, aber eben auch verdammt wahr.
Rebounder wollen den Ball, offensiv wie defensiv. Es ist fast eine Erlösung für sie, wenn geworfen wird. Endlich können sie ans Werk gehen. Sie erwarten, dass jeder Wurf das Ziel verfehlt. Sie wissen, dass es gleich ein bisschen wehtut, aber das ist egal. Erst geht es auf den Gegner zu. "Ganz gleich, wo er steht, du nimmst Kontakt auf. Das ist die Grundlage, das musst du immer machen", weiß Willis Reed, legendärer Center der New York Knicks.
Der Vorwärtsdrang des Offensivspielers muss gestoppt werden. Am besten mit einem Ellbogen oder dem Unterarm an der Brust des Gegners. Dann folgt der tiefe Sternschritt in den Körper des Gegners. Gleichzeitig gehen die Ellbogen hoch, so dass der andere nicht einfach an der Seite vorbeischlüpfen kann. Schließlich der Absprung zum Ball. Rebounder fangen das Leder am höchsten Punkt, während der Gegner auf dem eigenen Rücken verhungert oder (was öfter der Fall ist) versucht, im Freistil trotzdem an den Ball zu kommen. Viele Schritte in dieser Sequenz lesen sich einfach, tun aber weh. Beiden.
"Du musst akzeptieren, dass dein Körper verprügelt wird", erklärt Charles Oakley, in seiner aktiven Zeit einer der bösesten Männer der NBA. "Du kannst aber nach einem intensiven Spiel nicht am nächsten Tag sagen: 'Gestern war so hart, heute mache ich mal locker.' Es geht um Entschlossenheit und harte Arbeit!" Und genau deshalb führten Dennis Rodman (2,01 Meter) oder Bill Laimbeer (2,11 Meter) die NBA einst bei den Rebounds an. Deshalb greift sich der kniekranke Spielmacher Jason Kidd (1,93), der seit 2002 nicht mehr gedunkt hat, auf seine Karriere gerechnet 6,7 Rebounds.
"Es geht nicht um Körpergröße. Die Leute verstehen nicht, dass der Großteil der Rebounds unterhalb des Ringes abgegriffen wird. Deshalb hat jeder, der wirklich den Ball haben will, eine echte Chance, ihn zu holen", philosophierte einst Wilt Chamberlain, bester Rebounder der NBA-Geschichte. "Rebounding ist eine Kopfsache und hat nichts mit Körpergröße zu tun. Es geht auch nicht um die Sprungkraft. Es geht darum, vorbereitet zu sein, hochzugehen und den Ball zu packen. Du musst schlau sein und austeilen können."