NBA-Star Camby: Held in Teilzeit - DER SPIEGEL
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NBA-Star Camby Held in Teilzeit

Marcus Camby spielt mit fast 32 Jahren die bislang beste Saison seiner Karriere. Der Profi der Denver Nuggets ist ein herausragender Center. Es gibt nur ein Problem: Camby fällt regelmäßig wegen Verletzungen aus.
Von Sven Simon
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Nein", sagte Mike D'Antoni und lachte. "Das hatten wir nicht erwartet. Uns war klar, dass Marcus Camby eine gute Saison spielt, aber dass er uns dermaßen einschenkt, war nicht vorauszusehen." Der Headcoach der Phoenix Suns hatte kein Problem damit, Lob an den besten Mann des Gegners zu verteilen, schließlich hatte seine Mannschaft die Denver Nuggets mit 102:97 besiegt. Da fiel es leicht, den Topscorer des Abends positiv zu erwähnen. 33 Punkte und 20 Rebounds hatte der Center der Nuggets geschafft. Dazu kamen je drei Steals und Blocks. 14 der letzten 18 Punkte Denvers waren auf Cambys Konto gegangen. Quasi im Alleingang hatte der Veteran den Phoenix Suns in den letzten Minuten fast noch den Sieg geklaut. Trotz der Niederlage eine MVP-verdächtige Leistung.

Nun ist bekannt, dass Camby gelegentlich außergewöhnliche Spiele abliefert, das war schon zu seiner Zeit bei den Toronto Raptors (1996 bis 1998) und den New York Knicks (1998 bis 2002) so. Aber diese Saison scheinen bei ihm eher die mageren Spiele die Ausnahme zu sein. Inzwischen hat er 19 Double-Doubles (zweistellige Werte bei Punkten und Rebounds in einem Match) auf seinem Konto, mit den 33 Punkten gegen Phoenix kam er nahe an seine persönliche Bestleistung heran (37 Zähler, 1997 gegen Atlanta).

"Macht es nicht unheimlich Spaß, Camby zuzuschauen?", fragte Nuggets-Headcoach George Karl nach einem weiteren Sieg der Nuggets. "Er ist einer der wenigen Spieler, für die ich Geld bezahlen würde, um sie zu sehen. Er agiert auf einem unglaublich hohen Niveau. Er ist definitiv unser wertvollster Spieler momentan." Teamkollege Eduardo Najera lobt: "Marcus ist der Mittelpunkt unserer Mannschaft."

Camby war schon immer als herausragender Verteidiger bekannt und zu seinen Collegezeiten an der Universität von Massachusetts auch im Angriff eine Ass. Aber in seinen ersten Jahren in der NBA bekam er in Toronto und New York schnell den Ruf des Defense-Spezialisten mit wenigen Fähigkeiten im Spiel nach vorne. Deshalb war Coach Karl sehr überrascht, als er vor knapp einem Jahr nach Denver kam und merkte, dass Camby im Angriff wesentlich effektiver agierte als erwartet.

Und in dieser Saison legte Camby ordentlich Kohlen nach. Wegen seines gestiegenen Outputs in der Offense müssen ihm gegnerische Trainer nun zwangsläufig mehr Aufmerksamkeit schenken. Seine durchschnittlich 15,8 Punkte pro Spiel sind nicht nur Career-High, sondern eine Steigerung um genau sechs Zähler gegenüber der vergangenen Saison. Früher erzielte Camby seine Punkte vor allem im Fastbreak und per Offensivrebound. Durch intensives Wurftraining im Sommer ist er nun auch aus der Mitteldistanz treffsicherer. Derzeit ist der 2,11 Meter große Spieler der beste Center im Westen.

Kaum zu glauben? Stimmt, aber wer patrouilliert denn sonst noch in Cambys Conference auf der fünf? Shaquille O'Neal ist bereits das zweite Jahr bei den Miami Heat, Jamaal Magloire läuft seit Saisonbeginn für die Milwaukee Bucks im Osten auf. Houstons Yao Ming arbeitet wieder mal daran, aggressiver zu werden, kuriert aber gerade seine Zehverletzung aus. Bleiben noch Brad Miller (Sacramento Kings) und Mehmet Okur (Utah Jazz), doch beide sind nicht annähernd so wichtig für ihr Team wie Camby. Demnach ist es gut möglich, dass der 104 Kilogramm schwere NBA-Mann gut einen Monat vor seinem 32. Geburtstag (22. März) zu seiner ersten Auszeichnung als All Star kommen wird.

Ähnlich wie Sam Cassell (erstmals All Star mit 34 Jahren, derzeit Los Angeles Clippers) und der Niederländer Rik Smits (mit 31, früher Indiana Pacers) könnte Camby als "elder statesman" seine erste Berufung erfahren. Er selbst gibt sich zu dem Thema ungerührt. "Darum kümmere ich mich nicht", sagte er, als er nach der Niederlage gegen die Suns darauf angesprochen wurde. Und mit einem grinsenden Seitenblick zum Teamkollegen Carmelo Anthony, 21, fügte er an, dass man nur als junger Spieler heiß auf solche Auszeichnungen sei. Ihm selber gehe es nur um die Meisterschaft. Im Playoff-Rennen ist Denver derzeit Dritter.

Camby ist neben Andre Miller der Dauerbrenner in Denver, noch nie war seine Einsatzzeit höher (durchschnittlich 33,2 Minuten pro Spiel). "Ehrlich gesagt muss ich an mich halten, dass ich ihn nicht die vollen 48 Minuten durchspielen lasse", sagt Karl. "Wenn ich Marcus rausnehme, sollte am besten eine Sirene ertönen, damit die anderen Spieler wissen, dass sie nun allein die Rebounds holen müssen." Derzeit muss Carl zwangsläufig auf seinen besten Mann verzichten. Camby brach sich Ende des vergangenen Jahres den kleinen Finger an der Wurfhand und fiel bis 27. Januar aus. Mal wieder eine Verletzung. Camby hatte schon viele.

Regelmäßig rauf und runter

Dazu gehörten gängige Sachen wie eine Kreuzbandverletzung oder Bänderdehnungen in den Sprunggelenken, aber auch Kuriositäten wie ein Muskelriss in der Hüfte oder eine Entzündung an der Fußsohle. Angeblich hatte Camby Verletzungen, für die es bis dato noch gar keine Namen gab. In zehn Jahren Profisport kam er so nie über 28 Spiele nacheinander hinaus. Bereits zu Beginn seiner Karriere bei den Raptors wurde ihm vorgeworfen, dass er zu weich sei und wegen kleinerer Wehwehchen zu lange aussetze. Dieses Label haftet bis heute an ihm. "Ich kann nur rausgehen und alles geben", sagt Camby, "ob die Leute deswegen ihre Meinung ändern, kann ich nicht beeinflussen."

Bei den Raptors erlebte er 1996 als zweiter Pick einen rasanten Stimmungsumschwung. Schnell wandelte er sich in den Augen der Toronto-Fans und des Managements vom gepriesenen Wunder-Rookie zum verletzungsanfälligen Weichling. Und das, obwohl er im zweiten Jahr bereits die Liga bei den Blocks anführte. Und auch seine Euphorie nach dem Trade zu den Knicks in die Nähe seiner Heimat - Camby stammt aus der übelsten Gegend der Stadt Hartford in Connecticut -, wich zügig der Frustration. Er versauerte auf der Bank. Dann wendete sich wieder das Blatt. Ein paar Monate später stand 1999 mit New York erstmals in der NBA-Geschichte ein Club im Finale, der von Platz acht in die Playoffs gestartet war. Großen Anteil daran hatte Camby. Nach dem Ausfall von Patrick Ewing trotzte er als Centers Gegnern wie Alonzo Mourning und Rik Smits. Schnell war Camby der Liebling im Big Apple.

Die gleiche Geschichte wieder und wieder. Aufstieg und Fall im alltäglichen Wahnsinn einer populären Sportart. Der oft geprüfte Camby, der 2004 von Denvers Clubführung einen Vertrag über sechs Jahre und 65 Millionen Dollar erhielt, lässt sich dadurch nicht mehr aus der Ruhe bringen und hat für die neu erlangte Robustheit eine schlichte Erklärung. "Ich bin jetzt viel smarter als zu Beginn meiner Karriere", sagt "Tree", wie Camby genannt wird. "Früher bin ich herumgerannt wie ein Bekloppter, bin überall hineingesprungen, immer mit dem Drang, die eine siegbringende Aktion zu machen. Heute mache ich das auch noch, bin dabei aber viel entspannter und kontrollierter. Ich weiß, wie ich meine Energie konservieren kann, um dann im richtigen Augenblick zu handeln."

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