NBA-Star Garnett Nummer 5 bebt
Er saß nur daneben und die Frage war auch gar nicht an ihn gerichtet. Dennoch stellte sich Kevin Garnett spontan in den Mittelpunkt. "Was bedeutet Ihnen der erfolgreiche Saisonauftakt", wollten die Journalisten im vollbesetzten Presseraum der Boston Celtics von Kapitän Paul Pierce wissen. Schließlich ist der Meister so gut wie noch nie in seiner triumphreichen Vereinsgeschichte in die NBA gestartet. "Nichts", antwortete Pierce, "wir bekommen ja nichts dafür." "Doch, du bekommst von mir diese Flasche Mineralwasser, herzlichen Glückwunsch", unterbrach Garnett und reichte seinem Mitspieler unter dem Gelächter aller eine Plastik-Pulle. Der 32-Jährige hatte mal wieder alles im Griff so wie immer.
Seit 14 Monaten spielt er für den Rekordmeister, am ersten Weihnachtstag steht das erste Rematch gegen die LA Lakers seit den letzten Finals auf dem Spielplan. Garnett, da sind sich Fans und Fachpresse einig, ist der Hauptgrund, warum aus den jahrelang maximal mittelmäßigen Celtics innerhalb einer Saison das Top-Team der Liga wurde. Paul Pierce ist der Kapitän, Ray Allen der Clutch-Shooter jener Mann, der mit der Schlusssirene den entscheidenden Dreier trifft. Garnett jedoch ist der Boss von Boston.
Außerdem gibt er den DJ und Showmaster und seine Psychospielchen vor jeder Partie sind genauso unterhaltsam wie seine Slamdunks und Rebounds. Zunächst stellt sich der 2,11 Meter große Modellathlet unter den Korb, lehnt den Kopf gegen die Polsterung und boxt einmal dagegen. Anschließend schlendert er rüber zum Pressetisch, wo die TV- und Radio-Live-Kommentatoren sitzen. Die wissen bereits, was kommt und haben deshalb ihre Übertragungstechnik abgedeckt. Denn Garnett pudert seine Hände mit Magnesium und klatscht dreimal, so dass eine weiße Staubwolke auf die Mikrofone niederrieselt.
Er wirkt wie in Trance, wenn er das Feld betritt, wo alle Spieler bereits auf ihn warten. Nachdem Garnett mit jedem abgeklatscht hat, marschiert er auf die Zuschauer zu und breitet seine Arme aus. Unter tosendem Jubel der Fans folgen vier Schläge mit der rechten Faust auf die Brust, dort wo mit grünen Buchstaben Celtics geschrieben steht. "Er ist der leidenschaftlichste Spieler der Liga", betont Charles Barkley. "Das Team ist Meister geworden, weil es gut in der Verteidigung gespielt und Garnett hat. Ohne Kevin, ohne seine Intensität, seinen unbändigen Willen, hätte Boston nicht den Titel geholt", sagt Cedric Maxwell, der 1981 und 1984 mit dem Celtics Champion war.
"Seitdem er bei uns ist, weiß ich, dass es auch ein Training vor dem täglichen Training gibt", sagt Center Kendrik Perkins, der sich mittlerweile daran gewöhnt hat, zwei Stunden vor den eigentlichen Übungseinheiten im Kraftraum Gewichte zu stemmen.
"Jeder will sichergehen, dass Kevin gut drauf ist. Keiner will ihn enttäuschen. Und deshalb gibt jeder 100 Prozent, egal ob gegen ein Top-Team wie die Los Angeles Lakers oder den Tabellenletzten", meint Marc Spears, der Basketball-Experte der Tageszeitung "Boston Globe". Spears berichtet seit zehn Jahren über die NBA. Seit Michael Jordan habe er keinen Profi mehr gesehen, der seine Nebenleute so mitreißt wie Garnett. Er bringt mit seiner Passion mitunter sogar gestandene Männer zum Weinen. Als Bostons Ersatzleute im Heimspiel am 5. Dezember gegen Portland im Schlussviertel drauf und dran waren, einen klaren Vorsprung noch zu verspielen, stauchte Garnett die Reservisten derart zusammen, dass Glen Davis mit 2,06 Meter und 131 Kilogramm ein Berg von Mann die Tränen kamen.
Experten hatten vor der Saison gezweifelt, ob die Celtics nach dem Titelgewinn noch hungrig genug seien, um erneut ganz oben mitspielen zu können. "Paul, Ray und ich werden schon dafür sorgen, dass alle wissen, worum es geht", hatte Garnett entgegnet. Und recht behalten. Die Celtics dominieren noch mehr als im Meisterjahr. "Wir haben viel mehr zu beweisen und sind deshalb hungriger. Und wir sind konzentrierter denn je, wir haben eine Killermentalität wie nie zuvor und sind näher zusammengerückt. Viele Spieler sind besser geworden und deshalb haben wir eine hervorragende Zukunft vor uns", betont Garnett, der mit seinem Wechsel im Sommer 2007 die Renaissance des Rekordmeisters eingeleitet hatte. Vor dem Spiel bei den Los Angeles Lakers stellten die Celtics einen neuen Vereinsrekord auf und siegten 19-mal in Folge.
Es war ein Trade von historischer Dimension. Für Garnett wechselten im Gegenzug gleich fünf Spieler von den Celtics nach Minnesota so viele wie nie zuvor in der NBA-Geschichte. Zahlreiche Menschen in Boston unterbrachen an jenem 31. Juli mittags ihre Arbeit, fingen an zu jubeln und fielen sich in die Arme, als in Radio und Fernsehen die Meldung von der spektakulären Neuverpflichtung lief.
Garnett sorgte für Hype und Hysterie und eine Saison der Superlative. Als Boston am 18. Juni 2008 der vierte und entscheidende Sieg in den Finals gegen den Erzrivalen Los Angeles Lakers gelang, sank er mit dem Schlusspfiff zu Boden, küsste das Celtics-Emblem in der Mitte des Parketts und brüllte voller Ekstase "Alles ist möglich". Einer der besten Basketballer war in seiner zwölften Saison endlich Meister. "Dieser Verein, diese Stadt das alles ist Basketball-Geschichte pur. Und sobald du dieses Celtics-Trikot anzieht, spürst du das."
25 Millionen Dollar überweisen die Celtics diese Saison an Garnett, damit ist er Top-Verdiener der NBA. Und in Boston wissen sie, dass er jeden einzelnen Cent wert ist.