NBA-Star Iverson Raus aus der Isolation
Im internationalen Basketball sind die Rollen vermeintlich klar verteilt: Die NBA ist die Liga der Individualisten, während in Europa der Team-Basketball regiert. Als die Philadelphia 76ers jüngst ihre Saisonvorbereitung mit einer unerwarteten 99:104-Niederlage gegen Winterthur Barcelona begannen, schien genau dieses Stereotyp bestätigt. Die US-Boys um ihren Superstar Iverson suchten ihr Heil im Einzelkampf, die Europäer dagegen setzten auf konstante Bewegung von Ball und Mitspieler und siegten.
Die Überraschung über das unberechenbare Spiel des Gegners war bei Sixers-Trainer Maurice Cheeks nicht zu überhören. "Die meisten Mannschaften haben offensiv ein oder zwei Optionen. Bei Barcelona war es fast so, als hätten sie drei, vier oder fünf Optionen auf dem Feld. Wenn wir einen Spieler eng verteidigten, machte ein anderer die Punkte, machten wir den zu, dann punktete wieder ein anderer." Im Vergleich dazu mutet seine Beschreibung der Sixers-Offensive bemerkenswert einfallslos an: "Wir isolieren nornalerweise einen unserer Spieler, der das Eins-gegen-eins auf dem Flügel sucht und gegebenenfalls einen Pass auf den offenen Teamkollegen spielt. Meistens ist dieser Spieler Allen Iverson."
Der klein gewachsene Superstar (1,83 Meter) ist seit Beginn seiner NBA-Karriere einer der spektakulärsten Scorer der US-Liga. 2001 führte er Philadelphia mit seinem eleganten, jedoch sehr ballverliebten Stil bis ins NBA-Finale gegen die L.A. Lakers, dort unterlag das Team. Der Erfolg hat die 76ers seitdem verlassen, die vergangene Saison schloss der Club mit einer Bilanz von 38:44 Siegen ab die Playoffs wurden verpasst. Dabei konnte Iverson erneut Statistiken vorweisen, die zu den besten aller NBA-Spieler zählen: 33 Punkte und 7,4 Assists erzielte der 31-Jährige pro Spiel.
Dabei war gerade die Fixierung auf Iverson und seinen kongenialen Kollegen unter den Körben, Chris Webber das Problem der Sixers. Zu zweit schmiss das Duo die Offensive des Teams fast im Alleingang. 56 Prozent der Wurfversuche und 53,4 Prozent der erzielten Punkte gingen auf ihr Konto. Eine Einheit, in dem der jeder für seinen Nebenmann in der Defensive Lücken schließt, wurden die Sixers nie, ihre Verteidigung zählte mit 101,3 erlaubten gegnerischen Punkten pro Partie zu den schlechtesten der Liga.
"Meine früheren Jahre betrachte ich als Alpträume"
Der Vorwurf, seine Mitspieler nicht motivieren und nicht führen zu können, verfolgt Iverson schon seit Beginn seiner Karriere. Dabei zeichnet sich schon seit einigen Jahren ein schleichender Wandel vom Egoisten zum Teamspieler ab. "Zu Beginn meiner Karriere habe ich einige Dinge getan, die ich heute gerne ungeschehen machen würde - wenn es ginge", sagt er in Anspielung auf seine einstige Einzelkämpfer-Mentalität. "Da das nicht möglich ist, kann ich nur daraus lernen. Ich bin froh, dass ich diesen Abschnitt meines Lebens hinter mir gelassen habe. Inzwischen bin ich ja schon so etwas wie der 'elder statesman' in der Liga. Meine frühen Jahre betrachte ich heute als Alpträume, und ich hoffe für die Zukunft auf ruhigere Nächte."
Zwar bleibt das Team in der neuen Spielzeit weitgehend unverändert, durch eine "verbesserte Team-Chemie" soll der Erfolg aber zurückkehren. "Mir fiel bei den NBA-Finals auf, dass die Spieler beider Finalisten (Miami und Dallas, d.Red.) aneinander glaubten und einander vertrauten. Bei unserem ersten Team-Meeting war das so ziemlich das Erste, was ich sagte: 'Wir müssen zusammenhalten und aneinander glauben'", sagt Iverson.
Wenngleich der Kader der 76ers mit Altstar Webber (33) und einer schwach besetzten Ersatzbank nicht den Anschein einer Top-Mannschaft macht, haben junge Spieler wie der erst 22-jährige Andre Iguodala oder der noch unerfahrene Center Samuel Dalembert (25) durchaus das Potential, die dringend nötige Unterstützung für Iverson und Webber zu liefern. Coach Cheeks kündigte bereits an, seiner Offensive einen etwas "europäischeren", sprich teamorientierten Anstrich zu verpassen.
Vom Erfolg dieser Umstellung vom Zwei-Mann-Unternehmen auf das Kollektiv hängen die Playoff-Chancen Philadelphias ab. Iverson hält optimistisch auch höhere Ziele für erreichbar. "Für mich ist jede Saison, in der Gott mir erlaubt, meine Schuhe zu schnüren und zu spielen, eine neue Gelegenheit, den Titel zu holen." Den ersten Schritt dazu kann er am 1. November machen. Dann starten die 76ers gegen die Atlanta Hawks in die neue Spielzeit.