NBA-Star Nowitzki Mavericks oder Meisterschaft
Dirk Nowitzki hatte sich einen Traum erfüllt. Olympionike sein, das wollte er, genau wie NBA-Champion. Doch während die Meisterschaft der besten Basketballliga der Welt jährlich ausgespielt wird, winkt die Chance auf die Teilnahme an Olympia nur alle vier Jahre. Als er es beim olympischen Qualifikationsturnier in diesem Sommer in Athen schließlich geschafft hatte, kamen Nowitzki die Tränen. "Ich hätte nie gedacht, dass ich wegen Basketball weinen würde", sagte er später, "aber ich konnte einfach nicht aufhören. All die harte Arbeit, die ich investiert hatte, zahlte sich endlich aus." Sollte Nowitzki jemals die NBA-Meisterschaft gewinnen, würde sich höchstwahrscheinlich eine ähnliche Szene abspielen. Doch langsam läuft ihm die Zeit davon. Spätestens die Endgültigkeit, die das Turnier in Athen begleitete, führte ihm vor Augen, dass nicht mehr viel Zeit für das Erreichen des letzten großen Ziels bleibt. "Jetzt, wo ich mit der Olympia-Teilnahme eines meiner Karriereziele erreicht habe, kann ich es nicht erwarten, das nächste zu schaffen: die NBA-Meisterschaft", sagt Nowitzki, der in der Vorrunde der NBA-Saison 2006/2007 zum "wertvollsten Spieler" (MVP) gewählt worden war.
Nur: Kann er wirklich daran glauben? Nach zwei Erstrundenpleiten in den Playoffs in Folge? Nach einer Saison, in der Dallas nur dank seiner Wunderheilung überhaupt die Postseason erreichte? Mit dem 35-jährigen Point Guard Jason Kidd als Co-Star? Ohne wirkliche Verstärkungen durch Free Agents oder Wechsel? Nowitzki ist zu intelligent und realistisch, als dass er eine NBA-Meisterschaft in greifbarer Nähe sehen könnte. Und damit beginnt das Dilemma für ihn und die Dallas Mavericks.
Im Juni 2005 stand Nowitzki bereits kurz vor dem NBA-Gipfel. In der Finalserie gegen Miami führte Dallas 2:0, hatte 13 Punkte Vorsprung 6:34 Minuten vor Ende des dritten Spiels. Doch Dallas patzte und verlor die Serie 2:4. Heat-Guard Dwyane Wade wurde zum Superstar, nicht Nowitzki. Auch damals sah die Welt einen emotionalen "Dirkules". Einen, der nach der fünften Partie erst auf dem Parkett einen Ball per Vollspann in die Zuschauer trat, dann in den Katakomben des American Airlines Center ein Ergometer gegen die Wand schmiss und schließlich noch einmal wild austrat.
Heute wird sein Team nicht mehr als Favorit gehandelt. "Für mich persönlich fühlt es sich wie ein weiteres verschwendetes Jahr an", sagte Nowitzki nach dem Playoff-Aus gegen die Hornets im April dieses Jahres. "Ich bin im besten Basketballalter. Ich habe also eine weitere Chance verschwendet, den Titel zu gewinnen und ihn hier nach Dallas zu bringen."
Vielsagender und für die gesamte Franchise beunruhigender waren jedoch die Aussagen, die Nowitzki im weiteren Verlauf des Interviews in Bezug auf die Zukunft der Mavs traf. Nicht weniger als dreimal mixte er zwischen die üblichen Floskeln, dass die Mannschaft halt verstärkt werden und hart arbeiten müsse, den Halbsatz "wenn ich dann noch hier bin". Der Deutsche forderte keinesfalls einen Trade. Auch wird er nicht wirklich daran geglaubt haben, dass ihn Cuban zu einer anderen Franchise transferiert. Aber Nowitzki muss gespürt haben, dass es so mit diesem Team nicht weitergehen kann.
Wie Nowitzki mit neuem Trainer einen neuen Anlauf auf die Meisterschaft nimmt
Mavericks-Besitzer Mark Cuban ist ein Gewinnertyp. Ihm kann es eigentlich nie schnell genug gehen. Deshalb finden sich in seinen acht Spielzeiten als Besitzer mehr große Transfers als bei irgendeinem anderen Clubeigner - auch der Deal, der Jason Kidd von New Jersey nach Dallas brachte.
Das Talent zum Fastbreak und das Auge des alternden Aufbauspielers sollten den Mavs 2007/2008 neue Frische verleihen. Das war Plan A. Er schlug grandios fehl. Plan B könnte im kommenden Februar greifen.
Kidd verdient in dieser Saison 21,4 Millionen Dollar. Der Vertrag des Point Guards läuft am Ende der Saison aus, genau wie der von Jerry Stackhouse (7,0) und viele andere Kontrakte. Lediglich Nowitzki, Josh Howard, Erick Dampier, Jason Terry, Antoine Wright sowie der als Free Agent zurück an Bord geholte DeSagana Diop sind über 2010 hinaus an den Club gebunden.
Ein Kidd-Großtransfer für einen oder mehrere hochbezahlte Leistungsträger könnte der letzte Versuch Cubans sein, um den Kern Nowitzki-Howard-Terry herum passende Rollenspieler zu positionieren. "Es gibt immer etwas zu tun. Das perfekte Team hat man einfach nicht", schließt Cuban Veränderungen im Kader nicht aus. Dass die Mavericks ohne Titelhoffnungen im Februar 2009 Jason Kidd nicht traden, scheint sehr unwahrscheinlich. Das Risiko, ihn im folgenden Sommer als Free Agent ohne Gegenleistung zu verlieren, wird Cuban nicht eingehen.
Auch Nowitzki wird sich vor der am 28. Oktober beginnenden Saison seine Gedanken zur eigenen Zukunft gemacht haben. Mit Avery Johnson verließ der zweite Trainer seiner Karriere die Mavericks. Unter Don Nelson war die mangelnde Defense das Problem, bei Johnsons waren es Probleme im Angriff. Die Mavericks trauten den offensiven Ansagen ihres Übungsleiters am Ende nicht mehr, oft stiegen sie auf eigene Faust aus Systemen aus auch Nowitzki. "Die Spieler haben Averys Stimme nicht mehr gehört", sagt Cuban knapp.
Jetzt kommt mit Rick Carlisle von den Indiana Pacers ein Coach, der zwar nicht gerade als Offensivgenie bekannt ist, aber nicht zuletzt durch einen persönlichen Antrittsbesuch in Würzburg das Vertrauen Nowitzkis gewinnen konnte. "Es war sehr gut, dass Rick in diesem Sommer nach Würzburg kam", sagt der Power Forward über den Trip Carlisles. "Wir redeten über die kommende Saison und die Änderungen, die er anbringen möchte."
Trotz aller Vorschusslorbeeren weiß auch Carlisle, wie schwer die Aufgabe ist, die vor dem Club liegt. Mit New Orleans, San Antonio und Houston scheinen gleich drei Teams alleine in der Southwest Division stärker zu sein als die Mavericks. "Es ist gut möglich, dass man 50 Siege brauchen wird, um in der Western Conference die Playoffs zu erreichen", sagt Carlisle.
Auch der neue Trainer wird sich fragen, ob der Grund für das frühe Ausscheiden 2008 wirklich allein die restriktive Offensivtaktik seines Vorgängers war. Warum lief es mit Kidd nicht viel besser? "Wir sahen damals vor dem Trade für Jason nicht gerade gut aus und hätten um die Playoffs kämpfen müssen", sagt Nowitzki. "Manchmal musst du in dieser Liga halt ein Risiko eingehen. Wir holten einen der besten Point Guards überhaupt. Warum auch immer danach lief es nie so, wie wir es eigentlich wollten."
Schaffen es die Mavericks nicht, ihren Kader bis 2010 aufzustocken, ist es nicht unwahrscheinlich, dass Nowitzki seine Option zieht, um aus seinem Vertrag auszusteigen. Damit verzichtet er zwar zunächst auf 21,5 Millionen Dollar, aber darum geht es nicht. Andere Teams würden ihm einen Maximalvertrag anbieten. Vor allem, wenn sie darauf setzen, dass der Deutsche das fehlende Teil zur eigenen Meisterschaft ist. 2010 wird Nowitzki seinen 32. Geburtstag feiern, trotzdem aber noch genügend Leistung bringen können, um als zweite Option einem Team zum Titel zu verhelfen.
Nowitzki hätte keine Probleme damit, sich hinter oder neben einem anderen Hochkaräter einzureihen. Wahrscheinlich würde er sogar die neue Rolle begrüßen, um seinen zweiten Traum zu verwirklichen. Geld, Werbeverträge oder die Anzahl der eigenen Würfe motivieren ihn nicht. Individuell hat er in der NBA alles erreicht.
Zwölf Jahre lang musste er am Ende auf seinen Traum von Olympia warten. Zehn Spielzeiten lang ist er in der NBA. Das Fenster für die Mavericks mag sich im Moment geschlossen haben. Dirk Nowitzki kann sein eigenes Fenster spätestens 2010 weit aufreißen und sein Schicksal selbst bestimmen. Bis dahin haben Mark Cuban und Co. noch Zeit.