NBA-Star Rasheed Wallace Pestbeule außer Dienst
Detroit - Das Chaos regiert. Spieler rennen wie wild durcheinander. Fans reißen die Arme nach oben. Emotionen durchfluten den Palace of Auburn Hills in Detroit. Cola, Bier oder Blut tropft auf den Boden der Halle, die an diesem 19. November 2004 alles andere als ein Palast ist. Fäuste, Füße, Becher, Flaschen, selbst Stühle fliegen. Mittendrin Rasheed Wallace. Seltsam distanziert. Seine Hand ballt sich nicht zur Faust. Als einer der wenigen behält er die Ruhe. Er blockt Spieler ab, die in die größte Prügelei der NBA-Geschichte eingreifen wollen. Er steigt auf die Tribüne, um Frieden zu stiften. Findet sogar die Zeit, sich beim Rückweg die limonadegetränkten Schuhsohlen an einer Matte abzuwischen, bevor er über das Parkett in die Kabine geht. Neun Spieler der Detroit Pistons und Indiana Pacers werden am Ende von NBA-Commissioner David Stern suspendiert - Rasheed Wallace ist nicht dabei.
Lange galt er als das personifizierte Böse der NBA. Dennis Rodman war einfach nur wild, aber für niemanden wirklich gefährlich. Wallace hingegen war unkontrollierbar - auf und neben dem Feld. Sicher, Charles Barkley hatte einen Mitmenschen durch eine Fensterscheibe geworfen und (aus Versehen) ein kleines Mädchen bespuckt, der "Sir" war jedoch in beiden Fällen provoziert worden. Der heute 30-jährige Wallace hingegen brauchte keine augenscheinlichen Gründe, um seine Mitmenschen zu traktieren. Schiedsrichter, Teamkollegen, Fans - niemand war vor seinen Gehässigkeiten sicher.
Niemandem gelang es, ihn zu erreichen, diesen unglaublich talentierten Power Forward aus der Kaderschmiede der University of North Carolina (UNC). Hier wurden unter Leitung von Trainer-Legende Dean Smith bereits Vorzeigebasketballbürger wie Michael Jordan, Antawn Jamison, Vince Carter oder Ademola Okulaja ausgebildet. "Manchmal war es hart, mit Rasheed zu spielen, manchmal war es großartig. Manchmal rastete bei ihm im Kopf irgendwas aus und du konntest einfach nicht mit dem Jungen reden. Dann musstest du ihn allein lassen und warten, dass er sich wieder beruhigt", erinnert sich UNC-Forward Pat Sullivan.
Auch Bill Schonely kennt Rasheed Wallace. Der 75-Jährige begleitete als TV-Moderator alle Spiele der Portland Trail Blazers von 1970 bis 1997. Er erlebte die Jahre mit Bill Walton, die Meisterschaft, das große Blazers-Team der neunziger Jahre mit Clyde Drexler - und Rasheed Wallace auf der Höhe seines asozialen Schaffens. "Es ist unglaublich schwer, Wallace zu beschreiben. Er kann seinen Charme einschalten, wenn er will, aber das wollte er nicht allzu oft", beschreibt Schonely. "Rasheed schaffte es einfach, dass jeder sich mies fühlte. Er war wie eine Pestbeule für die Blazers. Die Leute hätten am liebsten eine Konfettiparade durch die Stadt organisiert, als er endlich getradet wurde." Das war Anfang 2004.
Wundern darf das keinen. Die Liste von Wallaces Verfehlungen in Oregon ist lang. Er wurde mit Marihuana im Auto erwischt, warf Mitspieler Arvydas Sabonis während einer Partie ein Handtuch ins Gesicht, Wallace lauerte sogar einem Schiedsrichter in den Katakomben des Rose Gardens auf. Trotzdem wollten die Detroit Pistons, ein Team, das sich rühmte, vor allem das zu sein - ein Team - diesen Rasheed Wallace, um sich den Traum von der Meisterschaft zu erfüllen. Und nein, das waren nicht die "Bad Boy Pistons" eines Bill Laimbeer, zu denen Wallace bestens gepasst hätte. "Bei einem Meisterteam kommt es vor allem darauf an, dass man sich als Mannschaft findet", erklärte Pistons-Boss Joe Dumars während der Finalserie 2004, die Detroit mit 4:1 gegen die Los Angeles Lakers gewinnen konnte. "Manchmal aber braucht es dieses letzte Puzzlestück."
Auch der Bruder von Pistons-Coach Larry Brown, Herb, war sich von Beginn an sicher: "Wir wussten, dass wir einen Diamanten bekommen. Rasheed sollte einfach spielen und er selbst sein." Larry Brown studierte zwar auch in North Carolina, predigt aber gleichzeitig, dass Basketball "auf die richtige Weise" gespielt werden müsse. "The right way" und der Typ, der mit Abstand den Rekord für die meisten technischen Fouls in einer Saison hält? Wie passt das zusammen? "Vielleicht durfte Rasheed in Portland nicht Rasheed sein?", fragt Herb Brown, der seinem Bruder als Assistent zur Seite steht. "Ich weiß nicht, ob sie dort wirklich verstanden haben, was für ein großartiger Verteidiger er ist. Oder wie gut er im Fastbreak agiert. Dass er viel mehr ein Teamspieler als ein Superstar ist."
Das war schon an der Simon Gratz Highschool in Philadelphia so. "Rasheed hat keinen Funken Egoismus in sich. Wenn er den Ball in Korbnähe bekam, passte er ihn sehr oft sofort wieder heraus", erinnert sich Gratz-Coach Bill Ellerbee. "Manche Jungs müssen der Go-to-Guy sein. Er brauchte das nicht, weil er wusste, dass er es jederzeit sein konnte. Rasheed konnte das Spiel übernehmen, wann immer er wollte." Und wenn eine Partie entschieden war, signalisierte er seinem Trainer oft, dass er ihn auswechseln solle, damit die Ersatzspieler auf das Feld konnten.
Mehr Teamspieler als Superstar, genau diesen Punkt hatten die Blazers an Rasheed Wallace bemängelt. "Sie sagten immer wieder, dass sie von ihm jeden Abend 20 Punkte und zehn Rebounds erwarten würden", weiß Herb Brown, "Rasheed will aber nur gewinnen und sich als Teil des Teams fühlen." In Portland verlangten sie von Wallace mehr, als nur "einer der Jungs" zu sein. "Wenn du einen Vertrag wie seinen unterschreibst, werden leider jeden Abend bestimmte Dinge von dir erwartet", sagte John Nash, General Manager Portlands, "Rasheeds Gehalt stempelte ihn zu einem der besten Spieler der Liga." In der letzten Saison seines Kontrakts, 2003/2004, kassierte Wallace für durchschnittlich 16,0 Punkte und 6,8 Rebounds 16,99 Millionen Dollar. Nur Kevin Garnett (24,2/13,9) und Shaquille O'Neal (21,5/12,5) bekamen mehr.
Ginge es nur um Talent, es gäbe keinen Grund, warum Rasheed Wallace nicht jährlich in einem Satz mit den üblichen MVP-Verdächtigen genannt werden sollte. "Die echten Basketballfans in Portland wussten, was ich dem Team gab", sagt Wallace rückblickend. "Mein Spiel war uneigennützig und ich wollte gewinnen. Die unwissenden Fans wollten einen Star, der Punkte macht, aber nicht gewinnt." Wallace war stark in der Defense und machte die vielen kleinen Dinge, die ein Team gewinnen lassen. Den MVP-Award sollten sich andere holen.
Mit dieser Einstellung war er in Detroit an der richtigen Adresse. Seine Wirkung auf die Pistons war unübersehbar. Die Verpflichtung störte nicht die Hierarchie, sondern stärkte das Team. Ohne Wallace hatten die Pistons eine Siegquote von 59,6 Prozent, mit ihm gewannen sie von den letzten 25 Begegnungen der regulären Saison 20 (80 Prozent). Die Leistungen auf dem Platz erläutern aber noch lange nicht Wallaces Wandlung vom Troublemaker zum Musterschüler. Woran liegt es dann?
"Er ist ein wirklich großartiger Typ. Unglaublich bescheiden und auf dem Boden geblieben", versucht sich Mitspieler Darvin Ham an einer Erklärung. "Seine Einstellung ist großartig. Die Leute, die ihn kritisieren, halten sich wahrscheinlich nicht einmal an halb so viele moralische Grundsätze wie er." Ham ist schon lange mit Wallace befreundet, er kennt ihn abseits des Feldes genau. "Rasheed ist nicht der typische Athlet. Ihm bereitet es mehr Freude, bei seinen Kindern zu sein, als 30 Punkte zu machen. Manche Typen in dieser Liga sind so egoistisch, dass es schwer ist, mit ihnen auszukommen. Es ist angenehm, mit Rasheed abzuhängen."
Über die Ausraster Wallaces in Portland sagt Ham: "Er ist wie ein Chamäleon. Er passt sich seiner Umgebung an." Kann das wirklich eine Entschuldigung sein? Haben die Blazers-Profis Qyntel Woods (Hundekämpfe und Marihuana), Bonzi Wells (bespuckte einen Fan), Ruben Patterson (Körperverletzung und versuchte Vergewaltigung) sowie Damon Stoudamire (Marihuana) den braven Rasheed Wallace verdorben? "Viele Leute sagen, dass Rasheed Wallace ein Problem mit seinen Aggressionen hat. Das ist echt lustig, weil er eigentlich der lockerste Typ ist, den ich kenne", sagt Wells. Sieht also danach aus, als müsse Rasheed Wallace selbst die Antworten geben - auf und neben dem Platz.