NBA-Team New York Knicks Die Drei von der Bank
Now that don't kill me / Can only make me stronger /
I need you to hurry up now / Cause I can't wait much longer /
I know I got to be right now / Cause I can't get much wronger
Es wirkt schon ein wenig zynisch, dass der Song "Stronger" Abend für Abend vor Beginn der Heimspiele der New York Knicks über die Lautsprecher des Madison Square Garden schallt. Ob die Verantwortlichen des Clubs verstanden haben, was Rapper Kanye West da von sich gibt? Ob ihnen aufgefallen ist, wie treffend sein Refrain die Lage des Teams beschreibt? Die Situation einer Franchise, die, obwohl gerade vom US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" zur wertvollsten der NBA erkoren , von Basketball-Legende Reggie Miller als "die Lachnummer der ganzen Liga" verspottet wurde?
"Much wronger", viel schlechter können die Knickerbockers (8:21 Siege, Vorletzter der Eastern Conference) in der Tat nicht mehr spielen. Und "much longer", viel länger wollen ihre Fans offenbar nicht warten auf die längst überfällige Kehrtwende. Darum spielen sich vor jedem Heimspiel in Big Apple, kaum dass das Intro verhallt ist, die gleichen Szenen ab: Beginnend mit der Spielervorstellung schallen die Buhrufe von den Tribünen herab. Und wenn es richtig mies läuft, fordern die Fans im Chor den Rauswurf von Trainer Isiah Thomas. Inzwischen hört man sie jeden Abend rufen: "Fire! Isiah!"
Der Frust sitzt tief nach nur einer Playoff-Teilnahme in den vergangenen sechs Jahren. Thomas seit 2003 Manager, seit 2006 auch Trainer der Knicks hat seinen Kredit in beiden Ämtern längst verspielt, und das nicht nur wegen diverser Probleme abseits des Basketballparketts: Ausgerechnet die beiden Spieler, die er als Kern eines zukünftigen Top-Teams präsentierte, rangieren in New York inzwischen auf der Beliebtheitsskala nur knapp vor Präsident George W. Bush.
Verhasste Hoffnungsträger
Stephon Marbury, dessen Rückkehr in seine Heimatstadt vor vier Jahren noch gefeiert wurde, wird seine miese Einstellung vorgeworfen, seine schwache Defense, vor allem aber sein Mangel an Führungsstärke. Center Eddy Curry frustriert die Zuschauer mit seiner totalen Indifferenz gegenüber allem, was nicht mit dem Versenken von Korblegern zu tun hat. Vergangene Saison von seinem Trainer noch als All-Star-Kandidat gehandelt, sagte Thomas kürzlich der Presse, Curry werde "wohl nie mehr ein guter Verteidiger oder Rebounder werden". Kein gutes Zeugnis für den Mann, der auf den Plakaten vor dem Madison Square Guarden als "The Centerpiece", das Mittelstück, beworben wird.
"Der Rebounder", "der Verteidiger", "der Energizer" das sind die Namen, die der PR-Abteilung auf dem gleichen Plakat zu David Lee (24), Renaldo Balkman (23) und Nate Robinson (23) einfielen. Es klingt nach Qualitäten, die das Knicks-Team dringend gebrauchen könnte. Und es ist bezeichnend, dass die derart Geadelten in New York trotzdem nur von der Ersatzbank kommen. Sechs andere Akteure im Kader verdienen pro Jahr sieben Millionen Dollar oder mehr für die Youngsters bleibt da nur die Rolle des Ergänzungsspielers. "Ich versuche das Optimum aus meinen Möglichkeiten zu machen, mal für fünfzehn Minuten, mal für dreißig", sagt Lee.
Wie lange es auch ist: Wenn der Power Forward sich von seinem Sitz erhebt, brandet im Garden Jubel auf. Ebenso, wenn Robinson oder Balkman zum ersten Mal das Feld betreten. "Die Fans kommen zum Spiel, um Lärm zu machen. Ob sie nun buhen oder jubeln, das ist ihre Sache", sagt TV-Analyst Kenny Smith, der in New York aufwuchs und mit den Houston Rockets zweimal den NBA-Titel holte (1994/1995).
Der unbedingte Einsatzwillen der drei ist eine gern gesehene Abwechslung nach dem oftmals pomadigen Auftreten der "Stars": Lee ist der einzige Zonenspieler der Knicks, der regelmäßig über Ringniveau agiert, ein Kämpfer. Balkman ist nicht korbgefährlich, jedoch ein unermüdlicher Verteidiger. Und der sprunggewaltige, nur 1,75 Meter kurze Robinson wirft sich wieder und wieder furchtlos ins Getümmel unter dem Korb. Das kommt an, besonders in New York.
"Von ihrer Spielanlage her sind diese Jungs abhängig von ihrer Energie", sagt Smith. "Sie zeichnet genau das aus, was den Spielern aus der Ersten Fünf fehlt. Dieser extra Einsatz, der Wille. Die Fans wissen das zu schätzen. Allerdings kann man sie auch nicht endlos lange spielen lassen, denn sie haben deutliche Defizite in anderen Bereichen."
Den einen fehlt das Talent, den Stars der unbedingte Wille. Den einen wird applaudiert, die anderen ernten Pfiffe. Und so weiß nicht nur Robinson nicht recht wohin mit seiner Mimik, wenn wieder einmal Applaus für ihn von den Tribünen kommt. "Es ist ein Segen und ein Fluch in einem", sagt der Guard. "Wir sind eine Einheit, keine Individualisten. Darum ist es hart, wenn die Fans buhen. Sie sind einerseits für uns und gleichzeitig gegen uns."
Coach Thomas will trotz der Unmutsäußerungen weiter kämpfen, trotz der Diskussion um seine Zukunft als Knicks-Trainer "bis zum Tod." Dass die hochbezahlten Stars ihn angeblich schon längst abgeschrieben haben, will er nicht hören. Beim Heimspiel gegen die Dallas Mavericks legte er sich kürzlich sogar mit den eigenen Fans an. Sie sollten gefälligst ihr Team unterstützen, sagte er. Und meinte wohl: Gefälligst das ganze Team.