New York Knicks: Siegen oder fliegen - DER SPIEGEL
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New York Knicks Siegen oder fliegen

Viel Geld, wenig Erfolg. Die New York Knicks waren in den vergangenen Jahren die NBA-Lachnummer. Isiah Thomas, Coach des Teams, sitzt auf dem heißesten Trainerstuhl der Liga. Er soll den kriselnden Traditionsclub nach oben bringen. Wenn nicht, droht der Rauswurf.
Von Chris Brandt
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es ist die wahrscheinlich undankbarste Aufgabe, die es im US-Basketball momentan gibt: Aus dem zuletzt teuersten Team der NBA auch eines der erfolgreichsten zu machen. Nur ein paar Monate Zeit hat James Dolan, Besitzer der New York Knicks, seinem neuen Trainer dafür gegeben. Bis zum Ende der 82 Spiele umfassenden Vorrunde im April 2007 sollen die Knicks eine positive Bilanz aufweisen und im besten Fall in die Playoffs einziehen. Ansonsten, so tönte Dolan, könne Thomas seine Entlassungspapiere abholen. Der vermeintliche Traumjob droht für den Coach zu einem Himmelfahrtskommando zu werden.

Denn in der vergangenen Saison schlitterte die Mannschaft von einer Niederlage zur nächsten und landete mit 59 verlorenen Spielen bei nur 23 Siegen auf den vorletzten Tabellenplatz der NBA, was zugleich die schlechteste Bilanz in der 60-jährigen Clubgeschichte bedeutete. Dabei waren die Hoffnungen vor der Saison 2005/2006 groß gewesen. Als die Knicks damals Larry Brown zum Cheftrainer ernannten, keimte leise Hoffnung in New York, dass sich das Blatt nach nur einer Playoff-Teilnahme in den vergangenen fünf Jahren endlich zum Besseren wenden würde. Brown hatte zuvor mit den Detroit Pistons zweimal die Finalspiele erreicht, einmal die Meisterschaft geholt und nannte den Wechsel auf die Trainerbank der Knicks als gebürtiger New Yorker einen "wahr gewordenen Traum". Es wurde ein Alptraum.

Von der ersten Minute der Saison 2005/2006 an lief für die Knicks nichts zusammen: Die Spieler agierten auf dem Parkett wie ein Ensemble versprengter Solisten. Brown und der vermeintliche Kopf der Mannschaft, Pointguard Stephon Marbury, lieferten sich in den New Yorker Medien heftige Wortgefechte über den Führungsstil des jeweils anderen. Die als extrem ungeduldig bekannten New Yorker waren außer sich vor Wut über den fortwährenden Misserfolg ihres Teams. Die Medien stempelten das mit Spielergehältern von insgesamt über 120 Millionen Dollar teuerste Team der Liga schon Mitte der Saison als "Team Titanic" ab und nannten es "eine Schande für die ganze Stadt". Fans im heimischen Madison Square Garden forderten Clubbesitzer Dolan mit lautstarken Sprechchören auf, dem Mann den Stuhl vor die Tür zu setzen, der die erfolglose Chaos-Truppe seit Dezember 2003 zusammengesetzt hatte: Isiah Thomas.

Doch Dolan stellte sich demonstrativ hinter seinen Teampräsidenten und General Manager. Niemand werde gefeuert, orderte der Clubchef an, nicht Isiah Thomas und auch nicht Coach Brown. Doch schon in der Sommerpause 2006 gab es Spekulationen, dass sich die Clubleitung nach nur einer Saison vom vermeintlichen Heilsbringer Larry Brown trennen wolle. Am 22. Juni wurde es dann amtlich. "Coach Brown gefeuert", titelten die Medien landesweit. Die Knicks lösten den Fünfjahresvertrag nach nur einer Saison mit sofortiger Wirkung auf.

Für weit mehr Überraschung als die Trainerentlassung sorgte allerdings die sofortige Benennung des neuen Headcoachs: Isiah Thomas. Ausgerechnet ihm traut Dolan eine Kehrtwende zu? Obwohl der Weg vom Ligakeller zurück an die Spitze in der Regel nicht einmal in der notorisch schwachen Eastern Conference binnen einer Spielzeit zurückgelegt wird. Längst spekulieren die New Yorker Medien, dass der Knicks-Besitzer die Nase voll haben von Thomas' fragwürdiger Erfolgsstrategie, teure Spieler anzuhäufen, die zwar individuell hochklassig, aber nicht teamfähig und dadurch auch nicht erfolgreich sind. Dolan habe Thomas ganz bewusst einen extrem kurzfristigen Erfolgplan vorgegeben, heißt es weiter, um auch ihn in Kürze entlassen und den gesamten Club von Grund auf sanieren zu können.

Sicher ist zumindest, dass Thomas vom ersten Spieltag an auf dem heißesten Trainerstuhl der NBA sitzt – und das nicht mal freiwillig. Auf die Frage, wann er zum ersten Mal den Drang verspürt habe, die Knicks zu trainieren, antwortete Thomas bezeichnenderweise: "Als mir Herr Dolan gesagt hat, dass ich das machen muss." Von 2000 bis 2002 war Thomas schon einmal Cheftrainer, damals bei den Indiana Pacers, bevor er nach seiner Entlassung ein Jahr lang als TV-Kommentator arbeitete. Zwar hat Thomas stets deutlich gemacht, dass ihn die Arbeit als Trainer weiterhin reize. Doch für seine Rückkehr an die Seitenlinie hätte sich Thomas sicher bessere Bedingungen als die der Knicks nach der Chaos-Saison 2005/2006 gewünscht.

Sein Erfolg hängt jetzt primär davon ab, wie schnell er die vorhandenen Spielerpuzzleteile zu einem funktionierenden Gesamtbild zusammenzufügen kann. Auch daran hatte sich sein Vorgänger die Zähne ausgebissen. Über 40 verschiedene Startformationen probierte Larry Brown vergangene Serie in den 82 Vorrundenspielen aus, so viele wie kein anderer NBA-Trainer. Thomas wünscht sich eine Art "Old-School-Basketball", wie er ihn selbst zu seiner aktiven Zeit als Star-Aufbauspieler bei den Detroit Pistons von Trainerlegende Chuck Daly eingetrichtert bekam.

Den Kopf des Teams soll das Aufbauspieler-Duo Stephon Marbury und der vor einem Jahr verpflichtete Steve Francis bilden. Doch die Last der Verantwortung ist auf die Schultern der gesamten Mannschaft verteilt, die sich mit schnellem, präzisem Passspiel und viel Bewegung offene Würfe und freie Korbleger erarbeiten soll. Thomas weiß, dass diese Philosophie funktionieren kann. 1989 und 1990 holte er so mit Detroit die Meisterschaft. Der Auftakt verlief vielversprechend: Bei den Memphis Grizzlies siegten die Knicks gestern Abend 118:117 nach dreifacher Verlängerung. Am Freitag in Atlanta soll der nächste Streich folgen.

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