NFL Draft Die ängstlichen Schnäppchenjäger
Die Kandidaten werden vermessen und gewogen. Sie müssen springen, rennen und werfen. Und sie absolvieren einen Intelligenztest. Das Astronautenprogramm der Nasa? Eine Schule für angehende Polizisten? Nein, die Vorbereitung der Teams in der National Football League (NFL) auf den Draft, die alljährliche Auswahl von Nachwuchsspielern durch die Profiteams.
Den Aufwand betreiben die Clubs nicht aus Spaß. Der erste Spieler bei der alljährlichen Auswahl von College-Spielern am Samstag und Sonntag bekommt wohl mindestens 35, vielleicht sogar 40 Millionen Dollar garantiert - mit dem ersten Profivertrag.
Solche Vertäge sind ein finanzielles Risiko für die Teams, "ein Mühlstein um den Hals", sagt Tom Lewand von den Detroit Lions, die am Samstag den ersten Pick haben. Im besten Fall ist es eine zwar hohe, aber gelungene Investition in die Zukunft des Teams. Im schlimmsten Fall aber wird der junge Spieler, der sich eben nicht als der erhoffte nächste Superstar entpuppt, außer zum finanziellen auch noch zum sportlichen Ballast.
Deshalb sind die ganz frühen Draft-Picks inzwischen gar nicht mehr beliebt. Die potentielle Leistung wiegt das finanzielle und sportliche Risiko nicht auf - zumal gegen Ende der ersten und in den späteren Draft-Runden Spieler mit ähnlich viel Potential für deutlich weniger Geld zu haben sind. "In den Runden drei, vier und fünf kann man gute Spieler finden", sagt Ozzie Newsome, Manager der Baltimore Ravens. Das durchschnittliche Jahreseinkommen in der NFL betrug 2008 1,7 Millionen Dollar. Nur einige der in der ersten Runde gedrafteten Spieler verdienten mehr als das - aber eben sehr viel mehr.
Angesichts der Mega-Verträge für Spieler, die noch keine Minute als Profis auf dem Platz standen, ist es verständlich, dass die Teams sie komplett durchleuchten. Es gibt sogar eine eigens dafür vorgesehene Jobbörse für künftige Profi-Footballer, die Scouting Combine. In diesem Jahr nahmen an ihr mehr als 600 Trainer, Scouts und Manager teil.
Nach Combine, Interviews und "Pro Days" für vielversprechende Nachwuchsspieler an den einzelnen Unis sagen jedes Jahr echte und vermeintliche Experten voraus, welche Spieler im Draft NFL-Star werden. Und jedes Jahr scheitern viele der einst so gelobten Talente. Als Faustregel gilt: Teams können schon zufrieden sein, wenn sie mit der Hälfte ihrer ausgewählten Spieler Erfolg haben.
In diesem Jahr erwarten beispielsweise viele Experten, dass die Lions Matthew Stafford, Quarterback von der University of Georgia, auswählen. Das Problem: Teams wie Detroit haben hohe Draft Picks, weil sie schlecht waren. Das wiederum hat oft damit zu tun, dass sie in den Vorjahren beim Draft danebengriffen. In solchen Teams sind selbst hochtalentierte Spieler überfordert, setzen sich nie durch und werden schließlich als Draft-Flops angesehen. In Detroit, das in der vergangenen Saison alle Spiele verlor, kann selbst der hochtalentierte Stafford wenig ausrichten. Die Idee hinter dem Draft - die schlechtesten Teams dürfen als erste wählen, um Talent in der Liga gleichmäßig zu verteilen - wird ad absurdum geführt, wenn Drafts regelmäßig in die Hose gehen.
Umgekehrt gilt freilich: Wer gut draftet, braucht (und bekommt) keine hohen Picks. Zum Beispiel die Pittsburgh Steelers. Sie gewannen die Meisterschaft, weil der von ihnen gedraftete Quarterback Ben Roethlisberger den entscheidenden Pass zum von ihnen gedrafteten Santonio Holmes warf. Aber auch Linebacker James Harrison spielte im Super Bowl brillant - und ihn wollte im Draft 2002 kein Team haben.
Warum also liegen Teams so oft daneben oder erkennen Potential nicht? Die banale Antwort: Die Teams haben zu viele Informationen und unterscheiden nicht mehr zwischen Wichtigem und Nebensächlichkeiten. Doch das erklärt nicht alles.
Spielintelligenz und -vermögen lassen sich nur schwer testen. In kaum einem anderen Spiel ähnelt das Training dem Spiel so wenig wie im Football. Wenn ein Quarterback ohne Helm und Schutzpolster bei Windstille in einer Halle ohne Verteidiger perfekte Pässe wirft, ist das zwar gut. Aber ob er in voller Montur bei Windböen und Minustemperaturen und gegen auf ihn zustürmende 120-Kilo-Männer auch schöne Pässe wirft, ist fraglich.
Warum Teams sich 2009 keinen Fehlgriff leisten können
Draften ist also im besten Fall eine höchst ungenaue Wissenschaft. Dabei müssen die Clubs gerade in diesem Jahr besonders richtig liegen.
Die Besitzer der NFL-Teams verlängerten im vergangenen Mai den Tarifvertrag mit der Spielergewerkschaft nicht. Er läuft 2010 aus. Sollte es vor der Saison 2010 keinen neuen Vertrag geben, gäbe es dann keine Gehaltsobergrenze mehr - ein wahrscheinliches Szenario. Ein Manager eines Teams ließ sich anonym zitieren: "Das ist eine Realität, und jeder versucht damit umzugehen."
Sollte es so weit kommen, könnten Spieler 2010 erst nach sechs statt wie bisher nach vier Jahren Free Agents werden und damit erst zwei Jahre später nach ihrem Willen den Club wechseln. Zudem hätten Teams die Möglichkeit, mehr ihrer eigenen Free Agents als bisher erlaubt an sich zu binden. Und die besten Clubs der vergangenen Saison dürften ohnehin nur begrenzt Spieler verpflichten.
All das würde dazu führen, dass der Talentpool an erfahrenen Profis sehr klein würde. Um sich zu verbessern, müssten Teams mehr auf gedraftete Spieler setzen - besonders die aus diesem Jahr. Nach einem Jahr Eingewöhnungszeit in der kommenden Saison könnten sie 2010 Leistungsträger werden. Fehlgriffe am kommenden Wochenende werden besonders schmerzhaft sein.
Da ist es fast schon ironisch, dass in der Saison 2011 sogar ein Streik droht, wenn Besitzer und Gewerkschaft sich nicht einig werden. Immerhin hätten die Teams in einem Streikjahr für zwei Dinge genügend Zeit: Sie könnten vermeintliche Draft-Fehlgriffe ein Jahr lang in Ruhe entwickeln - und einen neuen Tarifvertrag aushandeln, in dem auch eine Gehaltsobergrenze für Rookies enthalten ist.