NFL: Zahlen, bitte! - DER SPIEGEL
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NFL Zahlen, bitte!

Wer in den Statistikspalten ganz oben steht, liegt auch in der Gunst der US-Sportwelt vorne - besonders beim Football, der Sportart Nummer eins. Viele Wertungen sagen allerdings kaum etwas über Erfolg und Misserfolg aus.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Runningback Ronnie Brown ist der erste Spieler der Miami Dolphins seit dem Jahr 2002, der in fünf aufeinanderfolgenden Spielen mehr als 100 Yards Raumgewinn erzielen kann. Die Philadelphia Eagles haben unter ihrem derzeitigen Trainer Andy Reid nach einer spielfreien Woche noch nie verloren. Und Devin Hester von den Chicago Bears hat in 25 Spielen mit zehn Kick-Returns Touchdowns erzielt.

Ist das interessant? Mäßig. Ist das aussagekräftig? Wohl kaum. Miami hat in dieser Saison alle Spiele verloren. Die Eagles stehen in ihrer Division auf dem letzten Platz - Chicago in seiner ebenfalls. Der Beliebtheit von Statistiken tut das in Amerika keinen Abbruch. Alles, was sich an irgendeiner noch so unwichtigen Zahl festmachen lässt, taucht in den Meinungen echter oder vermeintlicher Experten auf. So lässt sich die Gier nach neuen Rekorden stillen, seien sie auch noch so bedeutungslos. Oder bringt es uns tatsächlich weiter, wenn wir erfahren, dass Vinny Testaverde bei den Carolina Panthers acht vollständige Pässe hintereinander warf, nachdem er aus dem Ruhestand wieder in die NFL zurückgekehrt war?

Dass ein Rekord immer nur so gut ist wie die Statistik, die ihn hervorbringt, scheint niemanden zu stören. Mark Twain hatte seinen amerikanischen Landsleuten gesagt, es gebe drei Arten von Lügen: Lügen, faustdicke Lügen und Statistiken. Im Football gilt: Solange die Statistik nur spektakulär genug daherkommt oder wichtig genug klingt, kann sie gerne so unwichtig sein, dass sie ebenso gut gelogen sein könnte. Das soll nicht heißen, dass Football-Statistiken nie sinnvoll sind. Trainer legen etwa Wert auf Zahlen wie Yards pro Passversuch, was natürlich nicht zu verwechseln ist mit Yards pro vollständigem Pass, Passversuchen pro Spiel oder Yards pro Spiel.

"Das nutzloseste Ding im Sport"

Den Sinn anderer Statistiken bezweifeln dagegen nicht nur die Coaches. Das Paradebeispiel dafür ist das Quarterback Rating, auch Passer Rating genannt, weithin als ultimatives Bewertungs- und Vergleichskriterium für Football-Spielmacher genutzt. Brian Billick, Trainer der Baltimore Ravens, nennt es "das nutzloseste Ding im Sport". Wer es berechnet, bekommt eine kostenlose Wiederholung der Grundrechenarten gratis dazu. Erster Schritt: Man zieht 30 von der Quote der vollständigen Pässe eines Quarterbacks ab und multipliziert das Ergebnis mit 0,05. Zweiter Schritt: Man nimmt den durchschnittlichen Raumgewinn in Yards pro Passversuch, zieht davon drei Yards ab, und multipliziert das Ergebnis mit 0,25. Dritter Schritt: Man nimmt die Quote von Touchdown-Pässen pro Passversuch und multipliziert das Ergebnis mit 0,2. Vierter Schritt: Man nimmt die Quote von Interceptions pro Passversuch, multipliziert diese Zahl mit 0,25 und zieht das Ergebnis von 2,375 ab.

Die Ergebnisse eins bis vier werden zusammengezählt, das Ergebnis durch sechs geteilt und anschließend mit 100 multipliziert. Die Zahl, die dabei herauskommt, ist das Quarterback Rating und liegt zwischen 0 (grottenschlecht) und 158.3 (perfekt). Ach ja: Sollte eines der vier Einzelergebnisse niedriger als 0 oder höher als 2,375 sein, wird es automatisch an diese Grenzen angepasst.

Wer den Zahlen traut, kann damit statistisch beweisen, dass Football-Legende Brett Favre von den Green Bay Packers trotz bisher nur einer Saison-Niederlage ein schlechterer Passwerfer ist als Matt Schaub von der Houston Texans, der in dieser Saison bereits drei Mal verlor. Oder dass Marc Bulger von den St. Louis Rams, die unter seiner Führung in dieser Saison noch sieglos sind, der fünfbeste Passwerfer aller Zeiten ist – vor Größen wie dem ehemaligen Miami Dolphin und "Hall of Fame"-Mitglied Dan Marino oder dem dreifachen Super-Bowl-Sieger und früheren Dallas Cowboy Troy Aikman.

Wenigstens tut uns das Passer Rating ob solchen Blödsinns einen Gefallen: Es macht sich selbst lächerlich. Eigentlich ist es gedacht, den besten Passwerfer zu bestimmen. In dieser Saison aber steht ein Spieler an der Spitze, dessen Aufgabe das Laufen mit dem Ball ist. LaDainian Tomlinson, Runningback von den San Diego Chargers, warf bei seinem einzigen Passversuch in der aktuellen Spielzeit einen Touchdown - genug für ein perfektes Passer Rating von 158.3. Auch dass man 14 Passversuche pro Spiel braucht, um sich "offiziell" für das Passer-Ranking zu qualifizieren, tut da der Absurdität keinen Abbruch. Für Tomlinson war der Pass immerhin auch für etwas anderes gut als nur für den wertlosen Statistik-Spitzenplatz. Sein Wurf sorgte für die ersten Punkte beim 14:3-Sieg der Chargers gegen Chicago.