NHL-Lockout: Eingeklemmt an der Bande - DER SPIEGEL
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NHL-Lockout Eingeklemmt an der Bande

Seit Monaten liegt die NHL-Saison wegen eines heftigen Arbeitskampfes zwischen Teambesitzern und Spielern auf Eis. Weil keine Partei zu Kompromissen bereit ist, wird die Absage der kompletten Saison immer wahrscheinlicher. Ein Großteil der NHL-Cracks ist bereits nach Europa geflüchtet.
Von Andreas Lampert
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Steve Passmore ist dieser Tage seine Abenteuerlust deutlich anzumerken. Der 31-jährige Eishockey-Profi steht seit Beginn der DEL-Saison im Kasten der Mannheim Adler, Passmore ist das erste Mal in seinem Leben in Europa. In Mannheim ist er dabei in einer Stadt gelandet, die den Alltag für einen Kanadier wie Passmore, der zuletzt in Chicago bei den Blackhawks das Tor gehütet hat, nicht allzu schwer macht: Wie die amerikanischen Städte ist auch das Zentrums Mannheim in Blöcke aufgeteilt, was die Orientierung für einen Neuankömmling wie Passmore wesentlich erleichtert.

"Es ist großartig", schwärmt der Goalie, der auf die Erfahrung von knapp 100 NHL-Partien zurückblicken kann. "Ich war noch nie im Ausland und bin sehr glücklich, hier zu sein." Seine augenblickliche Zufriedenheit verdankt er dem Umstand, dass in der NHL, der höchsten amerikanischen Eishockey-Profiliga, infolge eines Arbeitskampfes in dieser Saison noch kein einziges Spiel stattgefunden hat. Weil die NHL-Profis seit dem 15. September von den Clubeignern ausgesperrt worden sind, folgte auch der Kanadier dem Lockruf der europäischen Ligen, die Zeit während des Streiks im Ausland zu verbringen, um ein wenig Geld zu verdienen.

Über 330 Mitglieder der Spielergewerkschaft (NHLPA) jagen seit Herbst in Europa dem Puck nach. NHL-Scorerkönig Jaromir Jagr spielt in Russland für Omsk Avangard, Miroslav Satan zog es zurück in seine slowakische Heimat nach Bratislawa, andere spielen in der Schweiz, Schweden, Tschechien, Finnland, England, Österreich, Italien oder Frankreich.

Passmore ist einer von 28 NHL-Profis, die inzwischen in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) untergekommen sind. Bis zur DEL-Transferfrist Mitte Februar dürften es noch mehr werden, denn bis Donnerstag sind 618 der 1230 geplanten NHL-Partien dem Arbeitskampf zum Opfer gefallen. Eine Absage der kompletten Saison wird immer wahrscheinlicher, nachdem ein für gestern anberaumtes Treffen der Clubbesitzer vergangene Woche überraschend abgesagt wurde. "Es gibt derzeit keinen Grund, dass wir uns treffen müssen", kommentierte Lou Lamoriello, Club-Besitzer der New Jersey Devils, die Stornierung jener Zusammenkunft, von dem sich Eishockeyfans eigentlich die Verkündung des Streik-Endes erhofft hatten.

Verhärtete Fronten

Im Stellungskrieg bei den Verhandlungen um den neuen Grundsatzvertrag zwischen Clubbesitzern und Spielern, im Fachjargon "collective bargaining agreement" (CBA) genannt, sind die Fronten inzwischen völlig verhärtet. Seit dem 9. Dezember 2004 haben beide Parteien nicht mehr miteinander gesprochen. Gleich einer an der Bande eingeklemmten Scheibe kommt in die Debatte um die Zukunft der Liga keine Bewegung mehr. Auf den Pfiff eines neutralen Schiedsgerichts warten die Beteiligten vergeblich. Es gibt schlichtweg keines.

Streitpunkt ist einmal mehr das Geld. Die Besitzer verlangen eine Gehaltsobergrenze (salary cap), wie es sie schon in den anderen Topligen der USA (NBA, MLB und NFL) gibt. Das lehnt die NHLPA jedoch rigoros ab. Die Einführung des Salary Caps soll die Spielergehälter maximal auf 54 Prozent eines jeden Teametats begrenzen, die Personalkosten sollen sich zwischen 34 und 39 Millionen Dollar pro Mannschaft einpendeln.

Laut einer von den Clubbesitzern für eine Millionen Dollar in Auftrag gegebenen Untersuchung durch den ehemaligen Vorsitzenden der US-Börsenaufsicht, Arthur Lewitt, fährt die NHL seit mehreren Jahren kräftige Verluste ein. Knapp 500 Millionen Dollar Defizit sollen die Clubbesitzer laut der Lewitt-Buchprüfung in den beiden letzten Spielzeiten verzeichnet haben. 75 Prozent der Einnahmen würden für die Spielergehälter draufgehen, zwei Drittel der 30 Club starken Liga soll letztes Jahr Schulden gemacht haben.

Zweifel an den Zahlen

Die Richtigkeit dieser Zahlen zweifeln die Spieler jedoch an. Das Wirtschaftsmagazin "Forbes" hat für die letzten beiden Spielzeiten lediglich einen Verlust um die 200 Millionen errechnet. NHLPA-Vorsitzende Bob Goodenow beklagt den Umstand, dass die Lewitt-Studie nicht von einer neutralen Institution sondern von den Clubbesitzern in Auftrag gegeben wurde, zudem fehlen Zahlen über Einnahmen aus VIP-Logen, Hallenwerbung, Kabelfernsehen und Namensrechten. In einem Interview mit der "Los Angeles Times" sagte NHLPA-Geschäftsführer Ted Saskin, die von Lewitt vorgelegten Zahlen seien "von vorne bis hinten ein einziger Haufen Müll". Dass die Eigner zuletzt das Angebot der Spieler, künftig auf 24 Prozent ihrer Gehälter zu verzichten, kommentarlos ausschlugen, haben auch Außenstehende mit Verwunderung registriert.

Die Liga besteht auf der Gehaltsobergrenze und verlangt zusätzlich eine 35-prozentige Gehaltskürzung der Spitzenverdiener. Immerhin hat der Vizepräsident der NHL, Bill Daly, an Donnerstag eine erste Annäherung an die Spieler gewagt. "Wir sollten uns zusammensetzen. Falls unsere Forderungen wirklich so unakzeptabel sind, sollten wir das diskutieren", sagte Daly in einem Interview mit "Canadian Press".

Die augenblicklichen Missstände haben sich die Clubbosse größtenteils selbst zuzuschreiben. Vor zehn Jahren, als sie nach Abschluss des letzten CBA triumphal aus den Verhandlungsräumen marschiert waren, hatten die Clubeigner den Abschluss wie einen Sieg gefeiert - auch damals gab es infolge des Arbeitskampfes eine Aussperrung der Spieler, die 103 Tage dauerte und für eine verkürzte Saison sorgte. Mit dem damaligen NHLPA-Vorsitzenden Alan Eagleson hatten die Club-Patronen einen Kollaborateur, den manche von ihnen heute noch wie einen Helden feiern. Pikanterweise wurde Eagleson noch 1994 zu einer 18-monatigen Gefängnisstrafe verurteilt, weil der Gewerkschaftsgelder veruntreut hatte.

Die anhaltende Skepsis der Spieler gegenüber ihren Arbeitgebern wird auch durch den Fakt gestützt, dass die Clubbesitzer die ersten waren, die die im letzten Grundlagenvertrag aufgestellten Regeln durchbrachen. 1994 setzten sich die Eigner mit ihren Forderungen durch, das Mindestgehalt für Rookies zu senken und das Alter der Spieler, die ihre Verträge frei aushandeln dürfen, auf 31 Jahre anzuheben. So sollten die Kosten niedrig gehalten werden. Doch die Gier der Besitzer nach Erfolg führte die aufgestellten Regeln schnell ad absurdum. Mit Einsatzprämien und Leistungsvergütung wuchs das Durchschnittsgehalt der NHL-Profis, das 1994 noch 733.000 Dollar betrug, bis 2003/03 auf knapp zwei Millionen Dollar an. In den letzten zehn Jahren seien die Gehälter um 240 Prozent angewachsen, argumentiert NHL-Commissioner Gary Bettman, während die Einnahmen lediglich um 160 Prozent gestiegen seien.

Geschäfte mit fremdem Geld

Für Bettmans Gegenspieler in den Verhandlungen zählen diese Argumente nicht. "Die Spieler bekommen das bezahlt, was sie nach der Einschätzung der Besitzer wert sind", sagt Goodeman. "Jedes Mal, wenn ein Besitzer einen Vertrag unterschreibt, bestätigt er damit den Wert des Spielers. Aus unserer Sicht ist das eine klare Ansage." Es sei nicht Aufgabe des Spielers, die Besitzer vor sich selbst zu schützen, so der NHLPA-Vorsitzende.

Zumal der Ruf der Clubbesitzer in den letzten zehn Jahren ohnehin gelitten hat. Bruce McNall beispielsweise, ehemaliger Besitzer der Los Angeles Kings, wurde 1997 wegen Veruntreuung von 236 Millionen Dollar zu einer vierjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Buffalos einstiger Volksheld und ehemaliger Besitzer der Sabres, John Rigas, wurde vor kurzem verhaftet, weil Ermittlungsbeamte feststellten, dass er das Eishockeyteam mit gestohlenen Geldern eines TV-Unternehmens erworben hatte. Auch John Spano "kaufte" 1997 nach Empfehlung von NHL-Boss Bettman die New York Islanders für 165 Millionen Dollar, bezahlte allerdings keine einzige Rate. Spano wurde wegen Betrugs verurteilt und sitzt derzeit hinter Gittern. Schließlich soll Takashi Okubo, einstiger Besitzer von Tampa Bay Lightning, in engem Kontakt zu der japanischen Untergrundorganisation "Yakuza" gestanden haben. Die "Yakuza" ist dafür berüchtigt, Geldwäsche im großen Stil über verschiedene Sportorganisationen zu betreiben.

Ausflug nach Rom

Der Argwohn der Spieler gegenüber den Besitzern ist nicht nur aufgrund solcher Geschichten gewachsen und sorgt aktuell für die starre Haltung in den Verhandlungen. Selbst Legende Wayne Gretzky, heute Mitbesitzer der Phoenix Coyotes, fürchtet, dass sich die Parteien in den nächsten Tagen nicht einigen können und der NHL eine richtig lange Pause bevorsteht: "Ich habe Angst, dass es ein Jahr, anderthalb oder zwei Jahre werden könnten und nicht nur drei Monate, wie viele Leute im vergangenen September gedacht haben."

Für Gretzkys Landsmann Passmore beschied die Konfrontation zwischen Clubbesitzern und Spielern zuletzt ungewöhnliches. Zwar verdient er in Mannheim nur einen Bruchteil seines NHL-Gehalts, doch das bescheidene Leben in Europa hat für ihn auch Vorteile. Vor kurzem nutzte er eine viertägige Spielpause, um mit seiner Frau gemeinsamen nach Rom zu fliegen. "Drei Tage in Rom mit seiner Frau, darüber kann man sich wirklich nicht beschweren, oder?", so der neue Adler-Goalie.

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