Nowitzki-Kumpel Nash: Eichhörnchen auf Speed - DER SPIEGEL
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Nowitzki-Kumpel Nash Eichhörnchen auf Speed

Wehende Haare, wilde Dribblings und zirkusreife Würfe: Steve Nash ist der unkonventionellste NBA-Profi - und der wertvollste. Gerade wurde der Spielmacher des Titelkandidaten Phoenix Suns erneut zum "MVP" gewählt. Druck verspürt Nash dennoch nicht.
Von Tobias Pox
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Steve Nash hat Glück. Gäbe es in der nordamerikanischen Basketball-Profiliga NBA eine Hygienepolizei, ihm würden wohl andauernd Strafzettel ins Haus flattern. Zum einen leckt sich der Kanadier auf dem Feld ständig die Finger. Und da er in seiner Funktion als Aufbauspieler der Phoenix Suns den Ball sehr oft und sehr lange in den Händen hält, ist der Tatbestand der "bakteriellen Verunreinigung des Spielgeräts" zweifelsohne erfüllt. Zum anderen ist da die Frisur, wenn man diese überhaupt als solche bezeichnen möchte. "Viele Leute machen sich über meine ungekämmten, herumwehenden Haare lustig", bestätigt Nash. Doch der Spott ficht ihn nicht an. Die Strähnen bleiben lang, die Finger feucht.



Es sind nicht allein diese schrullig anmutenden Charakteristika, die Nash zu etwas Besonderem machen. Auch der Spielstil des 32-Jährigen ist unorthodox. Die renommierte US-Zeitschrift "Sports Illustrated" verglich ihn kürzlich mit einem "Eichhörnchen, das auf Speed ist". Eine sehr anschauliche Analogie. Die wilden Dribbel-Arien des flinken Point Guards sind nur schwer zu verfolgen. Sucht Nash selbst den Abschluss, demonstriert er nicht selten zirkusreife Würfe, die wegen akuter Verrenkungsgefahr keinesfalls zum Nachahmen geeignet sind.

So amüsant der erste Eindruck sein mag, "Nasty Nash" ("der scheußliche Nash"), wie er in Basketballkreisen oft liebevoll genannt wird, ist kein Antiheld oder gar eine Lachnummer. Jüngst wurde Nash trotz aller Unkonventionalität zum zweiten Mal nacheinander zum "wertvollsten Spieler der Saison" gewählt. Er befindet sich damit in bester Gesellschaft, schließlich gelang es mit Earvin "Magic" Johnson und Michael Jordan nur zwei NBA-Profis auf der Guard-Position, den MVP-Titel mehrfach zu gewinnen.

"Ich weiß nicht, wie es dir geht, Steve. Aber ich finde, das sind ziemlich beängstigende Namen", sagte Suns-Coach Mike D'Antoni bei der Vergabe der Auszeichnung schmunzelnd. Sein Schützling nahm die Vorlage direkt auf. Es sei ihm in der Tat "ein wenig unangenehm", kommentierte Nash seinen neuen Status mit der ihm eigenen, keinesfalls aufgesetzt wirkenden Bescheidenheit.

Die Tatsache, dass der erneute Triumph des besten Passgebers der Liga (rund zehn Assists durchschnittlich pro Spiel) kaum Kritiker auf den Plan gerufen hat, unterstreicht die Legitimität seiner Wahl. Im Vorjahr hatten viele Experten noch behauptet, dass die Suns nach Nashs Wechsel 2004 von Dallas nach Phoenix nur deswegen auf einmal so erfolgreich waren, weil mit Forward Amaré Stoudemire ein Ausnahmetalent im Team gestanden habe, das beinahe jedes Zuspiel verwerten könne. In dieser Saison absolvierte der Jungstar jedoch verletzungsbedingt nur drei Spiele. Zudem verließen im vergangenen Sommer mit Joe Johnson und Quentin Richardson zwei Leistungsträger die Suns.

Phoenix, das vorige Saison im Finale des Westens am späteren Meister San Antonio gescheitert war, wusste dennoch zu überzeugen und beendete die Vorrunde als insgesamt viertbestes Team. Auch in den aktuellen Playoffs sind die Suns gut dabei. Nach dem Erstrunden-Erfolg gegen die L.A. Lakers (4:3) spielt das Team nun gegen deren Lokalrivalen, die Los Angeles Clippers. Vor der dritten Partie heute Abend bei den Kaliforniern steht es in der Best-of-seven-Serie 1:1. Die Suns haben allerdings deutlich mehr Potenzial als die Clippers, die erstmals seit 1997 wieder die Playoffs erreichten.

Die Frage, wer hinter dem abermaligen Erfolg der Phoenix Suns steht, ist deshalb eine rhetorische. "In meinen Augen ist Steve Nash einer der wenigen Akteure in der Geschichte dieses Spiels, der jeden um sich herum besser macht", schwärmt Suns-Boss Jerry Colangelo. "Nur selten besitzen Spieler die Fähigkeit, den Fluss des Spiels direkt zu kontrollieren – Steve Nash tut das so gut wie niemand sonst." Stimmt. Weil Nash seine Mannschaftskollegen derart gekonnt in Szene setzt, erzielten nicht weniger als fünf Suns-Profis in dieser Regular Season mehr Punkte als jemals zuvor in ihrer Karriere. Nash, der seit den gemeinsamen Jahren bei den Dallas Mavericks (1998 bis 2004) mit Dirk Nowitzki befreundet ist, stellte mit durchschnittlich 18,8 Zählern pro Partie ebenfalls eine persönliche Bestmarke auf. In der Meisterrunde trifft er nun sogar noch häufiger (22,2 Punkte).

Bei all dem Beifall, den Nash zu Recht erntet, darf nicht vergessen werden, dass der neue und alte MVP sowie das Team im Ganzen entscheidend von der taktischen Vorliebe seines Coaches profitiert. D'Antoni ist ein glühender Verfechter des Angriffsbasketballs und predigt das Prinzip der bedingungslosen Offensive. Oberstes Ziel in diesem heutzutage in der NBA beinahe ausgestorbenen Konzept ist es, das Spiel so schnell wie möglich zu machen und stets die erstbeste Gelegenheit zum Korbwurf zu nutzen. "Run and Gun" wird der Stil in der Fachsprache aussagekräftig genannt – "Rennen und Feuern".

Das erklärt auch, warum die Phoenix Suns die mit Abstand spektakulärste und punktehungrigste Mannschaft der Liga sind. "Wenn du das Tempo mitgehst, hast du keine Chance und verlierst", stellt die Spielerlegende Charles Barkley, heute TV-Analyst, fest. "Phoenix rennt dich in Grund und Boden." Vorneweg eilt natürlich Nash - das "Eichhörnchen auf Speed", das noch immer keinen Strafzettel bekommen hat.

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