San Antonio Spurs Multikulti unterm Korb
Es war eine gewagte Idee, die die "USA Today" da vor einiger Zeit hatte. Die meistverbreitete Tageszeitung Amerikas schlug vor, die National Basketball Association, kurz NBA, sollte ihren Namen ändern und sich fortan entweder WBA, IBA oder GBA nennen. Ein neues Attribut wie World, International beziehungsweise Global, so das Blatt, "wäre wohl passender". Der Vorschlag war natürlich nicht ganz ernst gemeint, die Botschaft indes klar: Die Internationalisierung macht selbst vor der ehedem geschlossenen Gesellschaft der besten Basketball-Liga der Welt nicht Halt.
Waren ausländische Profis in der NBA vor knapp zehn Jahren noch an einer Hand abzuzählen, finden sich im aktuellen Spielerverzeichnis der Liga mittlerweile nicht weniger als 77 Non-US-Profis aus 34 unterschiedlichen Nationen. Fast jedes Team hat einen Ausländer im Kader. Für den Draft am 28. Juni, jenem alljährlichen Verfahren, bei dem 60 Nachwuchskräfte unter den 30 NBA-Clubs verteilt werden, haben 35 Spieler nicht-amerikanischer Herkunft gemeldet.
Dass die Internationalisierung für die NBA-Vereine erfolgversprechend und rentabel ist, verdeutlicht keine Mannschaft besser als der Titelanwärter San Antonio Spurs, der in der Finalserie der Western Conference gegen Phoenix mit 3:0 führt und heute Abend mit einem weiteren Sieg den Einzug ins NBA-Endspiel schaffen kann (im Osten ging Miami gestern gegen Titelverteidiger Detroit mit 2:1 in Führung). Ein Drittel der Spurs-Spieler sind importiert, weshalb das deutsche Basketball-Magazin "FIVE" das Team um Ausnahmekönner Tim Duncan jüngst zu den "United Nations of San Antonio" ernannte. Selbst Duncan zählt streng genommen zum Kreis der Internationalen, denn der Power Forward des Meisters von 1999 und 2003 wurde nicht im Mutterland des Basketballs geboren, sondern stammt von den Jungferninseln.
Die Erklärung für den dramatisch gestiegenen internationalen Einfluss in der NBA ist simpel: Der Rest der Basketballwelt hat den einstigen Vorreiter USA eingeholt - Weltmeister ist Serbien-Montenegro, Argentinien holte sich den Olympia-Sieg in Athen. San Antonios Trainer Gregg Popovich ist von der Klasse der ausländischen Kräfte überzeugt. "Viele von ihnen haben mehr von diesen technischen Qualitäten als viele amerikanische Spieler. Das ist einer der Gründe, warum jetzt so viele ausländische Spieler in der Liga sind." Popovich begann vor vier Jahren damit, verstärkt auf Spieler aus Übersee zu setzen. Heute werden beim Titelanwärter mehr Sprachen gesprochen als in jedem anderen Team der NBA.
Erstaunlich und brisant war, dass die San Antonio Spurs bei ihrer Neuausrichtung zuerst den Franzosen Tony Parker nach Texas lotsten. Der damals gerade einmal 19-Jährige galt trotz seiner Erfahrungen in der heimischen Profiliga als grün hinter den Ohren und bekleidete ausgerechnet die Position des Spielmachers. "Dabei", sagt Popovich, "weiß doch eigentlich jeder, dass man keinen Aufbauspieler aus Europa holt, weil die im Allgemeinen nicht schnell genug sind und zudem kein Gespür für das Spiel in der NBA haben." Doch Parker war die Ausnahme von der Regel. Der umstrittene Neuzugang wirbelte mit seinen pfeilschnellen Bewegungen die gegnerischen Abwehrreihen durcheinander und harmonierte auf Anhieb mit Duncan, dem wichtigsten und effektivsten Korbjäger des Teams.
Nach nur vier NBA-Spielen rutschte das angebliche Greenhorn Parker in die Startformation. Seitdem ist er das Hirn der Spurs und bestimmt gekonnt deren Rhythmus. Zudem bringt der mittlerweile 23-Jährige durch die Liaison mit Eva Longoria, der Hauptdarstellerin der TV-Serie "Desperate Housewives", seinen früher als langweilig verschrieenen Club auch abseits der Sportmeldungen in die Schlagzeilen.
Der zweite ausschlaggebende Grund, warum San Antonio immer mehr aus der Ecke des konservativen, unspektakulären Basketballvereins hervortritt, heißt Emanuel Ginobili. Der argentinische Olympiasieger wechselte ein Jahr nach Parker zu den Spurs und wurde gleich in der ersten Saison Meister. "Manu", wie der Shooting Guard von allen genannt wird, versetzt mit seinem unkonventionellen Spiel nicht nur den Gegner, sondern bisweilen selbst das eigene Team in Staunen: "Er ist wie ein wilder Mustang", sagt Trainer Popovich, "er bringt Bewegungen, die noch keiner von uns gesehen hat. Manu ist wirklich ein unorthodoxer, komischer Spieler."
Das findet auch Duncan: "Ich weiß echt nicht, was er da tut. Er nimmt einfach den Kopf runter und rennt los - und wir beten für sein Bestes." Manchmal ist das Anrufen höherer Mächte in der Tat angebracht, denn der 1,98 Meter große Ginobili schreckt selbst vor Hünen wie Miami-Center Shaquille O'Neal nicht zurück und zieht so furchtlos zum Korb, wie es außer ihm in der Liga nur Philadelphias Topscorer Allen Iverson tut.
"Eine von Manus Stärken ist seine Unberechenbarkeit. Wenn ich ihm diese nehme und ihn in ein Korsett stecke, würde das sein ganzes Spiel beeinflussen", sagt Popovich über den draufgängerischen Linkshänder, "ich habe mich entschieden, ihn einfach spielen zu lassen. Man muss Manu Manu sein lassen." Der Schützling dankt dem Trainer dessen Einsicht mit beeindruckenden Leitungen. Zeugnis der überragenden Saison war die erstmalige Teilnahme am Allstar-Game. In den Playoffs erzielt Ginobili bis dato im Schnitt bemerkenswerte 21,5 Punkte pro Spiel und ist damit vereinsintern zweitbester Scorer hinter Duncan (25,1).
Unterstützt wird die von Ginobili und Parker angeführte internationale Spurs-Revolution von Sean Marks (Neuseeland) sowie Rasho Nesterovic und Beno Udrih (beide Slowenien). Insbesondere Udrih könnte jedoch schon bald aus dem Schattendasein heraustreten, denn der Rookie, der eigentlich behutsam zum Stellvertreter von Parker aufgebaut werden sollte, ist laut Popovich "in seiner Entwicklung schon wesentlich weiter".
Aber selbst wenn Udrih die in ihn gesetzten Hoffnungen nicht erfüllen sollte, wird sich an der Marschroute der Spurs nichts ändern. Einerseits sind Ginobili und Parker langfristig an den Verein gebunden. Zum anderen besitzt der Club die Rechte an vier weiteren ausländischen Spielern, darunter die an Luis Scola, seines Zeichen ebenfalls argentinischer Olympiasieger und derzeit noch in Spanien bei Tau Vitoria aktiv. Die NBA-Ausgabe der Vereinten Nationen wird ihren Hauptsitz weiter in San Antonio haben.