Schiedsrichterskandal: NBA am Abgrund - DER SPIEGEL
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Schiedsrichterskandal NBA am Abgrund

Ein wettsüchtiger Schiedsrichter stürzt die NBA in die tiefste Krise ihres Bestehens. Der Fall Donaghy schürt die Zweifel der Fans an der Ehrlichkeit der Liga. Sind weitere Referees beteiligt? Selbst für NBA-Chef David Stern könnte es eng werden.
Von Jan Hieronimi
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Früher hatte Tim Donaghy Geld gewollt. Und Nervenkitzel. Darum wettete er auf Basketballspiele, meist auf die Begegnungen, die er selbst als Schiedsrichter leitete. Als er zu oft verlor, ließ er andere mithilfe seiner Insider-Tipps wetten und kassierte dafür. 5000 Dollar pro Gewinn am Ende. In diesen Tagen indes will Tim Donaghy nur noch überleben. Will so viel wie möglich aus seinem alten Leben retten, Knast und totalen Bankrott vermeiden. Dafür ist ihm alles recht.

Wegen seiner langjährigen Sportwetten und seiner Verbindungen zur Wettmafia steht der NBA-Schiedsrichter seit einigen Wochen vor einem New Yorker Gericht. Er hat einen Deal mit der Staatsanwaltschaft. Er will auspacken, sagt er, alles, über sich und über andere. Und wenn es sich nebenher machen lässt, will er, so darf man dem von zahlreichen Weggefährten als unbeherrscht und rachsüchtig Beschriebenen unterstellen, möglichst viele an seiner Statt in den Abgrund schicken: ehemalige Kollegen wie auch seinen alten Arbeitgeber.

Der letzte Teil funktioniert soweit ganz gut.

Der Skandal um Tim Donaghy, einer jener "am meisten eingestuften, bewerteten, kontrollierten, statistisch analysierten und überwachten Angestellten auf der Welt" (NBA-Chef David Stern), hat die seit 1946 bestehende Liga erschüttert wie keiner zuvor. Nichts vermochte die beste Basketball-Liga der Welt so ins Mark zu treffen wie der wettsüchtige Referee. Nicht einmal die berüchtigte Massenschlägerei zwischen Fans und Spielern in Detroit im November 2004. Die jüngst wiederbelebte Idee von einem NBA-Team in Las Vegas ist gestorben, und das ist noch das geringste Problem. Es ist passiert, was nie passieren durfte: Die Integrität des Sports steht in Frage. Der Fall Donaghy traf einen Nerv, der im Fan-Lager schon lange frei liegt.

Verschwörungstheorien über die NBA gibt es seit Jahren, einige kruder als andere. So soll David Stern 1985 Center-Talent Patrick Ewing bei der Draft-Lottery erfolgreich zu den New York Knicks gelost haben. Der Umschlag mit dem Logo des Teams sei vorab gekühlt worden, so dass er ihn ertasten konnte. "Alles Quatsch", sagt Stern. Regelmäßig würden die Schiedsrichter auf Geheiß der Liga die Stars mit großzügigen Pfiffen bedenken, heißt es weiter. Und sei den Bossen in einer Playoff-Serie an einem Sieg der Heimmannschaft gelegen, um für Spannung zu sorgen, so schicken sie die unerfahrensten und schlechtesten Spielleiter. Diese ließen sich leichter von der Stimmung in der Halle anstecken. Eine manipulierte Liga?

Donaghy gilt jenen Kritikern als der einzige greifbare Beweis für diese bis dahin völlig haltlose Behauptung. Handfester sind da die Vorwürfe ehemaliger Referees, die seit langem die Auswahl- und Kontrollmechanismen der Liga kritisieren. "Man sollte diesen Vorfall zum Anlass nehmen, die ganze Abteilung aufzulösen und neu anzufangen", ätzt beispielsweise der 2001 zurückgetretene NBA-Unparteiische Mike Mathis. "Wir akzeptieren unglaublich mittelmäßige und schlechte Leistungen. Die Kommentatoren sagen bei manchen Pfiffen: 'Er hat wohl etwas gesehen, was wir nicht gesehen haben'. Nein, hat er nicht. Der Schiedsrichter rät ins Blaue, er ist inkompetent oder es laufen krumme Dinge im Hintergrund."

So oder so dürften es selbst die erfahrensten NBA-Referees in den kommenden Jahren schwer haben. Denn bei jedem kritischen Pfiff wird der Zweifel da sein: miese Augen oder Manipulation? Der Name Donaghy, er hängt wie ein Damokles-Schwert über den Schiedsrichtern. Und das nicht nur in der NBA. Eine ganze Zunft steht unter Generalverdacht. Die Baseball-Liga MLB reagierte, wollte ihre "Umpires" genannten Schiedsrichter einem Background-Check unterziehen. Deren Vereinigung nannte das eine "fehlgeleitete Hexenjagd". Die Nervosität ist spürbar. Könnte es Donaghys auch hinter der Baseball-Platte geben, auf dem Football-Feld (NFL), auf der Eisfläche (NHL)? Schätzungen zufolge verwetten die US-Amerikaner mehrere Milliarden Dollar alleine jedes Wochenende auf Footballspiele, geben Geld für Fantasy-Leagues mit ihren Freunden aus. Große Summen, die in Versuchung führen können. Es wird wohl Jahre dauern, bis im US-Sport die Zweifel verschwunden sind.

Zunächst wird das Thema jedoch nicht aus den Schlagzeilen verschwinden. Das Urteil im Fall Donaghy wird erst am 9. November verkündet. Der 40-Jährige wird weiter kämpfen für die Scherben seines alten Lebens. Und immer wieder wird er Staub aufwirbeln. Vor Gericht gab er zuletzt an, 20 weitere Schiedsrichter nennen zu wollen, die auf Sportereignisse gewettet und somit gegen ihren Vertrag verstoßen hätten. Woher der in Kollegenkreisen längst isolierte Skandalschiedsrichter diese Informationen haben will, bleibt für den Moment sein Geheimnis. NBA-Commissioner Stern jedenfalls drohte für den Fall eines derartigen Verstoßes erst vor kurzem mit Rauswurf. Könnte wirklich ein Drittel des Schiedsrichter-Personals bald auf der Straße stehen? Gleichwertigen Ersatz aufzutreiben, wäre ein Ding der Unmöglichkeit, eine Saison mit zahllosen Fehlentscheidungen wie während des Schiri-Streiks 1995/1996 die Folge.

Sollten sich Donaghys Anschuldigungen als wahr erweisen, könnten die betroffenen Referees indes nicht die einzigen bleiben, die ihren Hut nehmen müssten. Dann, so orakeln viele Experten, säße selbst der zuvor unantastbare Stern nicht mehr fest im Sattel.