Super Bowl: Hungrige Freibeuter - DER SPIEGEL
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Super Bowl Hungrige Freibeuter

TV-Rekordquoten, zwei Football-Mannschaften, die in Piratenuniform gegeneinander antreten und die US-Nationalhymne im Country-Style. Auch beim 37. Super Bowl zwischen den Oakland Raiders und den Tampa Bay Buccaneers feiert sich die amerikanische Nation in einem ungenierten Spektakel.
Von Andreas Lampert
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

San Diego - Am kommenden Sonntag, wenn sich die Oakland Raiders und die Tampa Bay Buccaneers im 37. Super Bowl gegenüber stehen, wird die gesamte Nation der USA gebannt vor dem Fernseher sitzen und sich für einige Stunden vom drohenden Krieg im Irak ablenken lassen. "Super Sunday" nennt man gewöhnlich diesen Tag, wenn die NFL ihren Champion kürt und gleichzeitig Corporate America die hohe Einschaltquote nutzen will, um seine neuesten Produkte der Öffentlichkeit vorzustellen.

Auch diesmal ist die Liste der Stars, die für das Unterhaltungsprogramm vor und nach dem Spiel sorgen, lang: Carlos Santana, Michelle Branch, Bonnie Raitt, Shania Twain und die Bombast-Pop-Altmeister Styx werden auftreten. Vor dem Anstoß trägt Celine Dion den Song "God Bless America" vor, das Country-Trio Dixie Chicks intoniert anschließend die amerikanische Nationalhymne. Bon Jovi wird den Abend mit einem Konzert nach Spielende abrunden.

Teil 2: Wie ein 40-jähriger Freak und andere ältere Herrschaften Oakland den Sieg bringen sollen

Festtag für die Werbebranche


Der Fernsehsender ABC, der das Spiel live überträgt, reibt sich jedenfalls wegen des als "Piraten-Duell" titulierten Finales - sowohl "Raider" als auch "Buccaneer" heißt in der englischen Sprache Seeräuber - bereits die Hände. Denn es ist mit einer höheren Einschaltquote zu rechnen als im vergangenen Jahr. Damals verfolgten knapp 132 Millionen TV-Zuschauer in den USA das Spiel zwischen den New England Patriots und den St. Louis Rams (20:17).

Weltweit werden dieses Mal rund 800 Millionen Menschen am Bildschirm dabei sein. 2,1 Millionen Dollar kostet ein 30-sekündiger Werbespot während der Super-Bowl-Übertragung. Die meisten Firmen wollen das Spektakel nutzen, um mit neuen Kampagnen und eigens für den Super Bowl produzierten Werbespots Aufmerksamkeit zu erregen. Für die Werbebranche ist der "Super Sunday" einer der wichtigsten Tage im Jahr.

Himmlische Planung


Doch abseits des Rummels rund um das Endspiel, das in der Nacht zum Montag (23.35 Uhr/Sat.1 und Premiere übertragen live) in San Diego stattfinden wird, freuen sich die Freunde des American Footballs in diesem Jahr auch über die pikante, sportliche Konstellation. Mit dem AFC-Champion Oakland Raiders trifft die beste Offensiv-Mannschaft der Saison auf die beste Abwehr der Liga, die von den Tampa Bay Buccaneers gestellt wird.

"Dieser Super Bowl ist wirklich sexy", jubelt die Vielzahl der amerikanischen Sportkolumnisten voller Vorfreude. "Es ist ein Spiel, das im Himmel für echte Football-Fans geplant wurde", urteilt auch der inzwischen als Fernsehkommenstar tätige ehemalige NFL-Star Boomer Esiason.

Tampa vom Loser zum Champion?

Zum einen gibt es da die herzzerreißende Geschichte der Tampa Bay Buccaneers, die als diesjähriger NFC-Meister erstmals seit ihrer Gründung im Jahre 1976 ein Super-Bowl-Finale erreicht haben. Das Team aus Florida war lange Zeit nicht mehr als ein Sparringspartner für andere Mannschaften und stand jahrelang im Schatten der Miami Dolphins.

"Yuckeneers" nannte man die Buccaneers noch vor ein paar Jahren und Defensive Tackle Warren Sapp, inzwischen im achten Jahr in Tampa, knurrt heute immer noch, wenn er sich an diese Zeiten erinnert. "Es ist einfach frustrierend, wenn man ständig als Blindgänger bezeichnet wird", so Sapp.

Depremierende Tage im Hotel


Die Täler waren tief, die das Team aus Tampa im Laufe der Zeit durchwandern musste. Rich McKay erinnert sich an die ersten Jahre, "Mein Vater war der Trainer, ich war Balljunge", erzählt McKay, "und Montag war immer der beste Tag in der Woche. Denn je näher der Spieltag rückte, desto schlechter wurde die Stimmung."

Besonders die Samstage müssen deprimierend gewesen sein. "Vater und ich saßen in irgendeinem billigen Hotel in Green Bay oder weiß der Teufel, wo wir gerade spielten, und wussten: Morgen wird es wieder fürchterlich." In ihrer ersten Saison verloren die "Bucs" sämtliche 14 Saisonspiele. Auch das zweite Jahr begann mit zwölf Niederlagen in Folge. Diese Pleitenserie ist noch heute NFL-Rekord.



Inzwischen ist McKay 44 Jahre alt und General Manager bei den Buccaneers. Doch gegen die allgemeine Einschätzung, Tampa sei nicht mehr als das Gurkenteam der Liga, konnte auch er sich lange nicht wehren. Zwar steigerten sich die "Bucs" über die Zeit und erreichten immerhin fünf Mal in den letzten sechs Jahren die Playoffs, doch zum großen Wurf reichte es nie.

Deshalb wurde vor dieser Saison in einer bis dahin einzigartigen und viel beachteten Aktion Wunschtrainer Jon Gruden von Oakland für eine Ablösesumme von acht Millionen Dollar nach Tampa gelockt. Zusätzlich traten die Buccaneers eine Vielzahl von Zugriffsrechten auf Nachwuchsspieler an Oakland ab. Eine Entscheidung, die bei den sogenannten Football-Experten nur Kopfschütteln auslöste und als "typisch Tampa" bezeichnet wurde. Doch der Schachzug erwies sich als goldrichtig: Nach 27 Jahren Aufbauarbeit stehen die Buccaneers endlich in einem Super-Bowl-Finale.

Buchmacher favorisieren Oakland


Dennoch gehen die Raiders, glaubt man den Buchmachern in Las Vegas, als Favorit in die Partie. 35:10 Dollar gibt es für einen Sieg Oaklands. Dreimal (1976, 1980 und 1983) hatte das Team aus Kalifornien schon den Super Bowl gewinnen können. Schaut man jedoch genauer hin, hat die Mannschaft in der silber-schwarzen Uniform - ob der Farben und dem Piratenlogo weltweit inzwischen ein Kultobjekt - in der vergangenen 19 Jahren lange auch nicht viel gerissen. Abgesehen von den aufwendigen Umzügen von Oakland nach Los Angeles und wieder zurück in die Bay Area.

Doch in dieser Saison beeindruckten die Raiders mit toller Offensive und einer homogen Mannschaft. Grudens ehemaliger Assistent in Oakland, Bill Callahan, hatte die Mannschaft im März 2002 übernommen und die Philosophie seines ehemaligen Chefs fortgesetzt: Vertrau' den Alten und mische sie unter die Jugend. Obwohl viele ältere Spieler ihre Karriere derzeit in Oakland ausklingen lassen, scheint der Hunger nach Erfolg besonders bei ihnen ungebrochen.

Ein 40-jähriger Freak


Wide Receiver Jerry Rice, mit den San Francisco 49ers bereits dreifacher Super-Bowl-Gewinner, ist inzwischen 40 Jahre alt und freut sich dennoch auf das Endspiel, als wäre es das erste Mal. "Es wird das größte Spiel meiner Karriere", prophezeit Rice, dessen für einen Spieler auf seiner Position ungewöhnliches Alter bereits die ganze Saison ein Thema war. Zum Ärger von Rice: "Alter ist nur eine Zahl. Im Football kommt es nur darauf an, wie gut man sich auf ein Spiel vorbereitet und welche Opfer man dafür bringt."

Rices ehemaligen 49ers-Teamgefährten schütteln dennoch den Kopf, wenn sie ihn heute immer noch über die Spielfelder der NFL sprinten sehen. "Joe Montana beispielsweise denkt, dass ich wahnsinnig bin, immer noch auf diesem hohen Level zu spielen", grinst Rice, "bei den alten Kameraden heiße ich nur noch 'The Freak.' Ich bin stolz, dass ich die alte Garde so würdig repräsentieren kann."

Rice ist nicht der einzige Raiders-Akteur, der in der NFL schon einige Spielzeiten auf dem Buckel hat. Quarterback Rich Gannon ist inzwischen auch schon 37 Jahre alt und dennoch in der Form sein Lebens, wie die Auszeichnung als bester Spieler der Saison (MVP) beweist. Auch Rod Woodson, Trace Armstrong, Tim Brown und Bill Romanowski, der bereits viermal einen Super Bowl gewinnen konnte, gehen auf die 40 zu.

Doch gerade die alte Garde weiß, dass das Spiel gegen Tampa ihre letzte Chance ist, um sich einen dieser gleichsam begehrten wie hässlichen Ringe zu sichern, die es als Auszeichnung für die Spieler des Siegerteams gibt. "Ich bin einfach glücklich, in einem Team zu spielen, dass richtig hungrig ist", so Routinier Rice, "denn nur dann kannst du auch gewinnen."

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