Super Bowl: Triumph der protzenden Neureichen - DER SPIEGEL
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Super Bowl Triumph der protzenden Neureichen

Zum großen Wurf hatten die Tampa Bay Buccaneers vor der Saison ausgeholt, als sie Jon Gruden von den Oakland Raiders als Headcoach verpflichteten. Im Finale der amerikanischen Football-Meisterschaft führte der Top-Motivator den Außenseiter aus Florida durch das 48:21 gegen seinen Ex-Club zum Super-Bowl-Triumph.
Von Tomas Lansky
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sechs Minuten vor Schluss war die Football-Welt an diesem wunderschön warmen Wintertag im kalifornischen San Diego von einem Wunder überzeugt. Die Oakland Raiders hatten soeben den dritten Touchdown in Folge geschafft. Der gute alte Jerry Rice und seine Receiver-Kollegen schienen nach dem 3:34 in Fahrt zu kommen, das Spiel stand nur noch 21:34. Dreizehn Punkte hinten zu liegen, bedeutet ja nur zwei Touchdowns Unterschied. Es waren immer noch über sechs Minuten zu spielen, eine Ewigkeit in der Football-Zeitrechnung.

Eine Ewigkeit auch hatten sich die Besitzer der Tampa Bay Buccanneers von sogenannten Fachleuten verspotten lassen müssen. Nachdem ihnen vor weniger als einem Jahr fünf Trainerkandidaten abgesagt hatten, war aus kommentierenden Kreisen schon eine Stellenanzeige für die Tampa-Coachsuche im Lokalanzeiger empfohlen worden. Zum Spott kam anschließend der finanzielle Schaden, als der pfiffige (so dachte er zumindest damals) Oakland-Raiders-Besitzer Al Davis den Familienbetrieb Tampa (Vater Glazer gehört das Team, seine Söhne und Töchter managen es) um acht Millionen Dollar und etliche Spielertransfers erleichterte: Tampa durfte seinem öffentlich ungeliebtem Coach Jon Gruden zu diesen Bedingungen ein Angebot machen.

In einer Liga, in der schon die zusammengezählten Spielergehälter jährlich weit über zwei Milliarden Dollar betragen, ist besagter Jon Gruden nicht nur ein Motivator ersten Ranges. Er ist ein Schlitzohr, welches sich die Rückkehr in die eigene Heimatstadt mit vielen Dollarscheinen versüßen ließ und Rachepläne gegen die Raiders schmiedete. Auf der Basis der großartigen Abwehrreihe, die sein Vorgänger in Tampa hinterließ, formte er ein Team permanent unterschätzter Underdogs.

Und auf einmal standen diese Underdogs kurz davor, in den letzten sechs Minuten aus überraschenden Matchwinnern wieder zu ewigen Losern zu werden. Nur zweimal mussten die genialen alten Männer aus Oakland noch richtig werfen und fangen. Doch sie waren müde geworden. Müde vom ewigen Anrennen gegen die kolossale Tampa-Abwehr, müde vom schmerzhaften Kampf gegen Abwehrspieler, die trotz massiven Körperbaus die Sprintgeschwindigkeit von 100-Meter-Olympiasieger Maurice Green an den Tag und den flinken Raiders-Quarterback Rich Gannon eins ums andere Mal aufs Kreuz legten. Während der eigene Spielführer Brad Johnson (als besonders unbeweglich bekannt und damit für modernen Football eigentlich ungeeignet) mit dem Ball in der Hand den längsten Ausflug seiner Karriere machte und den Stadionrasen nur selten aus der Nähe betrachtete.

Kurzum, es war ein unerwartetes, merkwürdiges und selbst bei klarem Zwischenergebnis immer aufregendes Spiel. Oft hatte man den Eindruck, dass die Tampa Bay Buccaneers tatsächlich um den Super Bowl spielten und fighteten, während die Oakland Raiders sich oft selbst ein Bein stellten, in distanzierter Eleganz sterbend. Fürs 20:3 bei Halbzeit schuftete die Tampa-Abwehr und brachte die normalerweise wurfsicheren Raiders zur Verzweiflung.

Trotz der auch danach augenscheinlichen Dominanz der roten Piraten aus Florida erwartete man dauernd ein Comeback der Raiders, selbst nachdem zwei weitere Touchdowns ihren Rückstand auf 3:34 vergrößert hatten. In davor gespielten 36 Super-Bowl-Endspielen gab es allerdings nie ein größeres Comeback als zehn Punkte. Defense gewinnt Meisterschaften (während Offense nur für Show und einzelne Spiele gut ist) heißt es. Und doch lag das Oakland-Mirakel nach drei aufeinanderfolgenden Touchdowns in der Luft.

Die Raiders riskierten in den Schlussminuten alles. Und es kam, wie es kommen musste: Defense gewinnt Meisterschaften. Einmal zuviel warf Rich Gannon mit Risiko, und Derrick Brooks, bester Tampa-Bay-Verteidiger des Jahres, schnappte sich den Ball und lief 44 Yards in die Endzone der Raiders.

Der Rest war Feiern. Auf der Buccaneers-Seitenlinie trugen die Helden im Qualcomm Stadium bei noch laufendem Spiel ihre Kinder auf Händen. Jon Gruden sprang auf und ab und auf und auf, vor allem als sich Rich Gannon erneut verschätzte und einen so offensichtlichen Pass warf, den auch die Oma von Dwight Smith vorausgesehen hätte. Vor allem weil Dwight Smith (der es vorgezogen hatte statt seiner Oma zu spielen) schon zuvor eine ähnliche Interception mit anschließendem Touchdown erlaufen hatte.

Immerhin bleibt Rich Gannon eine Leistung für die Geschichtsbücher. Fünf Interceptions warf im Super Bowl noch niemand. In denselben Annalen wird jetzt vermerkt werden, dass eine Top-Drei-Defense neun von zehnmal eine Top-Drei-Offense besiegte. Vor allen Dingen wird aber drinstehen, dass Jon Gruden mit 39 Jahren jüngster Meister-Coach aller Zeiten ist. Alle, welche die Tampa-Glazers für protzende Neureiche hielten, werden sie auch weiterhin für protzende Neureiche halten. Neureiche, die jetzt eine unerwartete Super-Bowl-Meisterschft ihr eigen nennen und sich eine glorreiche Zukunft geschaffen haben.

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