Väterchen Franjo - DER SPIEGEL
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KROATIEN Väterchen Franjo

Staatschef Tudjman stellt sich zur Wiederwahl. Der Herrscher über ein Volk von 4,7 Millionen Einwohnern will als Präsident auf Lebenszeit seine historische Mission vollenden - und Bosnien seinem Land anschließen.
Von Roland Schleicher
• aus DER SPIEGEL 24/1997
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Schriftsteller preisen den »Helden der Helden« und »Steuermann der Nation«. Politiker vergleichen sein Wirken mit den Taten Bismarcks oder Churchills. Maler zeichnen ihn göttergleich vom Himmel herabsteigend, vor leuchtenden Horizonten.

Zahllose Künstler huldigen ihm zu zahllosen Festtagen. Am Tag der Streitkräfte, am Tag des Vaterländischen Krieges, am Tag der gefallenen Helden, am Tag des Sieges - stets gibt es einen Anlaß, dem »größten Sohn des kroatischen Volkes« zu danken.

Franjo Tudjman, 75, ehemaliger Kommunist und Partisanengeneral, seit sieben Jahren Präsident der Republik Kroatien, Chef der Regierungspartei Kroatische Demokratische Gemeinschaft (HDZ), Oberbefehlshaber der Armee, Ehrenpräsident aller möglichen Stiftungen und Gesellschaften, herrscht mit einer Machtfülle und einem Personenkult wie kein anderes Staatsoberhaupt seit dem Ende des Kommunismus in Europa.

Daß er der Größte und Weiseste ist, kann der »Poglavar«, der Führer, wie er sich gern auf altkroatisch nennen läßt, täglich in der streng überwachten Partei- und Regierungspresse lesen: kaum eine Ausgabe ohne mehrere Tudjman-Bilder, meist schon auf der Titelseite, bevorzugt beim Bankett mit ausländischen Gästen oder mit heimischen Persönlichkeiten aus Kultur, Sport und Politik. Im Fernsehen und im Radio beginnen die Nachrichten fast immer mit den jüngsten Aktivitäten des Führers oder seinen Betrachtungen zur Weltlage.

Der promovierte Historiker, der sich 1967 von der Ideologie des Tito-Kommunismus lossagte und wegen nationalistischer Abweichung mit fünf Jahren Haft büßte, hat sich keineswegs von den Attitüden des Ancien régime gelöst, weder privat noch politisch.

Tudjman stellt selbst den autoritären Präsidenten von Belorußland, Alexander Lukaschenko, und die exzentrischen Staatschefs der Slowakei und Albaniens, Vladimír Meciar und Sali Berisha, in den Schatten. Das kleine Kroatien mit seinen 4,7 Millionen Einwohnern ist ein seltsam janusköpfiges Gebilde geworden: mit dem Westen verbündet, wirtschaftlich im Aufbruch, aber auch finsteren Traditionen verhaftet und von einem Familienclan beherrscht, der niemandem Rechenschaft ablegt außer dem Patriarchen.

Doch Tudjman hat noch einen unerfüllten Wunsch. Bisher sperrte sich das Parlament dagegen, die Verfassung so zu ändern, daß er zum Staatsoberhaupt auf Lebenszeit gewählt werden kann. Nun versucht er am kommenden Sonntag einen neuen Anlauf: Bei der Direktwahl durch das Volk will der trotz eines kranken Magens noch äußerst rüstige Tudjman seinen beiden Herausforderern eine solche Niederlage bereiten, daß den Abgeordneten gar nichts anderes übrigbleibt, als dem Staatschef zu Willen zu sein.

Die Chancen stehen gut, denn die beiden Konkurrenten, Vlado Gotovac von den Liberalen und Zdravko Tomac von den Wendekommunisten, haben bei der Bevölkerung Ansehen verspielt - der Liberale wegen Korruptionsskandalen in der eigenen Partei, der Sozialist wegen fehlender Aufarbeitung der Vergangenheit.

Dagegen hat Tudjman in den Augen der Kroaten seit der letzten Präsidentenwahl im August 1992 etwas vollbracht, wofür ihm auch Teile der Opposition danken. Was dem faschistischen Ustascha-Führer und Serbenhasser Ante Pavelic, dem Chef des kroatischen Vasallenstaats von Hitlers Gnaden, zwischen 1941 und 1945 nicht gelang, liegt für Tudjman in greifbarer Nähe.

Pavelics Wahn von einem serbenfreien Großkroatien ("ein Drittel katholisch taufen, ein Drittel vertreiben, ein Drittel töten") ist dabei, Wirklichkeit zu werden. Nicht der Serbe Slobodan Milosevic, der den jugoslawischen Erbfolgekrieg 1991 begann, ist der Sieger auf dem Balkan, sondern Tudjman.

Seit der Rückeroberung von Westslawonien und der Krajina vor zwei Jahren ist sich Väterchen Franjo, wie Tudjman auf dem Lande von älteren Menschen oft liebevoll genannt wird, seines historischen Ranges gewiß. Und daraus leitet er Rechte ab, die über die demokratisch legitimierten weit hinausgehen: Wenn Kroatien Tudjman alles verdankt, schuldet es ihm dann nicht auch alles?

Jedes Familienmitglied der Tudjman-Dynastie ist mittlerweile mehrfacher Millionär, obwohl das Gehalt für offizielle Tätigkeiten sich sehr bescheiden ausnimmt. Selbst der Präsidentenlohn liegt bei nur 3900 Kuna monatlich (knapp 1000 Mark).

Tatsächlich nennt Tudjman eine luxuriöse Tito-Villa und Dutzende Landhäuser sein Privateigentum. Zu Repräsentationszwecken schaffte die Regierung einen Jet für 29 Millionen Mark an, das Parlament bewilligte eine Hochseejacht für 3 Millionen - selbstverständlich mit dem Recht der privaten Nutzung.

Tudjman-Sohn Miroslav, 50, ist Vorsitzender des Geheimdienstes HIS, zuständig für die Koordinierung internationaler Waffenbeschaffung. Der zweite Sohn Stjepan, 48, besitzt mit der Firma Domovina das Monopol für die Ausrüstung der kroatischen Armee; die Verwaltung des Unternehmens residiert in den oberen Stockwerken der HDZ-Zentrale in Zagreb.

Tochter Nevenka, 46, ist Chefin der Ladengruppe Netel, der einzigen Dutyfree-Shop-Kette im Land. Enkel Dejan, 23, macht als einflußreicher Bankier gute Geschäfte, ihm gehören ein luxuriöser Nachtklub und mehrere Restaurants im Zentrum der Hauptstadt.

Doch Pomp und Geld sind nur Beiwerk, worauf es Tudjman wirklich ankommt, ist seine historische Vision - obwohl die rücksichtslose Jagd nach ihr ihn letztlich vom Staatsmann zum Potentaten degradiert.

Nach den militärischen Erfolgen schwelgt der Kroaten-Präsident noch immer im Siegesrausch und stachelt seine Landsleute gegen die unliebsamen Minderheiten auf. Nach Uno-Angaben leben derzeit noch etwa 120 000 Serben in Kroatien, und täglich werden es weniger, vor dem Kriegsausbruch 1991 waren es 600 000.

Unabhängige Menschenrechtsgruppen berichten außerdem, daß Tausende serbischer Bürger ihre nationale Identität zu verbergen suchten, indem sie ihren Namen änderten oder mit dem Eintritt in die Regierungspartei ihre Treue zum Kroatentum beweisen wollten.

Wie einst der radikale Nationalismus des Serbenführers Milosevic, so stellt Tudjmans Drang nach nationaler Größe gegenwärtig die schwerste Bedrohung für den labilen Frieden auf dem Balkan dar. Wie ein zweiter Bismarck möchte der Präsident die politische Landkarte auf dem Balkan neu zeichnen - und das schmale, hufeisenförmige Kroatien vergrößern, indem er Bosnien als Staat auslöscht.

Daß Tudjman dem Mehrheitsvolk Bosniens, den etwa zwei Millionen Moslems, die staatliche Existenzberechtigung abspricht, wurde dieser Tage im Feuilletonteil der regierungsnahen Tageszeitung VJESNIK deutlich. In der Dauerserie »Dr. Franjo Tudjman und seine Gedanken zur kroatischen Freiheit« findet Bosnien Erwähnung nur als historisches Anhängsel Kroatiens im Mittelalter oder zur Ustascha-Zeit.

Gleichzeitig veröffentlicht das Blatt immer neue Attacken gegen den letzten gesamtjugoslawischen Staatspräsidenten und einstigen Tudjman-Vertrauten Stipe Mesic. Denn der hat kürzlich den Ermittlern des Haager Uno-Kriegsverbrechertribunals allerlei über die geheimen Kriegsziele des Poglavar verraten. Nach Mesics Angaben, die auch das offizielle Zagreb nicht mehr abstreitet, trafen sich der kroatische und der serbische Präsident während der Kriegsjahre 47mal zu Geheimverhandlungen über die Zerschlagung Bosniens. Die Entstehung eines islamischen Gottesstaats in Europa, so Tudjman, müsse verhindert, das bosnische Völkergemisch aufgelöst werden.

Die Methoden sind mal drastisch, mal subtil. Das derzeit geltende kroatische Staatsbürgerschaftsrecht verbietet den vertriebenen Serben die Rückkehr in ihre angestammte Heimat, eine individuelle Sonderregelung kann nur das Ministerium für Migration erteilen, das dem Präsidenten direkt unterstellt ist. Meistens sagt es nein.

Alle moslemischen Bosnier hingegen, die es wünschen, können problemlos Kroaten werden; dazu genügt eine Erklärung des Antragstellers, daß er sich der kroatischen Kultur und Geschichte verpflichtet fühle.

Allein in den vergangenen drei Monaten sollen etwa 20 000 Moslems von dieser Einbürgerung Gebrauch gemacht haben - aus ganz praktischen Gründen: Im Norden, Westen und Süden grenzt Bosnien an Kroatien, im Osten an den Todfeind Serbien; fast alle Außenhandelsgeschäfte laufen - wie zu Kriegszeiten der Waffennachschub - über Dubrovnik, Split oder Zagreb. Kroatien ist mit Abstand der größte Handelspartner und die einzige Verbindung nach Europa.

Bosnische Moslems ohne kroatischen Paß haben es schwer, ins Nachbarland zu reisen. Sogar in ihrer Heimat sind sie vielerorts Bürger zweiter Klasse, etwa im herzegowinischen Mostar.

Nach zweieinhalb Jahren unter EU-Verwaltung ist die Provinzhauptstadt immer noch zwischen Kroaten und Moslems geteilt: mit zwei Währungen, zwei Stadtwappen, zwei Fernseh- und Radioanstalten und zwei Stadtverwaltungen. Während im kroatisch kontrollierten Westen Normalität zurückgekehrt ist, Fabriken und Handwerksbetriebe entstehen, Geschäfte alle nötigen Waren anbieten, stirbt der moslemische Osten allmählich ab.

Wo immer sie können, blockieren die Kroaten den Handel über die Neretva, den trennenden Fluß zwischen den Stadtteilen. Die moslemischen Einwohner haben keine Bewegungsfreiheit, ihr Ghetto dürfen sie gewöhnlich nur mit Sondergenehmigung verlassen, die Demarkationslinie ist auf kroatischer Seite schwer bewacht.

Über hundert meist alteingesessene Moslems wurden im vergangenen halben Jahr aus den Westbezirken Mostars vertrieben. Die Roheit der kroatischen Soldaten kostete eine alte Frau das Leben: Nach Uno-Angaben wurde die 71jährige Behinderte mit ihrem Rollstuhl abends aus ihrer Wohnung geschleppt und in eine verlassene Hausruine gezerrt. Dort blieb sie sich selbst überlassen, bis sie erfror. In die Wohnung der Verstorbenen quartierten die kroatischen Behörden eine Soldatenfamilie ein.

Kürzlich forderte der kroatische Bürgermeister von Mostar, Ivan Prškalo, die Moslems sogar auf, ihre Verstorbenen vom alten Zentralfriedhof in den Ostteil der Stadt umzubetten - auch im Grab darf es keine Gemeinsamkeit geben.

Prškalo, der Tote wie Lebende vertreibt, ist nur ein williger Statthalter Tudjmans. Es war der Kroaten-Präsident persönlich, der seinen Liebling Prškalo in Mostar an die Macht brachte. Dessen Vorgänger hatte sich unbeliebt gemacht, weil er sich über die Bevormundung aus Zagreb zu beschweren wagte.

Dreinreden läßt sich der Poglavar nicht einmal von seinem wichtigsten Verbündeten, den Vereinigten Staaten. Deren Außenministerin Madeleine Albright mahnte bei einem Besuch in Zagreb: »Wir erwarten, daß sich Kroatien an die Maßstäbe der sich vergrößernden Gemeinschaft demokratischer Staaten hält und nicht an die Standards der undemokratischen und gewalttätigen Vergangenheit dieser Region.« Tudjman stand daneben und verzog keine Miene.

Wie zum Trotz hält der Großkroate an seinem Plan fest, ausgerechnet auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Jasenovac eine Gedenkstätte für alle zu errichten, die für die »Freiheit Kroatiens« in diesem Jahrhundert ihr Leben opferten. Dazu zählt er neben Partisanenführer Tito auch den Hitler-Verehrer Pavelic, der sich ebenfalls »Führer« (in gängigem Kroatisch: »Poglavnik") nannte und im Vernichtungslager 60 000 bis 80 000 Juden, Serben und Roma umbringen ließ.

Für den Geschichtsforscher Tudjman sind das Übertreibungen: »Mehr als 28 000 Menschen sind bei der Einlieferung nach Jasenovac nicht registriert worden, und eine beachtliche Zahl kam wieder frei.«

Mit der Umbettung der Gebeine des 1959 im spanischen Exil gestorbenen Poglavnik Pavelic und der Überführung des gebürtigen Kroaten Tito will der neue Poglavar als Vereiner aller Kroaten in die Geschichte eingehen. Ihm selbst ist in Jasenovac der Ehrenplatz sowieso schon sicher.

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