Verborgene Welten ganz tief im Mann - DER SPIEGEL
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Verborgene Welten ganz tief im Mann

• aus DER SPIEGEL 15/1992
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Grausam ist sie, die Evolution des Fernsehens: Ihre Steinzeit dauert nicht mal ein halbes Menschenleben. Hätten Sie''s gewußt - oder geahnt -, daß Heinz Maegerlein einmal nicht mehr in seinen Sechziger-Jahre-Quiz-Kramladen greifen, eine Frage-Karte mit Schwierigkeitsgrad sieben hervorziehen und dazu ein spitzmündiges »Oh!« sprechen würde, als hätte da gerade Irene Koss, die Mutter aller Ansagerinnen, den Rock übers Knie geschürzt?

Was sind wir, seit uns Robert Lembke, seine Schweinderl und Ratefüchse im Fernseh-Neandertal abhanden kamen? Serengeti lebt noch immer, aber der tierische Professor Grzimek mußte die matten Augen schließen. Die Nachrichten gehen weiter, obwohl die Köpckes dahingingen - das Fernsehvolk hat manche Prüfung hinter sich.

Aber nun - Sat-anische Machenschaft - soll ein veritabler Saurier der alten ARD, die Sportschau, den Todesstoß bekommen: Der Zuschauer wird von der ersten in die allerletzte Reihe gebeamt, von der aus er am heiligen Samstag allenfalls noch beim Federball oder Formationsschwimmen, der weiblichen A-Jugend beim Querfeldein-Radeln oder einem Sat-1-Aufguß zusehen dürfte.

Was weder Adams Eva noch Alice Schwarzer, noch die härteste Quotenfrau je geschafft haben, die Gefährdung der verborgenen Welten ganz tief im Mann - der Wechsel des samstäglichen Bundesliga-Fußballs von der ARD zu Sat 1 könnte sie auslösen. Was wird der Fan des famosen Freiluftsports finden, wenn er auf fremder Frequenz nach seinen Kickern fahnden muß, wenn ihm Sportschau-Chef Heribert Faßbender kein »Gunaabend allerseits« mehr entbietet? Erst jetzt, wo alles zu spät sein könnte, enthüllt sich, wie diese - Carmen Thomas und ihrem Versprecher »Schalke 05« sei Dank - immer frauenfreie Sendung mit kongenialer Schlichtheit den virilen Seelenhaushalt einer nationenweiten Bruderschaft entsorgt hat.

Wann je noch gliedert ein Ritual die Gesellschaft so zölibatär sauber und zugleich problemlos wie die Sportschau? Da darf sich eine Carolin Reiber freuen, daß ihre Männer, Gatte und Söhne, »gut aufgehoben« sind. Optische Trennkost läßt die ewige Schlacht der Geschlechter ruhen - eine Dreiviertelstunde lang kein Beziehungsknatsch, kein Ehedrama. Männer sind Männer, Frauen haben Freizeit.

Leider muß es erst dämmern, damit die Eule der Minerva ihren Flug beginnen kann. Aber nun, post festum, wird klar erkennbar, was Mann an der Begrenztheit hatte, die alle Moderatoren der Sportschau mehr als viereinhalbtausendmal so verschwenderisch verströmt haben.

Ernst Huberty etwa ist ja außer Spesen immer mehr gewesen. Nur Ignoranten haben ihm seine Post-Maegerlein-Tolle nicht verziehen, den glättenden Griff nach einer endlichen Haarmenge zur Bedeckung der hohen Stirn. Seine Körpersprache wollten sie nicht verstehen, wenn er sich, ein früher Joe Cocker der Mattscheibe, mit sinnlos erscheinenden Handbewegungen an die Grenzen der Erkenntnis vorwagte: »Ist Hennes Weisweiler nun ein Zauberer? Ich weiß es auch nicht.«

Aus seinen Mienen lasen sie nur Biedersinn, wenn er spitzbübisch lächelnd die dranghafte Erwartung auf die Wonnen des runden Leders ins kaum Erträgliche steigerte, um - ach, Ernst - den fußballfixierten Zuschauer statt auf den Gladbacher Bökelberg erst mal mit Manfred Vorderwülbecke zu den Wildwasserfahrern in den Augsburger Eiskanal zu schicken: Huberty als kaltlächelnder Folterknecht.

Ein wenig scheint Mann das zu brauchen. Sonst bliebe unerklärt, warum ernstzunehmende Menschen, Chefredakteure etwa oder Theaterintendanten, jahrzehntelang stoisch jene Ödnis des Immergleichen übersahen, die Sportschau-Moderatoren Samstag für Samstag boten. In Wahrheit bedarf der männliche Triebhaushalt des leblosen Tele-Beamten vom Schlage der Hubertys oder Faßbenders: Die Fußball-Buchhalter steigern die Vorlust auf das Herumtollen mit der Urhorde über die Rasen der Stadien. Sie heißen zwar Moderatoren, aber sie wirken auf die männliche Seele alles andere als mäßigend.

Der sterile Rahmen ist eben entscheidend. Das Sportschau-Konkurrenzunternehmen »Anpfiff« bekam Dünnpfiff, weil die Plaudertasche Ulli Potofski zu quicklebendig die Moderatoren-Kür lief, wo doch Blässe Pflicht war.

Zu den archaischen Wonnen des Fußballrasens haben sich die Männer einen nahezu perfekt getarnten Weg gebaut. Nur Heilige der Treterzunft wie der Bundessepp Herberger oder der Wankdorf-Herold vom Berner Sieg über Ungarn, Herbert Zimmermann ("Halten Sie mich für verrückt, halten Sie mich für übergeschnappt"), durften die mythischen _(* 1969 mit Kollegen Adolf Furler und ) _(Dieter Adler. ) Trivialitäten aussprechen, die den Fußball im Innersten zusammenhalten: daß ein Spiel 90 Minuten dauert, daß der Ball rund ist und daß Tore zählen und daß das gut so ist.

Über den wunderbar leeren Kern des Fußballspiels wachen nicht nur die biedersinnigen Lemuren vor den Linsen der Sportschau. Erst die gestanzte Metaphorik der Spielberichte aus dem Off versüßt die Lust, sich beim Fußball verbal in die Tiefen der Aphasie fallen zu lassen, die Libido zu leben, alle Geheimnisse der Welt ließen sich mit Pfuii und Uii und Rudiii umfassend versprachlichen.

Da möchte Mann einfach bis zum Abwinken hören, daß Chancen nur aus Standardsituationen resultierten, daß der HSV über den Kampf zum Spiel gefunden hat, daß Räume eng werden, wenn man das Flügelspiel vernachlässigt, und daß, stimmt die Einstellung nicht, der Ball nicht läuft. Wie schön das ist, wenn sich die Metaphern an sich selbst berauschen, wenn die Rede so für sich hingeht wie Goethes Spaziergänger, um nichts zu sagen, als sei es ihr Sinn. Dann ist Stammeln genauso Silber wie Reden.

Sat 1 scheint erkannt zu haben, welcher Verlust der Männerwelt droht, und bietet dem TV-Saurier ein Reservat: Volker Kottkamp, jenes Nomen ohne Omen, ist ebenso ausersehen für die neue Bundesliga-Sendung wie der Bayern-Buffo Gerd Rubenbauer. Und selbst Huberty, der Ernst in uns allen, hat Platz im Hünengrab des Privatsenders. Die Steinzeit geht weiter, die Männerhorde darf sich freuen.

Nikolaus von Festenberg

* 1969 mit Kollegen Adolf Furler und Dieter Adler.

Nikolaus v. Festenberg
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