Viel lockerer - DER SPIEGEL
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LEICHTATHLETIK Viel lockerer

Als junges Mädchen war Ulrike Meyfarth Olympiasiegerin geworden und dann in einem Tief untergetaucht. Nun springt sie zum zweitenmal um Platz eins in der Welt.
• aus DER SPIEGEL 36/1981
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Die Olympiasiegerin hatte das Siegen verlernt. Da schnappte Ulrike Meyfarth in einer Psychologie-Vorlesung auf, »daß man aus einer depressiven Phase immer stärker herauskommt, als man vorher gewesen ist«.

Sie raffte alle Kräfte zusammen, trainierte, »daß mir die Knochen weh tun«, und begann ihre zweite Karriere.

Im August siegte sie als einzige Bundesdeutsche im Europacup gegen die Ostblock-Konkurrenz. Durch ihren ersten bedeutenden internationalen Sieg seit 1972 qualifizierte sie sich für den Weltcup diese Woche in Rom.

Dann springt Ulrike Meyfarth, 25, gegen die italienische Weltrekordlerin und Olympiasiegerin Sara Simeoni abermals um den ersten Platz in der Welt. Den bundesdeutschen Rekord verbesserte sie jüngst auf 1,96 Meter. Künftig möchte sie »mal an zwei Meter kratzen«.

Die Meyfarth-Geschichte hatte 1972 beim Olympia in München begonnen: Damals kannten allenfalls einheimische Experten das Jungtalent von 16 Jahren. Die Funktionäre nahmen sie nur in die Mannschaft auf, weil die Spiele im eigenen Lande stattfanden.

»Es war damals so unheimlich einfach für mich«, erinnert sie sich. »Ich bin mit dem Bewußtsein gar nicht mitgekommen.« Sie siegte als Außenseiterin, völlig unbefangen, ohne jeden Leistungsdruck, auch noch mit einem Weltrekord (1,92 Meter).

Von einer Stunde zur anderen zwängte die Öffentlichkeit den eben noch namenlosen Teenager in die Rolle des Stars. Zugleich setzte die Nation Ulrike Meyfarth unter Erwartungsdruck: Was ihr unter perfekten Bedingungen in einer glücklichen Stunde gelungen war, sollte sie nun unter allen Umständen reproduzieren.

Naiv wollte sie einfach weiter hochspringen, denn das »konnte doch nicht wegen einer Goldmedaille zu Ende sein«. In Wirklichkeit trat sie in einen Wettkampf mit ihrer olympischen Vergangenheit. 1973 schaffte sie nur 1,83 Meter -- Mittelmaß. »Wieso machst du weiter«, fragte ihr Lehrer. »Du hast doch alles erreicht.«

Aber sie wollte sich »und vor allem den anderen beweisen, daß ich noch hochspringen kann«, und entdeckte, daß Erfolge nicht allein durch Training und Siegeswillen zu erzwingen sind. Es muß auch mit der Psyche stimmen.

Nach dem Abitur bewarb sie sich 1975 um einen Studienplatz an der Kölner Sporthochschule -- vergebens. Politiker und Sportfunktionäre diskutierten öffentlich, ob der Olympiasiegerin ein Studienplatz als Härtefall gebühre. Denn den unzureichenden Notenschnitt hätten Trainings- und Wettkampfbelastungen im Dienste nationaler Repräsentation bewirkt. Sie gewann daraus die Einsicht: »Die meinen gar nicht mich, sondern mich stellvertretend für etwas anderes.«

Dennoch sprang Ulrike Meyfarth 1975 im Europacup wieder 1,92 Meter hoch wie 1972, wenngleich als zweite hinter der DDR-Weltrekordlerin Rosemarie Ackermann. »Ich hasse diese Höhe«, sagte sie, denn alle Welt schloß daraus, daß sie nun wieder Olympia-Niveau erklommen habe und ihr Weg nur weiter aufwärts führen könne.

Doch beim Olympia 1976 in Montreal scheiterte sie an der Qualifikations-Höhe von 1,80 Meter und an ihrem Olympia-Trauma. Darauf folgte ein vollends »chaotisches Jahr«, in dem sie aus den vorderen Plätzen der deutschen Rangliste und aus dem Nationalkader verschwand.

Sie fühlte sich »restlos am Ende« und nahm sich vor, »etwas völlig anderes zu machen, sonst drehe ich durch«. Die Springerin schloß Freundschaften, studierte emsig, nachdem sie regulär auf einen Studienplatz nachgerückt war, und lernte, »wieder andere Sachen wichtig zu nehmen«. Ob eine »Karriere geglückt oder mißglückt ist«, überlegte sie, »entscheidet sich nicht allein auf dem Sportplatz«.

Aber mit der Zähigkeit, Geduld und Zielstrebigkeit einer Leistungssportlerin wollte sie immer noch »wissen, was für mich drin ist, denn es geht noch höher, das weiß ich«. Sie wechselte nach Leverkusen zum Trainer Gerd Osenberg, der schon mit der Olympiasiegerin Heide Rosendahl gearbeitet hatte.

Als sie 1978 neuerdings deutschen Rekord sprang, nun mit 1,95 Meter, zugleich allerdings mit ihrer Konkurrentin Brigitte Holzapfel, fand sie selbstkritisch: »Ich war noch viel zu verkrampft, weil ich meine Leistung zu sehr wollte.« Nun schöpfte sie Hoffnung, »den Leistungssport noch einmal glücklich in meinen Lebensrahmen einzupassen«. Ulrike Meyfarth will das Olympia-Ereignis, das 1972 an ihr vorübergerauscht war, noch einmal mit Bewußtsein erleben und endgültig aufarbeiten.

»Heute bin ich viel lockerer«, empfindet sie. »Olympia 1984 in Los Angeles ist für mich wohl nicht zu verhindern.« Sie ist froh, weitergemacht zu haben: »Wenn ich damals aufgehört hätte«, sagt Ulrike Meyfarth, »was hätte ich alles versäumt.«

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