Viertelfinalist Frankreich: Titelfavorit? Nein, danke! - DER SPIEGEL
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Viertelfinalist Frankreich Titelfavorit? Nein, danke!

Frankreich hat sich durch den Kantersieg gegen Kanada zum Anwärter auf den Turniersieg hochgeschwungen. Doch der kauzige Trainer Bruno Bini erklärt sein Team immer noch zum Außenseiter: "Wir spielen hier nur um den zweiten Platz."
Feiernde Französinnen: Reif, edel, robust
Feiernde Französinnen: Reif, edel, robust

Feiernde Französinnen: Reif, edel, robust

Foto: dapd
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zu jeder anständigen Fußball-Weltmeisterschaft gehört ein richtig schräger Trainer, dessen Ausführungen seltsam genug sind, um die Zuhörer in einen Zustand irgendwo zwischen Amüsement und Ratlosigkeit zu versetzen. Beim Turnier in Südafrika im vorigen Sommer hat Diego Maradona in dieser Rolle geglänzt, in diesem Sommer entwickelte sich nun zweifelsfrei der Franzose Bruno Bini zum Kauz des Turniers.

"Mein Vorbild ist die Möwe Jonathan", sagte der 56-Jährige nach dem beeindruckenden 4:0-Erfolg seiner Spielerinnen gegen Kanada, in Anspielung auf den Roman des Amerikaners Richard Bach, in dem eine Möwe sich von ihren Artgenossen abhebt, weil sie ihre fliegerischen Fähigkeiten nicht nur einsetzt um Fische zu fangen, sondern aus purer Lust am Gleiten durch die Luft. Die Möwe wird dadurch zum Außenseiter, für den sich der feingeistige Bini wohl ebenfalls hält.

Denn die kickenden Frauen fristen ein Schattendasein in der Grande Nation, und diese Missachtung war ein großes Thema nach diesem Erfolg. Bei der EM vor zwei Jahren in Finnland war kein einziger französischer Journalist akkreditiert, Aufmerksamkeit wurde den Nationalspielerinnen nur zu Teil, als sie sich einmal für Nacktfotos hergaben. "Aber selbst dieses Interesse war nach zwei Monaten wieder verflogen", sagte Gaetane Thiny nach dem Spiel gegen Kanada. Die zweifache Torschützin hofft, dass die Mannschaft nun mit sportlichen Erfolgen "ein etwas nachhaltigeres Interesse" entfachen kann.

Frankreich siegt mit individueller Klasse

Und das hätten die Französinnen ohne jeden Zweifel verdient. Denn diese Equipe ist ein Ereignis, wenn der Eindruck aus dem Spiel gegen die Kanadierinnen nicht völlig täuscht. Es ist ein technisch reifer Kombinationsfußball, den Bini spielen lässt, veredelt mit einer bemerkenswerten individuellen Klasse und der nötigen körperlichen Robustheit. "Wir haben mit großer physischer Kraft gespielt aber auch strategisch geschickt", sagte der Trainer.

Thinys Treffer zum 1:0 kam zwar noch mit freundlicher Unterstützung der schwachen kanadischen Torhüterin Erin McLeod und der Schiedsrichterassistentin zustande, die eine Abseitsstellung übersehen hatte. Doch danach brach Kanada ein. Torjägerin Christine Sinclair, die mit gebrochener Nase spielen musste, blieb blass, und die wenigen Möglichkeiten, die sich ihre Mitspielerinnen erarbeiten, wurden zum Teil auf groteske Art und Weise verstolpert. Frankreich hingegen entwickelte nun genau jene Effizienz, die an den ersten vier Spieltagen allen Teams gefehlt hatte.

Plötzlich ist Frankreich Favorit in der deutschen Gruppe

Nach einer Stunde erzielte Thiny ihren zweiten Treffer, spätestens mit dem 3:0 von Camille Abily war dieses Spiel entschieden (66.). "Vor ein paar Wochen hat noch niemand an uns geglaubt, jetzt entwickeln wir uns Schritt für Schritt weiter", sagte Thiny. Dazu gehört auch, dass die Einwechselspielerinnen enorme Qualitäten einbringen. Torjägerin Marie-Laure Delie, die in 22 Länderspielen 22 Tore erzielt hat, war in dieser starken Mannschaft kaum zu sehen, in der Schlussphase wurde sie durch Elodie Thomis ersetzt, die für viel Unruhe sorgte und prompt zum 4:0 traf (83.).

Frankreich gehört nach zwei Siegen aus den ersten beiden Spielen zum Kreis der Favoriten, und das ist eine Entwicklung, die sich angekündigt hat. Durch die Qualifikation stürmten die Französinnen mit zehn Siegen in zehn Spielen und einem Torverhältnis von 50:0, und Olympique Lyon hat im Mai erstmals die Champions League gewonnen. Im Finale schlug das Team Turbine Potsdam. "Das hat uns viel Selbstbewusstsein gegeben. Und wir haben gesehen, dass wir sogar die Deutschen schlagen können", sagte Mittelfeldspielerin Abily.

Mit fünf Spielerinnen dieser derzeit wohl besten Vereinsmannschaft des Kontinents ist Frankreich angetreten, diese Harmonie prägt das Spiel dieses Kollektivs, und nach den Eindrücken des knappen und mühevollen Sieg des deutschen Teams gegen Nigeria ist Frankreich plötzlich sogar Favorit auf den Gruppensieg. Doch auch wenn Binis Vorbild eine Möwe sein mag, derart gewagte Gedanken wehrte er gekonnt ab. "Jeder weiß, dass Deutschland Weltmeister werden wird, wir spielen hier nur um den zweiten Platz", sagte er und die Journalisten diskutierten später, wie viel Ironie bei diesen Worten mitschwang.

Kanada - Frankreich 0:4 (0:1)
0:1 Thiney (24.)
0:2 Thiney (60.)
0:3 Abily (66.)
0:4 Thomis (83.)
Kanada: McLeod - Wilkinson, Chapman, Zurrer, Timko (77. Stewart) - Matheson - Kyle (60. Scott), Schmidt - Filigno, Julien (60. Tancredi), Sinclair.
Frankreich: Sapowicz - Lepailleur, Georges, Viguier, Bompastor - Soubeyrand, Bussaglia - Abily (82. Le Sommer), Necib, Thiney (79. Boulleau) - Delie (74. Thomis).
Schiedsrichterin: Etsuko Fukano (Japan)
Zuschauer: 16.591
Gelbe Karten: Matheson / Bompastor