Vitamin B - DER SPIEGEL
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AUSBILDUNG Vitamin B

Training und Berufsausbildung belasten Leistungssportler doppelt. Dennoch gibt es unter Spitzensportlern mehr Aufsteiger als im Bevölkerungsdurchschnitt.
• aus DER SPIEGEL 46/1981
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Eine Olympiamedaille in Moskau erschien Weltrekordler Dietmar Mögenburg wertvoller als das Abitur. Er stieg aus der Schule aus und konzentrierte sich auf den Hochsprung. Durch den Olympia-Boykott verpaßte er beides.

Ausführlich beklagten alle Medien die Hochsprung-Olympiasiegerin von 1972, Ulrike Meyfarth: Training und Wettkampf hatten sie zuviel Zeit gekostet; ihr Notendurchschnitt reichte nicht sofort für einen Studienplatz an der Kölner Sporthochschule. Am Numerus clausus scheiterten auch die bundesdeutsche Kraulsprinterin Jutta Weber und Schwimmweltmeister Walter Kusch.

Doch der Eindruck, den viele Einzelfälle wie diese erweckt haben, täuscht. »Das Spitzensportlerdasein« bringt eine »Verbesserung der beruflichen - oder auch sozialen - Chancen mit sich«, faßte Klaus Lehnertz zusammen, der selber 1964 Olympia-Dritter im Stabhochsprung gewesen war. Seine Studie ("Berufliche Entwicklung der Amateurspitzensportler in der Bundesrepublik Deutschland") im Auftrag des Bundesinstituts für Sportwissenschaft belegt diesen Schluß.

Dabei hat die Trainingsbelastung sich für Olympia-Kandidaten zwischen 1950 und 1970 verdreifacht. Sie nähert sich inzwischen auch in Randsportarten den Höchstwerten an. Sprinter Manfred Germar hatten 1960 manchmal vier Trainingsstunden pro Woche noch zu Europarekorden beflügelt. Gegenwärtig trainieren Sprinter schon zwölf Wochenstunden.

Moderne Fünfkämpfer, die Reiten, Fechten, Schießen, Schwimmen und Laufen trainieren und zudem die längsten Anfahrten zu ihren Trainingsstätten auf sich nehmen müssen, bringen es wöchentlich auf 50 Übungsstunden.

Lehnertz gründete seine Untersuchung auf die Angaben von 2036 Sportlern und Sportlerinnen, die der Bundesausschuß Leistungssport (BAL) 1973 erfaßt hatte. 700 von ihnen förderte die Deutsche Sporthilfe.

Für drei Musterfälle errechnete Lehnertz die wöchentliche Gesamtbelastung aus Training und Beruf oder Ausbildung: Sie reicht von 51 Stunden für einen Angestellten und Fechter über 57 Stunden für einen Schwimmer in der zwölften Klasse eines Gymnasiums bis zu 60 Stunden für einen rennradelnden Lehrling. Bis in die Gegenwart, fügt der Autor an, sei der Trainingsumfang weiter um 20 bis 30 Prozent gewachsen. Doch er unterscheidet sich noch immer von Sportart zu Sportart.

Aber die Athleten erfahren auch weit mehr Entlastung als früher. »Zahlreiche Spitzenkönner des Deutschen Skiverbandes z. B. sind Angehörige des Bundesgrenzschutzes«, schrieb Lehnertz. Andere trainieren unbelastet in der Sportkompanie der Bundeswehr. Sportinternate berücksichtigen in der Regel die Bedürfnisse lernender Leistungssportler.

Skistars besuchen etwa das Christophorus-Gymnasium in Berchtesgaden. Sogar Behörden schufen Freiräume: Seine Stellung im Sportamt von Duisburg ermöglichte es dem Gewichtheber Rolf Milser dennoch, sich auf Weltrekorde vorzubereiten.

Oft prägte die Sportarbeit auch die Persönlichkeit des Athleten: »Der Sportler erlebt sich (identifiziert sich) als Spitzenschwimmer, -leichtathlet usw.«, machte Lehnertz aus, »und weniger als Schüler, Bankbeamter oder Glasmacher. Nicht der Studienrat X ist nationaler Meister im 800-Meter-Lauf, sondern der 800-Meter-Meister X ist Studienrat.«

Als Sportwissenschaftler Lehnertz den Ausbildungs- und Berufsweg von Leistungssportlern verfolgte, fand er, daß nur 10,8 Prozent hinter den Berufsstatus ihres Vaters zurückgefallen (Bevölkerungsdurchschnitt: 24,5 Prozent), aber 42,3 Prozent aufgestiegen waren (Bevölkerungsschnitt: 29,9 Prozent).

Das erweist zumindest eine Tendenz, auch wenn Lehnertz die Gültigkeit seiner Vergleichszahlen wissenschaftlich korrekt auf Topsportler begrenzt, die 1973 aktiv waren. Zudem hängt die Aufstiegschance offenbar von der Sportart ab. Ein Kanumeister, so Lehnertz, »hat geringere Berufschancen als ein Leichtathletik-Spitzenkönner«.

Zwei voraufgegangene Untersuchungen bestätigen den Trend. Günstigere Aufstiegschancen genießen Sportmeister offenbar international: Von 235 finnischen Meistersportlern verbesserten 48 Prozent ihre Stellung, mehr als die Hälfte lebten in einer Eigentumswohnung oder einem eigenen Haus. Von 440 schwedischen Topathleten waren 295 auf leitende Positionen gelangt oder hatten sich selbständig gemacht.

Gründe für den überdurchschnittlichen Aufstiegsdrang sind nach Lehnertz' Erfahrungen überdurchschnittlicher Ehrgeiz. Aber Vitamin B, Beziehungen, kommen hinzu. Denn »Spitzensportler haben häufiger als Normalbürger Kontakt mit einflußreichen Personen«, die ihnen beruflich weiterhelfen können. Schließlich unterhält auch die Sporthilfe seit 1977 »eine Berufsberatung für Spitzensportler«.

Wie einige Sportler ihren Ehrgeiz auf die Berufsausbildung übertragen können, bewiesen die Nationalfechter Igor Borrmann und Uwe Leßmeister. Wegen des Numerus clausus konnten sie nicht Zahnmedizin studieren. Sie lernten Rumänisch und schrieben sich an der Bukarester Universität ein.

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