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EISKUNSTLAUFEN Volle Kanne

Nach seiner Verurteilung wegen Misshandlungen war Karel Fajfr sieben Jahre Persona non grata. Jetzt ist er wieder im Geschäft - und die Zunft verneigt sich.
• aus DER SPIEGEL 1/2003
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Es ist, als wäre er nie weg gewesen. Wie ein Feldmarschall schreitet Karel Fajfr an diesem kalten Nachmittag durch die Eishalle in Oberstdorf. Er hält die Hände hinter dem Rücken verschränkt, blickt streng auf die ovale Laufbahn, und als Susanne Stadlmüller wieder einen dieser miserablen Toeloops springt, schüttelt er kurz den Kopf, beugt sich über die Bande und kommandiert: »Noch mal!«

Die Schülerin gehorcht. Sie nimmt Anlauf, springt ab, dreht sich dreimal um die eigene Achse und landet sicher. Zufrieden knurrt der Übungsleiter: »Geht doch.«

Nach sieben Jahren ist das deutsche Eiskunstlaufen wieder bei Karel Fajfr, 59, angekommen. Die Not ist groß und das Niveau jämmerlich - die richtige Zeit für einen, der seinen Ruf als Schleifer eher als Anerkennung denn als üble Nachrede empfindet.

Vor drei Wochen lockte Susanne Stadlmüller, 18, den gebürtigen Tschechen aus dem Retiro, damit er sie bis zu den Deutschen Meisterschaften drillt, die am Freitag in Oberstdorf beginnen. »Für mich ist seine Trainingsmethodik die beste«, sagt die Titelträgerin von 2000 und 2001, die zuletzt beklagenswert hinterherlief. »Ich brauche viel Druck und muss gepuscht werden, und er powert volle Kanne.«

Das Lob gebührt einem Mann, dessen Praktiken 1995 den größten Skandal in der Geschichte der Deutschen Eislauf-Union (DEU) auslösten. Damals wurde »Gold-Karel«, der in den achtziger Jahren Heiko Fischer in die Weltspitze führte, wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen, Körperverletzung in zwei und sexuellen Missbrauchs in elf Fällen verurteilt. Er bekam zwei Jahre auf Bewährung, dazu drei Jahre Berufsverbot als Trainer und musste 18 000 Mark Schmerzensgeld zahlen.

Das Landgericht Stuttgart sah es als erwiesen an, dass Fajfr die Eisläuferin Patricia J. über Jahre beleidigt, getreten und geschlagen hat. Wenn ihr eine Figur misslang, schrie er »fette Sau«, oder er brüllte: »Du musst mal wieder ordentlich gefickt werden, damit du die Beine besser hochkriegst.« 1994, während eines Trainingslagers in Frankreich, soll er der 17-jährigen Nadine P. mehrmals an den Busen gegrapscht und ihr einmal auch in die Hose gegriffen haben. Eine Zeugin verglich das Camp mit einer »psychiatrischen Anstalt«.

Susanne Stadlmüller interessiert die Vorgeschichte ihres neuen Trainers nicht, »auch weil ich davon überzeugt bin, dass sie gar nicht stimmt«. Vor acht Jahren hat sie schon mal für drei Wochen mit Fajfr zusammengearbeitet, und als sie Anfang des Monats jemanden gesucht hat, der ihr aus dem Leistungstief hilft und ihr »Feuer unter dem Hintern« macht, beschloss sie gemeinsam mit ihrem Vater, die Persona non grata des deutschen Eiskunstlaufs anzurufen. »Fajfr ist ein hervorragender Trainer und hat seine Strafe lange verbüßt«, erklärt Peter Stadlmüller. »Ich glaube, dass meine Tochter bei ihm gut aufgehoben ist.«

Der Rückkehrer, im Hauptberuf Architekt, versucht sich als reuiger Sünder. Sagt, er »pflege nicht zweimal denselben Fehler zu machen« und werde sich »hüten, nicht genug Distanz« zu wahren. »Ich war seinerzeit sicher nicht ganz unschuldig«, gesteht er. Einerseits.

Andererseits ist Fajfr unverbesserlich. Die verächtlichen Sprüche, die er täglich produzierte, hält er selbst heute noch für »etwas Lustiges«; andere Sottisen seien »zum Teil kolportiert« worden. Im Fall von Nadine P. steht für ihn »Aussage gegen Aussage«. Unverändert sind Ordnung und Zucht feste Größen in seinem Koordinatensystem. Beim Training zu diskutieren, findet er »unsinnig«.

Das sehen weite Teile der Eislaufzunft genauso. Nur schien das öffentliche Bekenntnis zu dem Hardliner lange nicht opportun. Noch im Oktober wurde Fajfr als Berater des Stuttgarter ERC kurzfristig verhindert - die harschen Reaktionen in den Medien und des Nachbarvereins TuS Stuttgart führten zu einer Volte der Vereinsverantwortlichen. Umgekehrt, sagt der Geächtete, habe er im Lauf der Jahre vielen Müttern eine Absage erteilt, die ihre Kinder von ihm betreut sehen wollten. Susanne Stadlmüller in kurzer Zeit wieder in Form zu bringen habe ihn allerdings gereizt: »Talente wachsen nicht auf Bäumen. Es wäre schade, wenn eins wegfiele. Susanne ist spritzig. Frech. Und mit Braven kann ich nichts anfangen.«

30 Euro erhält Fajfr pro Trainingseinheit, zweimal am Tag steht er mit Stadlmüller eine Stunde auf dem Eis. Er glaubt, dass sie in Deutschland »unschlagbar« sei, wenn sie ihr Programm sauber vorträgt. Sollte sie am Wochenende den Titel gewinnen, wäre er bereit, sie bis zu den Weltmeisterschaften im März zu betreuen. Oder länger, denn: »Ich habe den Job vermisst.«

Die Voraussetzungen, im angestammten Metier Fuß zu fassen, sind günstig. Fajfr, der die Paarläufer Tina Riegel und Andreas Nischwitz 1981 zu WM-Bronze trieb, wird in der Branche empfangen wie eine lang vermisste Autorität. Eistänzer René Lohse begrüßt ihn in Oberstdorf schon mal mit einer ehrerbietigen Verbeugung. Der Eismeister des Bundesleistungszentrums sagt: »Die Jugend schreit doch nach einer harten Hand, so wie sie sich benimmt.«

Bei der DEU bemüht man sich um eine sozialverträgliche Sprachregelung. Für den Ehrenvorsitzenden Hermann Schiechtl ist Fajfr »zweifelsohne ein guter Trainer«, wovon es »bei Gott nicht genug« gebe. Präsident Reinhard Mirmseker sagt, der Verband dürfe Fajfr »auch moralisch nicht noch einmal verurteilen«. Er kann sich sogar vorstellen, dass der vorbestrafte Coach irgendwann wieder als Stützpunkttrainer arbeitet: »Ich würde es nicht verhindern wollen.«

Schwierigkeiten mit dem Comeback haben offenbar nur noch jene, die von der Affäre direkt betroffen waren. Dass Fajfr wieder auf dem Eis steht, hält Kristijan Simeunovic für eine Schande: »Da sieht man, wie tief das Eiskunstlaufen in Deutschland gesunken ist.« Der Hesse, knapp zwei Jahre Eislaufpartner von Nadine P., hatte vor Gericht gegen Fajfr ausgesagt.

An die Läuterung des Trainers mag Simeunovic nicht glauben. »Der Mann ist eine Bombe«, behauptet er. »Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie explodiert.«

MAIK GROßEKATHÖFER

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