FUSSBALL Von vorgestern
Abstand sucht Rinus Michels überall. Den Trainingsplatz im Quartier der holländischen Nationalmannschaft während der Europameisterschaft hat er deshalb konsequent in zwei Welten aufgeteilt.
Auf der einen Platzhälfte absolvieren die 20 besten niederländischen Profis zu
Beginn des morgendlichen Trainings Dehn- und Lockerungsübungen. Die andere Hälfte gehört ihrem Chef allein. Dort joggt Michels im Zuckeltrab immer die Linie entlang, als gelte es, die Grenze ständig neu zu ziehen. Plötzlich aber ist er verschwunden, absolviert hinter abseits stehenden Büschen einsam sein Gymnastikprogramm.
Beinahe regungslos steht er später auf dem Platz und beobachtet das Training, das die beiden Assistenten leiten. Das ist die Pose, die ihn im Urteil niederländischer Medien mal zum »General« gemacht hat, mal zum »Schleifer« oder auch schlicht zur »Bulldogge«. Bezeichnungen sind für Rinus Michels genug gefunden worden, und sie weisen alle in die gleiche Richtung.
Tatsächlich steht Rinus Michels, 60, in Düsseldorf auf dem Trainingsplatz wie ein Relikt aus jenen Tagen, als die Trainer noch Ecken und Kanten hatten, noch nicht ebenso angepaßt, konturlos und austauschbar wie ihre Kicker waren. Rinus Michels, das macht Rinus Michels mit jeder Bewegung und jedem Wort deutlich, trotzt dem Trend der Zeit.
Wenn er von Kollegen spricht, dann von Hennes Weisweiler, Ernst Happel und Udo Lattek - alles Trainer, die »Erfolg haben mußten«, weil auch sie »solche Typen« waren, wie er noch einer ist. Weil auch sie »ihre ganz spezifischen Auffassungen« hatten, »wie man Fußball spielen muß«.
Diese Auffassung machte seine Teams erfolgreich. Ajax Amsterdam wurde mit ihm viermal holländischer Meister und Europapokalsieger, den FC Barcelona führte er in Spanien zum Meistertitel, die holländische Nationalmannschaft 1974 in Deutschland zur Vize-Weltmeisterschaft.
Der 1. FC Köln wurde 1983 mit Michels Deutscher Pokalsieger, und als Nationaltrainer brachte Michels die Holländer, die zuletzt bei zwei Welt- und einer Europameisterschaft gefehlt hatten, in die EM-Endrunde 1988. Sein Team, verkündete Michels vor dem ersten Spiel gegen die Sowjets überzeugt, werde »den modernsten Fußball aller Mannschaften bei der EM spielen«.
Dabei klingen seine Fußball-Thesen wie von vorgestern. Neues, so Michels, gebe es ohnehin nicht, »es wird ja schon 100 Jahre Fußball gespielt«. Sein Credo, das er auch manchmal nach eigenem Eingeständnis »wie ein Evangelium verkündet«, preist die »Stärke des Kollektivs«. Über Stars mag der Mann, der mit Ruud Gullit einen der wenigen Super-Fußballer des Turniers in seiner Truppe hat, im einzelnen nicht nachdenken. Sie fallen ihm allenfalls in dem Zusammenhang ein, ob er nun einen seiner eigenen Spieler »aufopfern« soll, damit der beste Spieler des Gegners »eliminiert« wird.
Wenn Michels doziert, das linke Bein stets über das rechte geschlagen und obendrauf auch noch die linke Hand gelegt, dann meißelt er fast jedes Wort für alle Zeiten fest. Stets legt er Wert auf die korrekteste Bezeichnung - in einer Form von Endgültigkeit, die verhätschelte Profis frösteln läßt. Doch seine Gebote sind von dieser kapitalistischen Welt. Unterm Strich, das verlangt der Fußball-Prediger Rinus Michels von sich und seinen Spielern, habe stets »die Rendite« der Arbeit zu stimmen.
»Unmenschlich« hat Pierre Littbarski, der in Köln in Michels' Konzept stets »die Nummer 7, P.L.« war, des Trainers Stil genannt. Michels, dem Littbarskis verschnörkelte Spielweise »nicht effizient genug« war, hatte gehöhnt, er werde seinem Spieler demnächst einen Extraball kaufen, »damit du auch zu Hause noch dribbeln kannst«.
Bei Waldläufen, so die Kölner Spieler, habe Michels sie absichtlich im Hundekot Liegestütze machen lassen. Der Holländer, empfanden sie gar, bestrafe sie so für die Generation ihrer Väter: »Der rächt sich an uns für die Invasion der Nazis.«
Selbst Torhüter Toni Schumacher, ebenso erfolgbesessen wie der Trainer und auch schon mal Michels' Begleiter in die Oper zu »Rigoletto«, distanzierte sich schließlich: »Michels kann nicht mit jungen Leuten arbeiten, er lebt wie in einer Wasserburg.« Da kündigte Michels.
Der Mythos Michels hat offenbar in Holland alle Zeitläufte überdauert. Die neue Generation der Profis, so der holländische Fußballexperte Lex Muller, hätte als Zehnjährige Anfang der siebziger Jahre den Erfolg Michels' miterlebt, und für sie sei er »immer der Größte geblieben«.
Die Stars akzeptieren jede Entscheidung. Gullit erklärte: »Michels macht die Taktik, und die ist korrekt.« Fast widerspruchslos akzeptierte Marco van Basten, für den der AC Mailand fünf Millionen Mark zahlte, zu Beginn des Turniers die Rolle als Ersatzspieler.
Soviel unbeugsame, wiewohl störrische Härte hat auch Leverkusens Manager Michael Meier imponiert. Er verpflichtete Michels für die kommende Saison als Trainer des Uefa-Cup-Siegers.
Arie Hann, Trainer des VfB Stuttgart, vor 14 Jahren Mitglied der Mannschaft, die im Münchner WM-Finale den Deutschen unterlag, macht den darob etwas irritierten Bayer-Profis Mut. Sie bräuchten »keine Angst zu haben«. Schließlich sei Michels mit den Jahren humaner geworden, nenne seine Spieler nicht mehr nur mit Rückennummern und Initialen, sondern sogar mit vollem Namen. Und außerdem, spottet der Holländer, entspreche ein Mann wie Michels der Mentalität deutscher Fußball-Profis. Die wollten »doch immer genau gesagt haben, was sie tun und lassen sollen«.