Wacker rackern - DER SPIEGEL
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SPORTMEDIZIN Wacker rackern

Athleten, die zu locker trainieren, versagen häufig im Wettkampf: Ihre Muskulatur verkraftet den durch Streß bewirkten Adrenalinstoß nicht. *
• aus DER SPIEGEL 14/1987
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Abfahrtsieger Peter Müller nannte das Erfolgsrezept: »Wir haben so viele gute Leute im Team, daß wir schon beim Training mit hohem Risiko fahren müssen.« So habe die Schweiz bei den Skiweltmeisterschaften in Crans-Montana Anfang Februar acht von zehn möglichen Goldmedaillen gewonnen.

Für die wissenschaftliche Arbeit der Sportmedizinerin Dr. Elke Zimmermann, 33, sind Müllers Äußerungen »eine zusätzliche Bestätigung«. Die Privatdozentin am Institut für Allgemeine Trainingslehre der Sporthochschule Köln hat fünf Jahre lang die Hormonausschüttung von fast 200 bundesdeutschen Spitzensportlerinnen und -sportlern aus den verschiedensten Disziplinen untersucht: etwa im Skifahren, Judo, Schwimmen, in der Leichtathletik und im Ringen. Wichtigstes Ergebnis ihrer Habilitationsschrift _("Das Ausscheidungsverhalten der ) _(Katecholamine Adrenalin und Noradrenalin ) _(unter Trainings-, Vorwettkampf- und ) _(Wettkampfbedingungen«, Köln 1986. )

für die Praxis: Wer zu locker trainiert, verliert.

»Siegertypen mit optimaler Wettkampfleistung bringen schon ins Training Wettkampfatmosphäre ein«, so Frau Zimmermann. Wettkampf heißt Spannung, Spannung wiederum erhöht die Ausschüttung des Hormons Adrenalin im Körper. Denn das Zentrale Nervensystem gibt immer dann den Befehl zum Adrenalinstoß, wenn es instinktiv eine Situation als bedrohlich empfindet - wie eben den Wettkampf, wenn es »ums Ganze« geht.

Gleichzeitig aber bedeutet jede sportliche Tätigkeit Anstrengung. Ihr begegnet der Körper durch die vermehrte Produktion des Hormons Noradrenalin, das die beanspruchten Muskeln in der Belastungssituation unterstützt - unabhängig davon, ob ein Athlet diese Leistung unter dem psychischen Druck einer Meisterschaft oder ganz streßfrei im Training erbringt.

Das Verhältnis der streßunabhängigen Noradrenalin-Ausschüttung zum streßbedingten Adrenalinpegel stellte sich im Lauf der Untersuchungen von Elke Zimmermann als »Schlüssel zum Wettkampfverhalten« heraus.

Im Biochemischen Institut von Doping-Professor Manfred Donike maß sie die Hormonkonzentration im Urin der Sportler. Dank der modernen Meßmethoden brachten die Pinkelproben zweifelsfrei an den Tag: Unabhängig von der Sportart erreichten die Versuchspersonen ihre besten Wettkampfleistungen, wenn das Verhältnis Noradrenalin zu Adrenalin im Bereich zwischen 6:1 bis 3:1 lag. Fiel die Relation unter 2:1, blieben die Athleten im Wettkampf unter ihrem Leistungsniveau: Ihr Zentrales Nervensystem empfand den Wettkampfstreß als so bedrohlich, daß es den Körper mit Adrenalin überschwemmte - Panikreaktionen setzten ein und blockierten den optimalen Bewegungsablauf.

Aber auch Athleten, deren Noradrenalin/Adrenalin-Verhältnis im Training höher als 10:1 stieg, versagten im Wettkampf. »10:1 bedeutet, daß sie zwar

wacker, aber lust- und spannungslos rackern«, so Elke Zimmermann. Noradrenalin werde wegen der körperlichen Anstrengung reichlich freigesetzt, Adrenalin bei diesen Sportlern dagegen nur spärlich: Ihr Nervensystem signalisierte ja im Training keinerlei Bedrohung oder Erregung.

Zu wenig Konzentration im Training rächt sich im Ernstfall bitter. Denn Adrenalin steigert zwar die Leistungsfähigkeit der sogenannten »weißen« oder »schnellen« Muskelfasern, die für die explosive Kraft eines Muskels entscheidend sind. Das Hormon beeinträchtigt jedoch die Funktion der »roten« oder »langsamen« Fasern, aus denen überwiegend die Stütz- und Haltemuskulatur des Skeletts zusammengesetzt ist.

Unter Wettkampfstreß steigt der Adrenalinpegel unweigerlich. Die Haltemuskulatur der Athleten ist in ihrer Koordinations-Fähigkeit beeinträchtigt, eingeübte Bewegungsabläufe verlieren an Präzision. Dr. Zimmermann: »Die Situation gleicht dem Hormonschock etwa nach einem Beinahe-Unfall: Da fühlt man sich auch wie gelähmt.«

Wer im Training zu wenig Adrenalin freisetzt, gibt seinem Zentralen Nervensystem keine Gelegenheit, die Muskulatur unter Adrenalin-Wirkung koordiniert einzusetzen. Im Wettkampf- für alle Athleten eine Streß-Situation - wird er besonders schlecht mit der Belastung fertig. Dieser Athletentyp empfindet die Bedrohlichkeit des Wettkampfs besonders intensiv, sein Adrenalinpegel steigt übermäßig, die Bewegungen werden immer unkoordinierter: Der Athlet versagt.

Sportler dagegen, die auch im Training unter Strom stehen, lösen schon beim Üben einen relativ hohen Adrenalinstoß aus und lernen, ihre Muskeln unter der Wirkung des Streßhormons einzusetzen. Sie erreichen, anders als die sogenannten Trainingsweltmeister, auch im Wettkampf ihr Leistungsniveau.

Fast alle stabilen Wettkämpfer, so Frau Zimmermann, hätten auch im Training Hormonwerte von 4:1 bis 7:1, also fast wie bei einem Meisterschaftskampf. Im Gegensatz zu den anderen, die ihr Übungsprogramm nur mechanisch abwickeln, setzen sich diese Athleten auch im Training immer neue Anreize und Ziele, die einen kleinen Adrenalinstoß bewirken.

Nicht immer aber garantieren ideale Hormonkurven den Wettkampferfolg. Trotz hervorragender Adrenalinwerte verpaßte etwa der deutsche 400-Meter-Krauler Thomas Fahrner 1984 den Endlauf bei den Olympischen Spielen in Los Angeles.

Zimmermann: »Er hat im Vorlauf einfach geschlafen.« An der Hormonbremse kann es wahrlich nicht gelegen haben. Im anschließenden Trostrennen schwamm Fahrner nun olympischen Rekord; er kraulte schneller als der Olympiasieger.

»Das Ausscheidungsverhalten der Katecholamine Adrenalin undNoradrenalin unter Trainings-, Vorwettkampf- undWettkampfbedingungen«, Köln 1986.

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