OLYMPIA / MOSKAU Weiche Welle
Die Gäste aus München brachten Geschenke nach Moskau mit. Sie boten einen Schachtisch aus Marmor dar und stellten darauf ein Dame-Spiel, dessen Steine Olympiamedaillen nachgebildet waren. Schließlich breiteten sie auch noch ein Gedeck Nymphenburger Porzellan aus.
»Ich lade Sie in meine Heimat ein«, erklärte am vergangenen Montag Willi Daume, Präsident des Organisations-Komitees (OK) für die Olympischen Spiele 1972 in München. Der Spiele-Führer betätigte sich sogar als Prophet: »Die sowjetische Mannschaft wird dort sehr populär sein.«
Auch die Moskauer Gastgeber mochten während der olympischen Friedensverhandlungen nicht Porzellan zerschlagen. Weder über die amerikanischen Radiostationen »Free Europe« und »Liberty« noch über die Büros ostdeutscher Landsmannschaften in München sprachen die Russen. Auch das Thema DDR wurde ausgeklammert. Zwischen Tischreden und Trinksprüchen am vorletzten Februar-Sonntag unterblieben Intrigenspiele gegen die Sommerspiele.
Die Münchner Olympia-Reisenden -unter ihnen der heimischen Linksabweichlern entronnene OB Vogel -- fühlten sich wie einst im letzten August der Bundeskanzler »unter Freunden«, so OK-Generalsekretär Herbert Kunze. Sonntagsredner Daume sprach vom »Selbstbewußtsein der Sowjets als große Sportnation«.
UdSSR-Sportchef Sergej Pawlow, ehemaliger Komsomolführer und Mitglied des Zentralkomitees, verhieß, die umfangreichste Sowjet-Equipe zu entsenden, die jemals zu Olympischen Spielen angetreten ist. Auch mehr als 1000 Sowjettouristen -- soviel wie noch nie -- sollen die Ausreise-Erlaubnis nach München erhalten.
Nur beim Feldhockey fehlt eine Sowjetmannschaft, weil Umschulungsversuche mit Eishockey-Stars fehlschlugen. Dafür aber paddeln beim erstmals zur Olympiadisziplin erhobenen Kanu-Slalom Sowjetathleten mit.
Der Kampf um Olympiamedaillen ist für die Russen wichtiger denn je. Bei den Spielen 1964 in Tokio und 1968 in Mexiko hatten sie peinliche Einbußen erlitten. 1960 waren es 103 Olympiamedaillen gewesen, 1968 nur noch 91 -- gegenüber 106 Plaketten für die USA. Die jahrelang scheinbar unbesiegbaren Leichtathletinnen der UdSSR kehrten sogar ohne Goldmedaille aus Mexiko zurück.
Selbst KPdSU-Chef Leonid Breschnew rügte, daß »die Erwartungen nicht erfüllt« worden seien. »Die Mädchen opfern lieber Zeit für eine hübsche Frisur«, entschuldigte sich Delegationschef Gawriil Korobkow, »als für ein hartes Training.« Die besiegte Speerwurf-Favoritin Elvira Osolina ließ sich vor Scham ihren Blondschopf scheren.
Um den Heimvorteil zu nutzen, bewarben sich die Sowjets 1969 erstmals selbst um die Spiele. Der russische Vizepräsident im Internationalen Olympischen Komitee (IOC), Konstantin Andrianow, begründete die Kandidatur mit Argumenten, die noch nie ein sowjetischer Sportfunktionär benutzt hatte: »Unsere Olympiatradition reicht bis 1894 zurück. Damals war ein Russe Mitbegründer des IOC.« Andrianow meinte den Zarengeneral Butowsky.
»Moskau hat das größte moralische Recht auf die Spiele«, erklärte Oberbürgermeister Wladimir Promyslow. Siegessicher meldete die sowjetische Nachrichten-Agentur Tass zu Beginn der Abstimmung, daß Moskau die Spiele 1976 ausrichten werde. Doch nach sieben Wahlgängen siegte Montreal.
»Die westlichen Länder betrachten die Olympischen Spiele als ihr Privileg«, zürnten die Sowjets. Stärker als zuvor schossen sie sich nun auf die
»Mit Münchens OB Vogel (2. v. l.) Und OK-Generalsekretär Kunze (3. v. l.).
Olympiastadt München ein. Auch die verbündeten Ostblockstaaten beteiligten sich am Sperrfeuer. So oblag es der CSSR, gegen die Unterzeichnungsstätte des Münchner Abkommens und den Hort sudetendeutscher Bünde zu protestieren. Bulgarien verweigerte die Transit-Erlaubnis für das Olympische Feuer, das in einem Stafettenlauf von Griechenland nach München gebracht werden soll.
Das heftigste Störfeuer jedoch kam aus der DDR. Sie prangerte wie Polen die Olympiamünze an, auf der statt der Bezeichnung »Bundesrepublik Deutschland« nur »Deutschland« eingeprägt war. Auf IOC-Geheiß mußte die Münze neu geprägt werden.
Das Propaganda-Trommelfeuer auf die US-Radiostationen unterstützten auch die Russen. Freies Europa -- zu dessen Berater-Komitee auch CDU-Chef Rainer Barzel gehört -- strahlt täglich 19 Stunden lang Programme in fünf Ostblockländer aus. Zumindest für die Dauer der Olympiade forderte Moskau absolute Funkstille.
»Wir werden dann unser Sportprogramm sogar verstärken«, verriet Rundfunkdirektor Ernest Langendorf. Zehn Reporter von Freies Europa sollen von den Wettkämpfen berichten. Empört urteilte IOC-Vize Andrianow, daß »Radiostationen wie Freies Europa den Stolz verschiedener Länder verletzten«.
Doch am Tage vor der Ankunft der Münchner Olympiagäste schalteten die UdSSR-Funktionäre die Rundfunkkritik auf eine weiche Welle um. Pawlow, der nur geringe Chancen hat, bei der nächsten Wahl im April seinen ZK-Sitz zu behalten, wich bei einer Pressekonferenz der Frage nach den Hetzsendern aus.
Als Olympiachef Daume auf Pawlows Bitten in Moskau bei einem Hallensportfest sowjetische Sieger per Handschlag begrüßte, erntete er starken Beifall. Der Mainzer Stabhochspringer Heinfried Engel startete mit einem Stab, den ihm ein russischer Rivale geliehen hatte. Engel siegte. Bei einem Rekordversuch freilich brach der russische Stab.