TENNIS Wenig zimperlich
Drei Dinge belasten den tschechischen Tennisspieler Ivan Lendl im Augenblick ganz besonders: die Regierung in Prag, die sein Ausbürgerungsbegehren nur schleppend behandelt, sein Heuschnupfen und zwei Klagen, die demnächst amerikanische Gerichte beschäftigen:
Sieben Millionen Dollar Schadenersatz soll der Tennis-Superstar an das US-Unternehmen ProServ Inc. zahlen, das viel Geld damit verdient, Tennisveranstaltungen zu organisieren und die dort auftretenden Akteure zu vermarkten und zu vermakeln.
Unter den Fittichen von ProServ reiste auch Lendl einträgliche sieben Jahre zu den Grand Slams und Opens, den Aschen- und Hartplätzen zwischen Osaka, Melbourne, New York und Hamburg, ehe er Anfang Oktober letzten Jahres bei der Management- und Repräsentationsfirma kündigte. Am 15. Dezember 1987 schlüpfte Lendl aus dem ProServ-Stall und gründete eine eigene Firma, die engen Kontakt ausgerechnet zum ProServ-Konkurrenten Mark McCormack und seiner International Management Group hält.
In ihrer Schadenersatzforderung wirft ProServ ihrem langjährigen Klienten einen »Vertragsbruch ohne ausreichende Begründung« vor. Lendl und seine Anwälte bestreiten dies. Sie antworteten, nachdem außergerichtliche Vergleichsverhandlungen fehlgeschlagen waren, letzten Monat mit einer Gegenklage und verlangen von ProServ ihrerseits Schadenersatz in Höhe von wenigstens 25 Millionen Dollar.
Die Marketing-Firma und drei ihrer Manager - Donald Dell, Alonzo Monk sowie Lendls langjähriger Freund Jerry Solomon - haben nach Ansicht von Lendls Anwälten den tennisspielenden Möchtegern-Amerikaner gemeinschaftlich »betrogen, hintergangen« sowie »Lendls Interessen der Maximierung eigenen Profits geopfert« und dadurch gegen eine Reihe von Gesetzen verstoßen.
Die Klageschrift belegt, wie es scheint, hinreichend, daß die ProServ-Manager die Tenniskünste ihres Zugpferdes Lendl so geschickt vermarkteten, daß sie den Tschechen, ohne daß er es merkte, um ein gut Teil der ihm zustehenden Einnahmen brachten.
Begonnen hatte es offenbar schon bei Lendls ersten Versuchen, im internationalen Tenniszirkus Fuß zu fassen. Der polnische Tennisspieler und ProServ-Klient Wojtek Fibak nahm sich des Kollegen Lendl an, als dieser 1980 Amerika als zweiten Wohnsitz erkor.
Fibak beherbergte Lendl, trainierte ihn, brachte ihm amerikanische Tischsitten und Steuergesetze nahe und zog ihn - auftragsgemäß, wie die Klageschrift geltend macht - ins ProServ-Lager. Fibak wurde im Gegenzug, so die Klage, dafür ein Mindesteinkommen garantiert.
Um dieses bezahlen zu können, vermittelte ProServ ihren Altstar Fibak und ihren Jungstar Lendl als »package« zu Tennis-Schaukämpfen. Ohne Lendl zu unterrichten - vertragswidrig, wie seine Anwälte anführen -, kürzten die Star-Makler intern Lendl zustehende Antrittsgelder und schoben die jeweilige Differenz Fibak zu.
Ähnliche Paket-Geschäfte arrangierten Dell, Monk und Solomon laut Klagetext auch dann noch, als Lendl zum Superstar auf dem Tenniscourt und gefragten Zugpferd in der Werbung geworden war. Sie hätten »Lendls einzigartigen Ruf und seine Spitzenstellung« im Profitennis zu eigenem Nutzen »ausgebeutet«, heißt es in der Klageschrift.
Statt Lendl beispielsweise beim Autovermieter Avis zu einem Spitzenhonorar zu verhelfen, vermittelten Dell & Co den Tschechen gemeinsam mit anderen Pro-Serv-Klienten für eine Avis-Werbekampagne. Lendl mußte sich das Honorar mit seinen unbekannten Kollegen teilen.
Durch diese Mischkalkulation habe, so die Kläger, vor allem ProServ ihren Verdienst erhöhen können. Denn während das Unternehmen von Lendls Einkünften vertraglich vereinbarte 7,5 Prozent abkassierte, betrug diese Spanne bei weniger bekannten Spielern zwischen 20 und 25 Prozent.
Noch weniger zimperlich agierte die Firma ProServ, so die Klageschrift, in der Doppelrolle als Spielervertreter und Turnierorganisator, über die sie Lendl im Ungewissen zu lassen suchte.
Für den Schaukampf in Osaka im Januar dieses Jahres etwa, so erfuhr Lendl von »Solomon und Monk mit Wissen Dells«, habe man leider »ein Antrittsgeld von nur 60 000 Dollar aushandeln können«, heißt es in der Klageschrift, und: »Angesichts des Vertrauens, das Lendl für seinen Freund und Berater Solomon hegte«, habe Lendl, »dessen Marktwert pro Erscheinen bei 100 000 Dollar lag«, dennoch zugesagt.
Erst als der Tscheche erfuhr, daß Solomon und Monk für ihre Firma 500 000 Dollar Organisationskosten einkassierten, bestand er auf Gagenanhebung. Für Osaka erhielt Lendl schließlich 85 000 Dollar Startgeld.
20 000 Dollar nachlegen mußte ProServ bei der Endabrechnung des Lendl-Auftritts im australischen Sanctuary Cove. Die dortigen Promoter hatten für Lendl ein Antrittsgeld von 90 000 Dollar bezahlt. Wiederum hatten Solomon und Monk Lendl »fälschlicherweise erklärt«, sie hätten »ein Honorar von nur 70 000 Dollar aushandeln können«. Wieder muckte der scheue Lendl gegenüber seinem Freund Solomon nicht auf. Erst nach der Vertragskündigung habe Lendl von der Umleitung der 20 000 Dollar erfahren und die Summe erfolgreich eingefordert.
Überdies stünden, so Lendls Rechtsvertreter, weitere Honorare aus, wie etwa die 90 000 Dollar für einen Schaukampf im kalifornischen Newport Beach 1986 und das Ausfallhonorar für ein Spiel gegen Mats Wilander in Stuttgart aus dem Jahre 1987. Für den abgesagten Auftritt hatte Pro-Serv Wilander 25 Prozent des vereinbarten Honorars bezahlt und sich verpflichtet, weitere 25 Prozent zu überweisen. Lendl hingegen habe »trotz wiederholter Anmahnung nichts von ProServ bekommen«.
Lendls Anwälte sind überzeugt, daß ihr Klient (geschätztes Einkommen 1987: acht Millionen Dollar) von Pro-Serv geradezu unterbezahlt worden sei. Wohl habe sich ProServ verpflichtet, Lendl für Auftritte abseits der Tennisplätze »ein Minimum von 500 000 Dollar« pro Jahr zu verschaffen. Doch diese Summe sei »nur halb so hoch wie die, die ProServ einem anderen Klienten garantiert« habe.
Der im Umgang mit seinen Managern ungelenke Geschäftsmann Ivan Lendl fühlt sich nun »persönlich verletzt«. Nach fast zehnjährigem Aufenthalt im Big Business der Tennisprofis findet er: »Die Zeit ist da, daß die Fakten auf den Tisch kommen.«