Skispringen Frustrierter Bundestrainer Rohwein wirft hin
SPIEGEL ONLINE: Herr Rohwein, Sie wurden als Trainer des deutschen Skisprungteams dreieinhalb Jahre lang scharf kritisiert. Sind Sie froh, dass die Zusammenarbeit in dieser Form bald beendet ist?
Rohwein: Die von DSV-Präsidenten Alfons Hörmann angekündigte Zäsur zum Ende der Saison ist unumgänglich. So kann es jedenfalls nicht weiter gehen.
SPIEGEL ONLINE: Das klingt, als ob Sie aufgeben.
Rohwein: Nein, dafür bin ich nicht der Typ.
SPIEGEL ONLINE: Hörmann schließt nicht aus, dass Sie Ihre Kündigung schon nach dem nächsten Weltcup-Springen im Briefkasten haben werden.
Rohwein: Daran könnte ich auch nichts mehr ändern.
SPIEGEL ONLINE: Wie stellen Sie sich Ihren Abschied vor?
Rohwein: Wir trennen uns. Das steht fest. Im gegenseitigen Einvernehmen. Glauben Sie mir, ich habe brutal viel investiert in diesen Job. Wenn ich mich für etwas entscheide, dann mache ich es richtig und vernachlässige sogar meine Familie und Freunde.
SPIEGEL ONLINE: Sie vermissen Dankbarkeit?
Rohwein: Nein. Wenn Sie ein Traineramt mit dieser Erwartung annehmen, sollten Sie es lieber gleich sein lassen. Dankbar ist Ihnen in diesem Geschäft niemand.
SPIEGEL ONLINE: Sondern?
Rohwein: Ich bin einfach maßlos enttäuscht.
SPIEGEL ONLINE: Von wem?
Rohwein: Leider wurden nicht alle Vorgaben, wie wir sie im Team besprochen haben, von allen Beteiligten umgesetzt. Da war ich im Nachhinein gesehen etwas zu vertrauensvoll.
SPIEGEL ONLINE: Inwiefern hat der Technische Leiter Rudi Tusch Ihr Vertrauen missbraucht?
Rohwein: Nach den Olympischen Spielen wurden strukturelle Veränderungen vollzogen. Dabei habe ich mehrere Wochen gekämpft, um einen gemeinsamen Kompromiss zu finden. Hier hätte ich sicherlich gerade in den Gesprächen mit Rudi Tusch meine Vorstellungen mit mehr Nachdruck durchsetzen müssen. Hier hatten wir verschiedene Auffassungen. Vor allem, was die zentralen Lehrgangsmaßnahmen anbelangte. Das Stützpunktsystem macht zwar grundsätzlich Sinn, aber meiner Meinung nach ist es unumgänglich, die besten Athleten im DSV in zentralen Trainingsmaßnahmen das gesamte Jahr über zu betreuen.
SPIEGEL ONLINE: Was ist falsch am Stützpunkt-Training?
Rohwein: Stützpunkt-Training ist kein Patentrezept für alle Sportarten. Das funktioniert bei Ausdauersportarten wie Biathlon oder Langlauf. Da kann ich als Trainer sagen, ob du jetzt zu Hause oder in Oberhof 130 Kilometer in der Woche durch den Wald joggst, ist egal. Aber beim Skispringen geht es um technische Detailarbeit - und die hat darunter gelitten. Außerdem ist es nicht förderlich für das Vertrauensverhältnis zwischen Cheftrainer und Springern, wenn man als verantwortlicher Cheftrainer die Athleten selten sieht. Ich kann mich ja nicht zerreißen und an allen Stützpunkten gleichzeitig vor Ort sein.
SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie sich nicht gegen die Einführung gewehrt?
Rohwein: Das war mein größter Fehler. Drei Wochen lang habe ich gekämpft, versucht, die Verantwortlichen zu überreden, und mich dann doch mit ein paar Zugeständnissen zufriedenstellen lassen. Ein zweites Mal würde ich das nicht tun.
SPIEGEL ONLINE: Warum haben wir keine Ausnahmeathleten mehr im deutschen Skisprungteam?
Rohwein: Weil die nicht auf den Bäumen wachsen. Und wenn doch, dann musst du sie auch schütteln.
SPIEGEL ONLINE: Was man in Deutschland verpasst hat?
Rohwein: Uns fehlt eine ganze Generation. In den Jahrgängen 1983 bis 1987 gibt es zu viele Athleten, die den Sprung in die Nationalmannschaft nicht gepackt haben.
SPIEGEL ONLINE: Die Generation, die nach Sven Hannawald und Martin Schmitt hätte folgen müssen?
Rohwein: Es kann doch nicht sein, dass ich heute dieselben Athleten im Spitzenteam trainiere wie vor vier Jahren. Es muss immer einen natürlichen Wechsel geben. Bei uns fehlt die interne Konkurrenz. Die alten Hasen müssen spüren, dass sie sich verdammt anstrengen müssen, um nicht aus dem Kader zu fliegen. Ich möchte niemandem zu nahetreten, aber im Leistungssport gibt es nun mal ein gewisses Hochleistungsalter. Bevor die Spitzenathleten dieses erreicht haben, sollten eigentlich der Nachwuchs im Weltcup unterwegs sein. Dann hätte man die gewünschte Mischung aus alt und jung, Erfahrung und Draufgängertum.
"Diese sogenannten Fersehexperten" - Rohwein über die ständige Kritik von Dieter Thoma, Zurückhaltung als Selbstschutz und aggressive Journalisten
SPIEGEL ONLINE: Ist es ein Nachteil für die Entwicklung des Teams, dass Schmitt noch springt?
Rohwein: Tja, was soll ich da antworten? Gegenfrage: Wer soll ihn denn ersetzen?
SPIEGEL ONLINE: Schmitt hat Ihre Trainingsmethoden in der Öffentlichkeit als "überholt" kritisiert.
Rohwein: Wenn ein Springer etwas an meinen Trainingsmethoden auszusetzen hat, dann kann er immer zu mir kommen. Ich war immer offen für interne Verbesserungsvorschläge. Das Problem liegt doch woanders. Ich habe immer Selbstständigkeit von meinen Sportlern gefordert. Martin wurde in seinen erfolgreichen Zeiten alles abgenommen. Seine einzige Aufgabe bestand darin, sich auf den Balken zu setzen und zu springen.
SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie mehr Rückhalt von Schmitt in der Öffentlichkeit erwartet?
Rohwein: Ach, wissen Sie, das ist so eine Sache. Sie sollten von den Jungs nicht zu viel erwarten. Und das beziehe ich jetzt nicht nur auf Martin. Die Athleten werden auf ein Niveau gehoben, zu kleinen Helden gemacht, dabei sind es ganz normale Menschen, die einfach eines besser können als alle anderen: Skispringen. Aber wissen Sie, was mich viel mehr stört?
SPIEGEL ONLINE: Bitte.
Rohwein: Diese sogenannten Fernsehexperten. Dieter Thoma schießt seit dreieinhalb Jahren gegen mich und die Athleten, ohne sich zu informieren, ohne nur eine Sekunde nachzudenken. Das ist einfach einer, der drauf los plaudert. Die Springer nehmen das doch auch im Unterbewusstsein auf, da entsteht ein großer Druck. Thoma benutzt die Fernsehbühne, um seinen Namen im Gespräch zu halten. Die wirklich großen Leute des Deutschen Skisprungs sind Jens Weißflog und Sven Hannawald. Als ich damals mit Thoma im selben Team trainiert habe, damals war er 16, war er schon genauso. Während meiner Zeit als Cheftrainer hat es viele Vier-Augen-Gespräche zwischen uns gegeben. Er versicherte mir, er sei eben so und meine die Dinge nicht so. Damit kann ich aber nichts anfangen. Das ist nicht mein Niveau.
SPIEGEL ONLINE: Sie wurden bisher stets als "loyal bis zur Selbstverleugnung" beschrieben.
Rohwein: Meinen Sie, ich weiß nicht, dass sich manche Journalisten einen Spaß daraus machen, den Rohwein endlich mal aus der Reserve zu locken? Das ist deren Sport. Manche Fragen sind so aggressiv und unter der Gürtellinie. Je ruhiger du bist, um so aggressiver werden die Fragen. Meistens gelang es mir, die Minen gut zu umgehen.
SPIEGEL ONLINE: Waren Sie zu nett für Ihren Job?
Rohwein: Es gibt ein schönes Lied, "Du musst ein Schwein sein", das trifft die Situation ganz gut. Ich greife niemanden persönlich an. Das hasse ich selbst wie die Pest. Ich sage ruhig meine Meinung, die bestimmt manchmal weh tut, aber ich verletze keinen meiner Sportler. Aber nett? Da hast du auf Dauer keine Chance.
SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie gelernt als Trainer der deutschen Skispringer?
Rohwein: Viel! Ich weiß jetzt zum Beispiel, dass viele Absprachen besser schriftlich fixiert werden sollten. Schenkst du Vertrauen, ist das bis zu einem bestimmten Punkt bloß naiv. Und in unserem Sport geht es leider immer öfter mehr um das Drumherum als um die Leistungen.
Das Interview führte Cathrin Gilbert.