Achilles' Spezial Elend Eisschnelllauf
Die ganz großen Fragen des Lebens sind immer auch Charakterfragen: Coke oder Pepsi? Beatles oder Stones? Madonna oder Britney? St. Pauli oder HSV? Mercedes oder Lada? Achim oder Nurmi? Sag mir, für wen Du Dich entscheidest und ich sage Dir, was für einer Du bist. Das Problem an Anni Friesinger und Claudia Pechstein ist, dass sie mit den großen Fragen des Lebens nichts zu tun haben. Nie käme eine Männerrunde auf die Idee, die Vorzüge der beiden vergleichend zu analysieren. Sie sind einfach nur erfolgreiche Eisschnellläuferinnen, total nett und womöglich etwas schlicht, weil sie ihr ganzes Leben lang nur in Zehntelsekunden-Schritten denken.
Das ist auch schon die ganze Geschichte. Leider wollten sie die nie wahrhaben. Anni und Claudia - die Nachnamen fielen irgendwann weg - bauten leider auf irgendwelche windigen Manager mit Handgelenkstasche, die ihnen einredeten, sie hätten Potential, seien Kult gar, in ihrer einzigartigen Mischung aus Athletin, Diva, Sexbombe und total unbeschwerte Trend-Göre mit Leistungshunger. Das war eine kapitale Fehleinschätzung, auf die nur das Sport-Feuilleton hereinfiel. "Das frohgemute Kind aus der Generation Golf skatet bereits in die richtige Richtung des Zeitgeistes, wenn die Konkurrenz noch auf der Suche nach ihm ist", säftelte die "Süddeutsche Zeitung" über Anni. Dabei stimmt das Gegenteil: Wird Obi-mäßig ein frohgemutes Zeitgeist-Image gesägt, wird beim schlichten Sportinteressierten bisweilen das unschöne Gefühl des Fremdschämens ausgelöst.
Was zum Beispiel ist peinlicher als eine Sportlerin, die sich zu jedem Großereignis frivol fotografieren lässt, aber keiner mehr hinguckt? Liebe Claudi, sage der Anni bitte mal, dass sie die nächsten Woche die Klamotten anbehalten soll, jetzt, wo ihr doch keinen Zickenkrieg mehr habt, weil den ja am Ende auch niemanden gejuckt hat.
Die Claudi kommt aus dem Osten, scheint aber eine Spur pfiffiger zu sein als Anni aus Bayern. Frollein Pechstein kam bislang fast ganz ohne Ausziehen aus, was ihr immerhin die Verlegenheit ersparte, fortwährend die Oberschenkel mit Tüchern, Schatten oder Betonpfeilern verdecken zu müssen, weil sich Eisschnelläufer-Oberschenkel auf Erotikfotos ausgesprochen ungünstig machen. Sie wecken bei Männern Urängste.
Claudi, die Juxige, hat eine andere PR-Strategie entwickelt: Sie setzt sich manchmal eine total lustige Perücke auf. Das freut den Sponsor Wella, denn das schwarzrotgoldene Kunsthaar ist jetzt Claudis Markenzeichen. Den Staubfänger kann man in ihrem eigenen Fanshop bestellen, besonders günstig im Pechstein-Starterkit mit Poster und Autogrammkarte. Oder die Hit-CD: "Super-Claudia - Kufen-Queen." Heidewitzka. Und Anni? Die kontert mit eigener Modelinie: Basecap, T-Shirt und Schlüsselband. Wegen des immensen Erfolges nennt sie sich bestimmt bald "Freezinger" und vermarktet die Kollektion global.
Seien wir ehrlich: Eisschnelllauf ist in Wirklichkeit ein ausgesprochen beknackter Sport, mit dem Unterhaltungswert eines Käsebrötchens. Entsprechend ist das öffentliche Interesse: knapp über null. Dass eine von beiden irgendein Weltcuprennen in Inzell gewonnen hat, ist einer der vertrauten Fäden im wochenendlichen Geräuschteppich, der im Radio zwischen den Fußballübertragungen liegt. Kurzes anerkennendes Nicken, dann endlich zur zweiten Halbzeit Bundesliga.
Auch wenn es uns smarte Medienanalytiker weismachen wollen, dass Eisschnelllauf ein unglaublicher Boomsport ist, interessiert das Gekreisel doch nur ein paar Freaks und die Verwandten der Athleten. Ein Blick auf die Fanseiten sagt alles. Claudi muss sich von Holländern feiern lassen, Anni offenbar von einem Schiffschaukelbremser. Eisschnelllauf ist wie Bahnradfahren: todlangweilig, außer bei Olympia. Da bekommen unsere Riesenkeulen, an denen ein wenig Frau befestigt ist, für die Dauer eines Finallaufs plötzlich enorme Wichtigkeit - für den Medaillenspiegel. So wie heute. Deswegen wünschen wir unseren beiden Eis-Elfen auch alles erdenklich Gute. Und dass ihnen eine Zweitkarriere als Moderatorin bei 0900-TV erspart bleibt.